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Weltweit Roger Willemsen über Erotisches und Exotisches
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20:03 26.09.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Roger Willemsen ist im Oktober im Pavillon zu Gast.
Roger Willemsen ist im Oktober im Pavillon zu Gast. Quelle: dpa
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Hannover

Guten Tag, Herr Willemsen. Haben Sie einen Moment Zeit?

Aber ja. Die habe ich mir doch extra für Sie genommen.

Ihr neues Buch „Momentum“ ist eine Sammlung von Miniaturen. Sie haben darin besondere Augenblicke gesammelt. Sind Sie eigentlich immer mit dem Notizblock in der Hand unterwegs?

Ausschließlich und immer. Für mich ist ja das Schreiben eine Lebensform. Ich notiere alles, um das später als Material für meine Bücher nutzen zu können. Wenn Sie mich jetzt nach dem Namen einer chinesischen Limonade fragen würden, die ich in den achtziger Jahren in Kanton getrunken habe, könnte ich Ihnen das sofort heraussuchen.

Ach, das dürfte wohl doch nicht nötig sein.

Aber es wäre überhaupt kein Problem. Ich habe Kladden, auf denen vorne China steht und das Jahr, und dann müsste ich nur ein bisschen suchen.

Wie weit reicht ein Notizbuch bei Ihnen? Einen Monat, ein Jahr? Oder vielleicht nur eine Woche?

Oh, das hängt sehr davon ab, was ich erlebe. Wenn ich auf Reisen bin, schreibe ich natürlich sehr viel. Vorletzte Woche etwa bin ich aus Afghanistan zurückgekommen. Da habe ich ungefähr 70 Seiten vollgeschrieben. Das kommt alles auf die Erlebnisdichte an. Es gibt ja auch Tage, an denen kaum etwas passiert. Darüber schreibe ich natürlich auch nichts. Auch über den beruflichen Alltag und über meine Talkshow-Auftritte schreibe ich in der Regel nichts. Das erscheint mir nicht als das Eigentliche.

Wie haben Sie entschieden, welche Begebenheit wert ist, ins Buch zu kommen?

Das ist eine ebenso berechtigte wie schwer zu beantwortende Frage. Zuerst fiel alles raus, über das ich in meinen anderen Büchern schon geschrieben habe. Dann spielte eine Rolle, dass es in dem Buch eine ziemlich differenzierte Struktur von feierlichen, sensiblen, komischen drastischen, ordinären und auch beiläufigen Situationen geben sollte. Es sollte so sein, wie das Leben sich abspielt. Die kleine, unscheinbare Szene hat da natürlich auch eine gewisse Berechtigung. Bei einigen Situationen vermag ich einfach nicht zu sagen, warum die so eine Anhaftung haben, dass sie unbedingt in das Buch gehören.

Ihre Erzählhaltung ist die Haltung postmodernen Erzählens. Oder?

Das könnte man sagen. Sie ist eklektizistisch, sie benutzt das Prinzip des Fragments und des permanenten Akzentwechsels - das passt zur Postmoderne. Andererseits lernt der Leser hier eine kontinuierliche Person kennen und eine bestimmte Art, sich zur Welt zu verhalten. Die ist nicht beliebig, sondern hat gewissermaßen eine Moral. Sie weiß, was sein soll und was nicht sein soll. Und das passt dann doch nicht zur Postmoderne.

Das Organisationsprinzip Ihrer Momentaufnahmen ist nicht leicht zu durchschauen. Manchmal ballt sich Erotisches, dann wieder Exotisches, man weiß eigentlich nie genau, warum etwas gerade an der Stelle steht, an der es steht.

Das ist auch eine berechtigte Anmerkung. Es gibt aber einen großen Bogen, der mit der Kindheit beginnt und bis zur Betrachtung des Sterbens führt. Dazwischen liegen die Erotika, die Initiation, die Reife. Im Mittelteil des Buches ist die Dramaturgie für mich sehr begründet, aber möglicherweise nicht unbedingt für die Leserschaft.

In Romanen sind Träume oder Tagebuchnotizen gute Möglichkeiten für den Leser, aus der Geschichte auszusteigen. Auch in Ihrem Buch ließen sich einige Seiten problemlos überblättern.

Ja, das wäre möglich. Das ist die Hypothek, die dieses Buch schultert. Aber das Buch ist doch genauer gearbeitet, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Eine klassische Biografie wäre nach den von außen erkennbaren großen Momenten strukturiert. Mein Erzählprinzip ist ein anderes. Ich versuche, das zu beschreiben, was innerlich prägend geblieben ist.

Ist „Momentum“ Ersatz für eine Autobiografie? Oder ist das schon die Autobiografie?

Nein, es ist weder das eine noch das andere. Eigentlich ist es der letzte Teil eines irgendwie auch autobiografischen Projekts, das als Trilogie angelegt war. Wie meine Bücher „Der Knacks“ und „Die Enden der Welt“ hat auch „Momentum“ Beziehungen zu meiner Lebensgeschichte. Aber die Trilogie ist nun abgeschlossen. Meiner Lebensgeschichte werde ich mich so nie wieder stellen. Das war auch die letzte Sichtung der autobiografischen Notizen, die ich gemacht habe.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

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