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Weltweit Räume entdecken in Herrenhausen
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18:37 07.05.2013
Von Stefan Arndt
Sänger, Objekte, Videos – und ein übermächtiger Festsaal: In „Kinder Toten Lieder“ wird der ganze Raum zur Bühne. Quelle: Krückeberg
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Hannover

Was soll man hier machen als alles anders? „Sobald man diesen Raum betritt, taucht man ein in eine andere Zeit“, sagt der Regisseur Christof Nel über die Galerie in Herrenhausen, „er hat eine Weite und Ruhe, die man sonst so nicht findet.“ Der Saal ist das eigentliche Zentrum der Kunstfestspiele Herrenhausen, deren vierte Ausgabe am 1. Juni beginnt. Die spektakuläre Galerie mit ihren geometrischen Deckenfresken, der gedämpften Wandbemalung und vor allem den ungewöhnlichen Proportionen - der Raum ist sehr schmal und sehr lang - bestimmt längst auch den Inhalt der Kunstfestspiele: Weil er für klassische Theater- und Opernaufführungen nicht besonders gut geeignet ist, muss man hier nach anderen, besseren Vorstellungsformen suchen.

Kunstfestspiel-Intendantin Elisabeth Schweeger verfolgt das konsequenter als alle anderen Veranstalter an diesem Ort. Und mit jeder Lösung eines Raumproblems erfindet sie nebenher ein bisschen auch das Theater neu. Anders kann man es zumindest kaum beschreiben, was in wenigen Wochen bei dem Festival zu sehen sein wird: Es gibt nicht Oper, nicht Theater, nicht Konzert - sondern eine noch namenlose Mischung aus allem. Regisseure wie Christof Nel oder Sabrina Hölzer bahnen sich in Herrenhausen neue Wege, um Theater und Musik zu präsentieren. Die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum sind dabei oft ebenso aufgehoben wie die gewohnte, lineare Abfolge der Ereignisse: Bei den inszenierten Konzerten, den musikalischen Installationen oder Musikperformances passieren die Dinge auch gleichzeitig und an unterschiedlichen Orten.

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Sabrina Hölzer, die mit freien Produktionen derzeit Aufmerksamkeit erregt und in Herrenhausen einen mit 20000 Euro dotierten Regiepreis (den Belmont-Preis für zeitgenössische Musik) in Empfang nehmen wird, inszeniert die Eröffnungsproduktion „Atlas - Inseln der Utopie“ und stellt sich damit der Konkurrenz von glanzvollen Premieren wie Vivienne Westwoods „Semele Walk“. Die Musik zu „Atlas“ hat José María Sánchez-Verdú komponiert - extra für die Kunstfestspiele, wo er sich im vergangenen Jahr zunächst in einem Kammerkonzert vorgestellt hatte.

Allein der Blick auf die Besetzungsliste verrät den ungewöhnlichen Ansatz seines Stückes: Neben fünf Vokalsolisten und zwölf Instrumentalisten hat der Komponist auch drei Räume in der Partitur vorgeschrieben. Klänge, die in einem den Zuschauern unsichtbaren Raum erzeugt werden, überträgt ein von Sánchez-Verdú erfundenes Instrument - das Auraphon - in den Saal der Galerie. „Die Zuschauer können sich dort frei bewegen und eine eigene Perspektive für sich finden“, erklärt die Regisseurin. Feste Sitzplätze gibt es demnach nicht, nur einige Kissen oder Stühle, auf denen man sich ausruhen kann. Die Musiker sind in kleinen Gruppen wie Inseln im Saal angeordnet. Bespielt werden auch die Balkone und - via Auraphon - der im Obergeschoss gelegene Leibnizraum.

Für Hölzer ist solch ein flexibler Umgang mit dem Raum fast schon eine Selbstverständlichkeit. Mit Stücken wie „Into the Dark“, das die Zuschauer in völlige Dunkelheit entführt, hat sie dem Publikum immer wieder neue Erlebniswelten eröffnet. Ihr Kollege Christof Nel, der zu den fest etablierten Größen des Theaterbetriebs gehört und in Hannover zuletzt VerdisDon Carlo“ an der Staatsoper inszeniert hat, setzt dagegen normalerweise auf die klassische Situation aus Bühne und Zuschauerraum. Für die Produktion „Kinder Toten Lieder - Alle Lust will Ewigkeit“ mit Liedern von Gustav Mahler, die in der Galerie zu sehen sein wird, hat er das aber über den Haufen geworfen.

„Es ist wirklich etwas besonders Schönes, was wir hier machen können“, schwärmt der erfahrene Theatermann Nel von seiner aktuellen Aufgabe. Gemeinsam mit dem Videokünstler Thomas Goerge, mit dem er schon am Schauspiel Frankfurt unter der Intendanz von Elisabeth Schweeger zusammengearbeitet hat, sucht er nach „Wegen zu Mahler“ - allerdings keine gemeinsamen. „Es sind zwei unterschiedliche Ansätze: Zum einen gibt es die Bilder, zum anderen unser Musiktheater“, sagt Nel. Beide Parteien haben ihre Konzepte völlig unabhängig voneinander entwickelt. „Erst hier in dem Saal kommt alles zusammen.“ Goerge, der enger Mitarbeiter von Christof Schlingensief war, projiziert nun unter anderen Bilder aus dessen Operndorf in Burkina Faso auf Minaturnachbildungen von Mahlers Komponierhäuschen. Für Nel ist das Video nun der Hintergrund, vor, über und hinter dem sein Stück spielt. Ein Bühnenbild gibt es bei ihm ebenso wenig wie bei seiner Kollegin Hölzer. „Der Raum“, sagt sie, „ist schließlich stark genug.“

„Atlas - Inseln der Utopie“ ist am 1. und 2. Juni bei den Kunstfestspielen Herrenhausen zu sehen, „Kinder Toten Lieder - Alle Lust will Ewigkeit“ am 5. und 6. Juni. Karten und vollständiges Programm: (01805) 570070.

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