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Weltweit „Er hoffte, verstanden zu werden“
Nachrichten Kultur Weltweit „Er hoffte, verstanden zu werden“
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19:33 28.10.2013
Ronald Reng, Sportjournalist und Buchautor, hat mit seinem Buch „Spieltage“ eine „andere Geschichte der Bundesliga“ geschrieben. Quelle: Handout
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Hannover

Normalerweise gehen Autoren auf die Menschen zu, wenn sie ein Buch über sie schreiben wollen. Bei Heinz Höher war es umgekehrt. Er kam zu Ihnen nach Spanien. Was war Ihr erster Eindruck?
Ich war zuerst neugierig. Die Frage war: Was will er von mir? Er hatte sich sehr geheimnisvoll angekündigt am Telefon. Er müsse mich unbedingt sprechen. Dafür kam er dann extra von Nürnberg zu mir nach Barcelona. Es stellte sich dann heraus, dass er auch nicht genau wusste, was er wollte. Er hatte nur das diffuse Gefühl, dass er mich nach meiner Robert-Enke-Biografie kennenlernen wollte, weil er hoffte, verstanden zu werden. Weil er Schwierigkeiten hat, sich auszudrücken und mit Leuten zu reden. Je mehr er dann erzählt hat, desto mehr zog er mich mit seiner Geschichte in seinen Bann. Er ist so eine faszinierende, rätselhafte Person. Kurz zuvor hatte ich ein Buchprojekt über 50 Jahre Bundesliga abgelehnt. Doch als ich merkte, Heinz Höher hat wirklich 50 Jahre Bundesliga aus den verschiedensten Perspektiven erlebt, dachte ich: Mensch, und wenn du die Geschichte der Bundesliga an seinem Leben entlang erzählst?

Waren Sie nicht misstrauisch?
Nur am Telefon. Dann wollte ich ihn verstehen. So einen Mann habe ich noch nie getroffen mit seiner Art und seinem Verhalten. Dazu gehört auch, dass er, ohne seiner Familie etwas zu sagen, nach Barcelona fliegt, um einen Autor zu treffen. Ich wollte ihn entschlüsseln.

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Haben Sie ihn entschlüsselt?
Ich glaube ihn mittlerweile ganz gut zu kennen. Aber jedes Mal, wenn wir reden, bin ich darauf vorbereitet, wieder von ihm verblüfft oder schockiert zu werden. Heinz Höher denkt auf einer anderen Ebene als die meisten von uns. Er hat mal nachts einen Strafraum vereist, damit das Spiel Bochum gegen Schalke ausfällt. Er kann sich Hunderte von Autonummern merken, man kann ihn abfragen. Gerade jetzt wieder hat er angerufen mit einer seiner Ideen: Er schlug vor, in der Halbzeitpause des Zweitligaspiels Bochum gegen Kaiserslautern eine Lesung auf dem Rasen zu machen.

Ist das alles realitätsfern?
Absolut nicht. Sondern teilweise viel brillanter und intelligenter als bei anderen. Das war auch seine Stärke als Fußballtrainer. Er hat 1977 in Bochum ohne Mittelstürmer gespielt. Das gab es in den siebziger Jahren nicht. Da gab es Libero, Spielmacher, Mittelstürmer. Wenn man auf solche Ideen kommt, muss man eine andere Art zu denken haben.   

Hatten Sie das Gefühl, jemanden zu porträtieren, der sein ganzes Leben nicht verstanden worden ist?
Ja. Er hat Schwierigkeiten, sich Leuten zu erklären. Er nimmt das teilweise auch gar nicht wahr, wenn er an Leuten vorbeiredet. Er ist in den Augen der meisten Leute ein lieber Mensch, aber er war  ihnen doch immer ein Rätsel. Damit durchzukommen war früher noch leichter, weil große Männer auch große Schweiger sein durften. Damals war es noch nicht gefordert, dass sich Leute in Führungspositionen immer erklären müssen. Fußballtrainer schon gar nicht. Die Siebziger, das war die Zeit von Branko Zebec und Ernst Happel. Da hatte Höher es leichter.

