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Weltweit Reinhard Spieler: „Sie werden sich noch wundern“
Nachrichten Kultur Weltweit Reinhard Spieler: „Sie werden sich noch wundern“
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00:15 31.05.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Reinhard Spieler ist der neue Direktor des Sprengel Museums Hannover. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

 Es sei einfach ein Glück, eines der wichtigsten deutschen Museen mit einer international bedeutsamen Sammlung zu leiten. „Jeder kann sich freuen, für ein solches Haus zu arbeiten.“ Freude – und Erleichterung – ist auch den Vertretern von Stadt und Land, Kulturdezernentin Marlies Drevermann und Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajic, anzumerken. Sie gehören der Kommission an, die Spieler nach mehr als einjähriger Suche aus mehr als 50 Bewerbern ausgewählt hat. „Er ist einer der Besten“, sagt Drevermann. Eine „ausgezeichnete Personalentscheidung“ lobt Heinen-Kljajic unter Hinweis auf Wissen, Erfahrung und Pläne Spielers.

So zeichnet sich jetzt ab, wie es im Sprengel Museum weitergeht: Die 20-jährige Ära von Direktor Ulrich Krempel endet zum Februar 2014, dann kommt Reinhard Spieler. Der 48-Jährige erweist dem 16 Jahre Älteren zuallererst seine Reverenz: Das Sprengel Museum habe „unglaubliches Renommee“ erworben. Er habe daher „sehr viel Respekt“ vor dem Team um Krempel, der „große Fußstapfen“ hinterlasse. Gleichwohl sieht Spieler für das Haus noch entwicklungsfähiges Potenzial.

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Spieler nutzt die Pressekonferenz am Dienstag dann auch gleich für ein kleines Credo zu künftigem Museumsmanagement: Museen dürften keine dem Bildungsbürgertum vorbehaltenen Elfenbeintürme sein, sie müssten sich öffnen zur sie umgebenden Stadtgesellschaft. „Sie sind zugleich kollektive Erinnerungsspeicher, Seismografen der Befindlichkeit und Herzschrittmacher, die Impulse in die Gesellschaft hinein setzen.“ Spieler hat über Max Beckmann promoviert, Ausstellungen zu Gerhard Richter oder auch Lucio Fontana organisiert. Er ist also ein Kenner der klassische Moderne. Als Chef des Sprengel Museums will er aber überdies dessen Wahrnehmung verbessern, Debatten anstoßen, nach außen wirken. Er ist eben auch ein Kulturkommunikator.

Wie so einer wirken kann, hat er schon gezeigt: In Burgdorf bei Bern, wo Spieler 2002 Gründungsdirektor des Museums Franz Gertsch war, hat er eine „Frust-Station“ für Beschwerden aller Art aufgebaut. In Ludwigshafen, wo er seit 2007 – und noch bis 31. Januar 2014 – das Wilhelm-Hack-Museum leitet, hat er eine türkische Kuratorin engagiert und 2011 in der Ausstellung „I love Aldi“ Discounter- und Museumsklientel zugleich angesprochen. Dort bot er dem Publikum 2009 einfach „Alles“, eine Komplettpräsentation aller 9236 Werke des Museums in enger Petersburger Hängung, und machte die Wiedereröffnung des Hauses nach Sanierung so zum Event für die Stadt.

Diese Stationen illustrieren überdies, dass Spieler auch Erfahrung mit Neu- und Umbauten hat – und insofern außer für manche Kür auch für Pflichten gewappnet ist, die in Hannover auf ihn zukommen. Zur Nutzung des Sprengel-Erweiterungsbaus gibt es zwar schon Ideen, etwa ein „Piano nobile“, ein Stockwerk, das in 20 Räumen zwischen Alt- und Neubau vertiefte Einblicke in die Sammlung bieten könnte. Aber wie Neu- und Altbau künftig bespielt werden, wie das Programm des nächsten Jahres unter baubedingten Einschränkungen aussehen kann, das muss erst noch auf den Weg gebracht werden. Gespannt sein darf man auch auf seine Brückenschläge über bildungsbürgerliches Publikum hinaus. Mit diesem Anspruch legt der künftige Sprengel-Chef die Messlatte hoch. Immerhin hält das Museum mit jährlich rund 150 000 Gästen, darunter 700 Schulklassen, schon Spitzenpositionen bei den Besucherzahlen.

