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Weltweit „Roboter haben keine Fantasie“: Pianist Boris Giltburg im Interview
Nachrichten Kultur Weltweit „Roboter haben keine Fantasie“: Pianist Boris Giltburg im Interview
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14:00 30.03.2019
„Ich glaube, dass es eine Wahrheit hinter den Noten gibt“: Der Pianist Boris Giltburg bei Proben zu einem Konzert 2015 in München. Quelle: Michel Neumeister/imago

Herr Giltburg, Sie sind der erste Pianist der Weltspitze, der seine Partituren digitalisiert und nur noch mit einem iPad auf die Bühne kommt. Hat die Digitalisierung nun auch die traditionelle Welt der klassischen Musik erreicht?

Es sind noch nicht so viele, aber es werden allmählich mehr. Es ist einfach so bequem, wenn man seine ganze Bibliothek mit dabei hat, ohne dass man sich einen Bruch hebt. Und wenn ich plötzlich, etwa wegen einer Programmänderung, eine neue Partitur brauche, dann kann ich die ganz schnell herunterladen, und die Noten sind innerhalb von Sekunden verfügbar.

Wie viel sparen Sie sich an Reisegepäck?

Wenn ich zu einem Kammermusikfestival fahre, dazu vielleicht noch ein Rezital spiele, dann habe ich ganz schnell fünf, sechs Kilogramm Noten auf dem Rücken. Die spare ich mir jetzt. Und die Rückenschmerzen auch. (lacht)

Auf der Bühne steuern Sie mit Ihren Füßen jetzt zwei Pedale: mit dem rechten Fuß die mechanischen Klangpedale des Flügels, links das Bluetooth-Pedal, das mit Ihrem iPad verbunden ist und die digitalen Notenseiten blättert. Klingt kompliziert.

Ich habe vergangenen Oktober damit begonnen und die ersten zwei, drei Auftritte waren tatsächlich sehr ungewohnt. Plötzlich verstand ich, dass wir Klavierspieler unsere Füße beim Spielen nicht so getrennt sehen dürfen, sie müssen sich in den Dienst der Sache stellen. Das ist wie Autofahren. Gas geben, Kupplung drücken, blinken, in den Spiegel schauen, bremsen, bis Sie das alles automatisch tun, das braucht Zeit. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Mit den neuen Bluetooth-Pedalen geht es noch einfacher. Ich habe eine linke und rechte Taste auf dem Pedal und kann damit bequem vor und zurückblättern.

Wie hat die alte Welt der klassischen Musik auf Ihre Innovation reagiert?

Ich versuche nicht nur Kammermusik, sondern auch Rezitals und sogar Konzerte mit Orchester mit dem iPad zu spielen. Ich lege es dann nicht auf das Pult, sondern flach ins Klavier hinein. Zuletzt habe ich in der Wigmore Hall in London gespielt, wo das Publikum sehr traditionsbewusst und altmodisch ist. Mir gegenüber hat sich noch keiner beschwert.

Aber die Klassikwelt tut sich doch mit Innovationen seit jeher schwer.

Ich habe mir umgekehrt die Frage gestellt: Warum darf ein Dirigent mit Partitur dirigieren? Das stellt niemand infrage. Kammermusik ist seit jeher mit Noten. Die Orgel spielt immer mit Partitur, Streichquartette auch. Es sind nur die Klavierspieler, die, nach Liszt, immer alles auswendig spielen sollen. Das ist auch die Erwartungshaltung des Publikums.

Auf Ihrer Website betreiben Sie einen Blog, in dem Sie Klassiklaien klassische Musik erklären. Bringt das was?

Ich hoffe doch. An den Klickzahlen kann ich sehen, dass bis zu zehntausend Menschen meinen Blog lesen. Ich möchte unbedingt, dass unsere Musik immer noch mehr Fans bekommt. Deshalb schreibe ich mit Vorliebe für Menschen, die noch wenig mit der klassischen Musik in Berührung gekommen sind. Denn ich glaube, dass Musik die Kraft hat, die Seele zu berühren. Ich verstehe aber auch, dass die klassische Musik ziemlich unzugänglich sein kann, und dann braucht man eine Art Guide, der einen hindurchführt. Diese Rolle will ich gerne übernehmen.

Sie sind 35 Jahre jung und damit eher halb so alt wie Ihr Publikum.

Das mag für Israel und Europa stimmen, aber schon nicht mehr für Amerika und schon gar nicht für Asien. Speziell in Südkorea fühle ich mich wie ein Pop- oder Rockstar. Das Publikum ist unter 30, während des Konzerts ist es total still, und mit dem letzten Ton fangen sie fanatisch an zu schreien. Keine Ahnung, warum …

Ihretwegen vielleicht?

Ich habe kürzlich eine Geschichte über Schach in Russland gelesen. Da hat man folgende Berechnung angestellt: Man braucht 100 000 Amateurspieler, um einen Großmeister zu bekommen. In der Musik ist es ähnlich. Dass klassische Musik heute nicht mehr so populär ist wie Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, liegt auch daran, dass wir heute keine namhaften zeitgenössischen Komponisten haben wie Ravel, Debussy, Schostakowitsch, Prokofjew, Strawinsky, Gershwin, Schönberg, Weber, Berg, Bartok, Rachmaninow, Cop­land und so weiter.