Duzen Sie Heinz Höher?
Das wäre unmöglich. Da würde etwas nicht stimmen. Das drückt aber auch meinen Respekt aus. Wir verstehen uns gut. Aber da ist immer noch ein Abstand in jeglicher Hinsicht.

Hat er Ihnen erzählt, was sich seit Ihrem Buch verändert hat?
Nicht wirklich. Darüber redet er mit mir nicht. Er redet lieber über das, was ist, als über das, was er fühlt. Sein Sohn hat mir gesagt, er sei schon sehr stolz. Ich glaube, er hat noch mal das Gefühl, jemand zu sein. Auch wenn es nicht wettmacht, was ihm in den vergangenen 20 Jahren widerfahren ist, die Alkoholsucht oder alles Geld zu verlieren oder aus dem Geschäft einfach ausgespült zu werden.   

Hat er durch Ihre Umsetzung seiner Gedanken im Buch noch neue Seiten über sich kennengelernt?
Er hat nur einmal gesagt: „Wenn ich das jetzt alles lese, Herr Reng, da verliere ich ja völlig die Achtung vor mir.“ Als habe es ihm die Augen geöffnet, was er alles angestellt und wen er alles vor den Kopf gestoßen hat. Seine Frau zum Beispiel, der er in den sechziger Jahren sagte, sie müsse das sechs Wochen alte Baby zu Hause lassen, damit er im Urlaub Ruhe hat. Ich glaube, es war auch ein Wunsch von ihm, mit diesem Buch Entschuldigung zu sagen für das, was er anderen angetan hat. Vor allem seiner Familie. Irgendwann hat er gesagt: „Herr Reng, das Ende können Sie nicht so stehen lassen, da komme ich ja viel zu gut weg.“

Was haben Sie gelernt über die Bundesliga?
Unglaublich viel. Ich hatte zum Beispiel das falsche Gefühl, der Fußball sei immer größer geworden. Doch der Fußball ist absolut nicht darauf zugesteuert, immer größer und schöner zu werden. Er ist eigentlich bis zur Entdeckung durch das Privatfernsehen Ende der Achtziger auf das gesellschaftliche Abseits und den finanziellen Ruin zugesteuert. Ich habe auch gelernt, wie auf unschuldige Weise schön der Fußball in den Anfangsjahren war. Heinz Höher hat in den Sechzigern bei Meiderich gespielt, dem heutigen MSV Duisburg. Da spielten quasi nur Jungs aus Meiderich. Mittel- und Obermeiderich. Und die sind Zweiter geworden in der Bundesliga.

Was haben die neuen Fußballformate wie „Anpfiff“ oder „ran“ damals beim Privatfernsehen verändert?
Sie haben Fußball so aufgezogen, dass es auch Leute gucken konnten, die sich gar nicht für Fußball interessieren. Fußball wurde zu einer Inszenierung der Gefühle, man sah mehr Gesichter in Großaufnahmen, weinend, lachend, schreiend. Und sie haben angefangen, die Berichte als dramaturgische Geschichten zu erzählen. Das war weit weg von dem journalistischen Ansatz, das Spiel wiedergeben zu wollen. So ist der Fußball zum Unterhaltungsspektakel Nummer eins im Land geworden.

Einerseits braucht dieses Spektakel „Typen“, andererseits ist in der leistungsbezogenen Nachwuchsarbeit kaum mehr Platz für solche schrägen Vögel. Wie passt das zusammen?
Spieler, die anders sind, werden weniger. Das ist aber auch gesellschaftlich bedingt. Grundsätzlich sind wir doch alle netter als vor zehn, zwanzig Jahren. Die Politiker, Literaten, Fußball streiten sich alle weniger als früher. Heute ist es gefragt, höflich zu sein, selbstironisch und zurückhaltend. In den Siebzigern waren die Leute direkter, weil es der Zeitgeist verlangte, weil ein viel härteres Männerbild hochgehalten wurde. Heute werden die Jungs in den Leistungsinternaten dazu erzogen, dass der Teamgedanke das Wichtigste von allem ist. Aber ein paar schräge Vögel, die wird es trotzdem immer geben.  

