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Weltweit Rolando Villazón singt in Hannover
Nachrichten Kultur Weltweit Rolando Villazón singt in Hannover
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19:51 25.11.2010
Von Stefan Arndt
Die große Geste als Herzensangelegenheit: Rolando Villazón im Kuppelsaal Hannover.
Die große Geste als Herzensangelegenheit: Rolando Villazón im Kuppelsaal Hannover. Quelle: Martin Steiner
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Es muss ja nicht immer um die Stimme gehen. Vielleicht liegt die Antwort auf die Frage, was einen wirklich guten Tenor ausmacht, in Wirklichkeit gar nicht im Kehlkopf eines Sängers. Zumindest wer dabei war, als Rolando Villazón nun bei Pro Musica im Kuppelsaal Hannover aufgetreten ist, konnte spüren, dass Gesang mehr ist als ein rein akustisches Phänomen. Da sind zum Beispiel auch die Hände: Wenn Villazón zu singen beginnt, hält er sie mit einigem Abstand vor Brust und Gesicht, als wolle er einen Schutzraum aufbauen für die ersten Klänge, die er erzeugt. Bei ihm kann man förmlich sehen, dass Singen ein gefährliches Geschäft ist. Es ist keine natürliche Lautäußerung, die sich frei und gemächlich dem Brustkorb entringt wie die „Mahlzeit!“-Rufe der Büromenschen. Es ist ein Kraftakt mit ungewissem Ausgang: Jederzeit könnte der Klang in sich zusammenbrechen und statt des strahlenden hohen C nur noch heiseres Krächzen zu hören sein. Ein Tenor ist der Hochseiltänzer unter den Sängern – die Möglichkeit des Falls macht seine eigentliche Faszination aus.

Villazón hat einen ganz eigenen Umgang damit entwickelt. Wenn sich die Schallwellen der ersten Noten im Raum ausbreiten, weitet auch der Tenor langsam den Schutzraum seiner Arme: Er senkt sie nach unten und dreht gleichzeitig die Unterarme nach außen. Am Ende sind seine Arme ausgestreckt, als wolle er abheben. Plötzlich versteht man, was das heißt – auf den Flügeln des Gesanges: Villazón kann ein Hochseil unter sich zurücklassen.

Auf diese Weise ist zu sehen, was man sonst vielleicht bereits überhören würde: Villazón ist noch immer ein großer Sänger. Dabei wurde viel spekuliert, ob er nach Stimmbandoperation und anderen Krisen wieder zurückfinden würde zu der alten Form, als er vor fünf Jahren an der Seite von Anna Netrebko ein kulinarisch gestimmtes Opernpublikum mit der Salzburger „Traviata“ für sich begeistern konnte. Der junge mexikanische Tenor wurde endgültig ein Weltstar, um den man sich auf allen Bühnen der Welt riss. Und Villazón sang auf all diesen Bühnen – zu oft, wie viele Kritiker argwöhnten. Immer öfter war der Sänger außer Form, er gönnte sich Pausen und kriselte auch beim Comeback. Auch jetzt, nach einer neuen Auszeit, ist es ein Neustart mit Hindernissen: Im September musste der 38-Jährige seine Auftritte in kräftezehrenden Puccini-Opern an der Wiener Staatsoper absagen.

Seit November ist er nun mit mexikanischen Liedern aus den zwanziger und dreißiger Jahre auf Europatournee – ein Schlagerprogramm als klassischer Notfallplan für schwächelnde Tenöre, ist seither oft zu lesen. Aber das ist ein Missverständnis: Villazóns musikalischer Heimatabend ist große Kunst. Dabei spielt es keine Rolle, ob seine Stimme (wie im zweiten Teil des Konzertes in Hannover) ein wenig verstärkt werden muss. Warum sollte ein einzelner Mensch allein mit seiner Stimme den riesigen Kuppelsaal füllen können? Ist es nicht wichtiger, dass er die Musik mit Leben füllt? Villazón gelingt das wie nur wenigen anderen Sängern.

Erleichtert wird das im Fall von mexikanischen Evergreens wie „Bésame mucho“ oder „Cucurrucucú paloma“ durch das elegante Spiel der Bolivar Soloist, die sich mit geschmackvollen Arrangements weit über jeden Kitschverdacht erheben. Die Besetzung aus einem Streichquartett, Holzbläsern, einer Trompete, Klavier, Gitarre und zwei Schlagzeugern wirkt klassisch genug, um die Schlager­anmutung zu vertreiben. So hat Villazón wieder Spielraum, sich der Herz-Schmerz-Thematik ganz ohne Ironie zu nähern. Dass das nie peinlich wird, ist ein weiterer Beleg seiner Kunstfertigkeit: Villazón ist ein Meister darin, auch große Gefühle zu transportieren.

Und um auch das nicht zu verschweigen: Natürlich ist seine Stimme dabei sehr schön. Nicht immer und nicht in allen Lagen, aber doch gerade dann, wenn es darauf ankommt. Vollendete Perfektion hätte den Abend sicher nicht interessanter gemacht. Der Absturz lag in der Luft. Villazón aber ist geflogen.

Karl-Ludwig Baader 23.11.2010
Martina Sulner 23.11.2010
Thorsten Fuchs 23.11.2010