„Meine Mutter wollte, dass ich etwas Vernünftiges werde: Arzt oder Ingenieur.“ Boris Giltburg am Klavier. Quelle: Michel Neumeister/imago

Von Ihnen heißt es, Sie hätten mit fünf Jahren Ihre Mutter gezwungen, Sie zu unterrichten. Stimmt das?

Ja. Aber sie wollte erst nicht. Sie glaubte, in unserer Familie gäbe es schon genug Pianisten. Sie selbst, meine Großmutter und meine Urgroßmutter waren alle Pianistinnen und Klavierlehrerinnen. Meine Mutter wollte, dass ich etwas Vernünftiges werde: Arzt oder Ingenieur. Wir hatten zu Hause ein Klavier, und ich wollte es unbedingt spielen. Ich brauchte drei Wochen, um sie zu überzeugen, dass ich ein Nein nicht akzeptieren würde.

Wenn die eigene Mutter zur Lehrerin wird, dann kann das anstrengend werden, oder?

Der Druck kam immer von meiner Seite. Meine Mutter ist eine wunderbare Kritikerin, gleichzeitig kritisch und objektiv. Ich schicke ihr die Aufnahmen meiner Konzerte, und dann sprechen wir darüber. Sie ist immer brutal ehrlich. Wenn ich nach einem Konzert zufrieden bin, dann sagt sie: „Ich kann sehr gut hören, dass du nicht genug gearbeitet hast.“ Das heißt aber auch: Wenn sie sagt, dass es gut war, dann war es in einem wahrhaftigen Sinne gut und nicht nur als Kompliment gedacht.

Was ist Ihnen wichtiger: perfekt zu spielen oder die Zuhörer zu berühren?

Am besten wäre, ich könnte jeden Abend alles haben. Technische Perfektion, einen schönen Klang, dazu die nötige Tiefe. Ich glaube, dass es eine Wahrheit hinter den Noten gibt. Hermann Hesse hat das sehr schön formuliert. Er nannte die Partitur „erstarrte Tonträume“. Der Komponist hat etwas erträumt und das Stück, so gut er oder sie konnte, aufgeschrieben. Die erste Fassung ist nur im Kopf des Komponisten, die notierte Fassung ist schon Version Nummer zwei. Wir kennen die Geschichte von Richard Wagner, der die Premiere von „Siegfried“ gehört hat und sehr enttäuscht war. Warum? In seinem Kopf hatte er etwas viel Größeres gehört. Es gibt also noch einen „Siegfried“, den wir bis heute nie gehört haben: den im Kopf von Wagner.

Spielen Sie in erster Linie im Sinne des Komponisten, für sich selbst oder das Publikum?

Wenn der Hauptzweck wäre, das Publikum zu berühren, würde ich viele Interpretationsfragen anders entscheiden. Für mich sind die Komponisten immer größer als die Interpreten. Bach, Beethoven, Mozart, alle, die etwas aus dem Nichts erschaffen, das sind die Genies. Wir erschaffen auch etwas, wir sind keine mechanischen Roboter, wir machen die Re-Kreation, die Neuschöpfung. Aber jeder Künstler empfindet etwas anderes, genau deshalb gibt es 40 Aufnahmen des ersten Klavierkonzerts von Beethoven. Und viele davon sind gut und überzeugend.

Das heißt: Ein Roboter mit künstlicher Intelligenz könnte Rachmaninow oder Beethoven nie so spielen wie ein Mensch, weil er die Wahrheit hinter den Noten nicht erkennen kann?

Ja, das glaube ich. Vielleicht ist künstliche Intelligenz in einhundert Jahren so weit, wer weiß, aber jetzt reicht das noch lange nicht. Ein Roboter hat keine Fantasie und keine Sehnsucht. Ein Roboter könnte einen technisch perfekten Rachmaninow spielen, aber es würde uns nicht berühren, es würde uns kalt lassen. Wir Künstler verstehen ja selbst nicht genau, warum uns eine ganz bestimmte Abfolge von Harmonien bei Brahms oder Beethoven so berührt. Fast scheint es so, als gäbe es bestimmte Knöpfe in unserem Gehirn, die zur Erstellung bestimmter Emotionen gedrückt werden können.

Zur Person: Boris Giltburg

Der israelisch-russische Pianist Boris Giltburg lernte das Klavierspielen bei seiner Mutter. Will man einen großartigen Rachmaninow, Schostakowitsch oder Prokofjew hören – mit das Schwierigste, was es in der Klavierliteratur gibt –, dann kommt man an Giltburg nicht vorbei. Der 35-Jährige, der in Moskau geboren wurde, kommt im April für vier Konzerte nach Deutschland: am 16. April in München, am 24. April in Hamburg, am 28. April in Essen und am 29. April in Stuttgart.

Von Thilo Komma-Pöllath

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