Warum schreiben Sie eigentlich Bücher?  
Ich bin da eigentlich eher reingerutscht. Ich wollte nie Bücher schreiben, sondern Sportjournalist werden. Dann sprach mich der Torhüter Lars Leese an und fragte mich, ob ich seine Geschichte aufschreiben wollte. Das wurde dann „Der Traumhüter“ und fand erstaunlichen Anklang. Man kann auf 500 Seiten einfach tiefer bohren als auf 120 Zeilen in der Zeitung.

Wie ist die Enke-Biografie entstanden?
Robert hatte die Idee, dass wir irgendwann zusammen seine Autobiografie schreiben. Und irgendwann, als er in der zweiten spanischen Liga in Teneriffa spielte, dachte ich: „Wie mache ich ihm das jetzt klar, dass man über ihn kein Buch schreiben kann?“ Ich wusste von seinen Depressionen nichts. Als Robert gestorben ist, war mein letzter Gedanke, ein Buch zu schreiben. Aber dann kamen Teresa, sein Freund Marco Villa und sein Berater Jörg Neblung und sagten: „Dieses Buch hat Robert viel bedeutet. Es war immer sein Ziel, darin über seine Depressionen zu reden, wenn er mal nicht mehr Fußball spielt. Also, bitte schreib es.“ Das war für mich eine große Belastung. Ich hatte Angst vor den Reaktionen. Als es erschienen ist, war ich zuerst erleichtert, dass es so viele Leute positiv bewegt hat. Jetzt bin ich sehr froh, dass ich es schreiben durfte.

Was war Ihre größte Angst? Es nicht auf den Punkt zu bringen? Der Vorwurf, sich an dem Tod Enkes bereichern zu wollen?
Die größte Angst war, sprachlich nicht gut genug zu sein und Depressionen nicht so fachgerecht darzustellen, wie man es sollte. Und auch die Angst, beschuldigt zu werden, Robert damit keinen Gefallen getan zu haben.

Durften Sie alles schreiben, was die Angehörigen Ihnen erzählt haben?
Alle waren absolut offen. Ich habe einigen ihre Kapitel zu lesen gegeben, obwohl ich es nicht hätte müssen. Hanno Balitsch, seinem Mitspieler bei Hannover 96, beispielsweise. Er rief mich an und sagte: „Ich sitze hier im Hotelzimmer, lese das gerade und bin total fertig. Aber lass jedes Wort so, wie es ist.“

Rufen nach „Spieltage“ jetzt lauter andere Fußballer an, die ihre Story erzählen wollen?
Bislang hat sich kein einziger gemeldet. Ich bin gar nicht unfroh darüber.

Was kommt als nächstes?
Ich habe eine Liste im Computer, da stehen bestimmt 20 Ideen für ein neues Buch drin. Aber da schaue ich bis Ende des Jahres nicht drauf. Und dann überlege ich mal.

Zur Person

Ronald Reng, Sportjournalist und Buchautor, hat mit seinem Buch „Spieltage“ eine „andere Geschichte der Bundesliga“ geschrieben. Für dieses Buch wird er am 7. November in Hannover mit dem – mit 15 000 Euro dotierten – NDR-Kultur-Sachbuchpreis 2013 ausgezeichnet. In der Jurybegründung heißt es: „Ronald Reng hat mit seinem ungewöhnlichen Sachbuch die Jury überzeugt. Präzise recherchiert, informativ, spannend und zugleich literarisch erzählt er die Entwicklung der Bundesliga von ihren Anfängen bis zur Gegenwart und zeigt dabei die Entstehung der Strukturen einer Unterhaltungs- und Wirtschaftsmaschine auf.“ Vor zwei Jahren erschien Rengs Biografie über Robert Enke. Bei der Gala zur Preisverleihung  im Schloss Herrenhausen wird auch der mit 10 000 Euro dotierte Förderpreis Opus Primum der Volkswagenstiftung vergeben. Er geht an Daniel Stahl („Nazi-Jagd. Südamerikas Diktaturen und die Ahndung von NS-Verbrechen“).

Interview: Uwe Janssen

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