Am Dienstag hat er zur Öffnung des Museums schon mal eine Neugestaltung des Foyers im Dienste einer „Grundstimmung des Willkommens“ vorgeschlagen. Er weiß natürlich, dass in Hannover überdies Brückenschläge zu anderen Institutionen wie dem Kunstverein und der Kestnergesellschaft sowie Kontakte zu Stiftungen, Privatleuten oder auch den Freunden des Sprengel Museums gehören. Deren Unterstützung macht schließlich manche Ausstellung erst möglich. Und solche Kontakte tragen dazu bei, dass das Sprengel jährlich rund eine halbe Million Euro durch Fundraising gewinnt.

Wer das Sprengel Museum leitet, muss also viele Baustellen im Blick behalten – auch jenseits des Erweiterungsbaus. Umso wichtiger ist es, dass sich der bisherige und der künftige Direktor jetzt eng abstimmen. Erste Gelegenheit dazu bietet sich vielleicht schon in den nächsten Tagen – allerdings nicht in Hannover, sondern in Venedig. Ulrich Krempel ist seit gestern auf der Biennale, Reinhard Spieler fliegt erst noch los.

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Es heißt, Sie sollen dem Sprengel Museum zu einem Energieschub verhelfen. Wie kann der aussehen?
Es geht eine große Zeit zu Ende und eine neue Zeit bricht an. Nach einer langen Ära fühlt man vielleicht eine gewisse Leere. Jetzt versucht man, aus einer neuen Generation, neue Energie hinzuzuführen. Der erste Energieschub, der ganz sicher kommen wird, ist mit dem Neubau verbunden, der das Haus vergrößert und auch vom Präsentationsniveau auf eine andere Stufe heben wird.

Wie sieht es mit neuen Ausstellungsformaten aus?
Ich kann die Welt auch nicht neu erfinden. Trotzdem habe ich natürlich einige Ideen. Man könnte zum Beispiel auch aus dem Museum herausgehen und im Stadtraum neue Formate entwickeln. In Ludwigshafen haben wir in dieser Hinsicht ziemlich viel gemacht. Zum Beispiel haben wir einen Museumsgarten eingereichtet, der wie eine soziale Plastik funktioniert und ganz neue Besuchergruppen anzieht.

Hier haben Sie direkt vor der Tür einen See.
Ja, vielleicht kann man auch auf dem Maschsee mal etwas machen. In Bern habe ich bei einem schwimmenden Kunstparcours mitgewirkt. Zusammen mit dem Team des Sprengel Museums werde ich schauen, was man Neues auf die Beine stellen kann.

Wie haben Sie das Sprengel Museum erlebt?
Der erste Eindruck von außen ist nicht optimal. Das ist ja kein Geheimnis. Der Eingangsbereich verträgt eine Auffrischung. Die Eingangssituation ist recht verwirrend; der Besucher kann in viele verschiedene Richtungen gehen. Die einzelnen Bereiche des Hauses sind schwierig zu erschließen, vor allem die Treppe nach unten liegt ganz ungünstig.

Um das alles zu verändern, wäre wohl ein Abriss und ein Neubau nötig ...
Nein. Ich habe mir das Haus schon intensiv angeschaut. Da gibt es auch andere Möglichkeiten, etwas zu verändern. Sie werden sich noch wundern.

Was tragen Sie da für einen Anstecker am Revers?
Das ist das Stadtlogo von Ludwigshafen.

Und wenn Sie in Hannover sind, werden Sie dann das Stadtlogo von Hannover tragen?
Davon gehe ich mal aus.

Warum freuen Sie sich auf Ihre neue Ausgabe?
Weil das Sprengel Museum eine großartige Sammlung hat, es ist eine herausragende Sammlung moderner Kunst. Wenn man mit solchen Werken arbeiten kann, dann lacht das Herz. Außerdem gefällt mir die strategische Lage des Sprengel Museums sehr gut: Man ist so ein bisschen auf Distanz zu Berlin. Die Berliner Kunstszene ist oft so cool, dass sie manchmal wie abgelöscht wirkt und spannende Dinge gar nicht mehr wahrnimmt. Man hat hier in Hannover ein regionales Publikum, kann aber auch überregional und international wahrgenommen werden. Das ist eine sehr spannende Situation. Mich interessiert es mehr, in Hannover als in Berlin zu arbeiten.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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