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Weltweit Sachbuchautoren erwarten gespannt die Leipziger Buchmesse
Nachrichten Kultur Weltweit Sachbuchautoren erwarten gespannt die Leipziger Buchmesse
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00:15 15.03.2013
Von Kristian Teetz
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Hannover

Dieser wird nicht nur Vertretern der Belletristik-Abteilung und Übersetzern verliehen, sondern eben auch Literaten, die sich mit sperrigen Themen wie Wirtschaftskrise, Zeitgeschichte oder Kulturgeschichte beschäftigen. Fünf Sachbücher hat die siebenköpfige Jury unter ihrem neuen Vorsitzenden Hubert Winkels nominiert. Die Entscheidung wird am Donnerstag ab 16 Uhr auf der Leipziger Buchmesse bekannt gegeben.

Ein breites Publikum könnte sicherlich ein literaturgeschichtliches Werk finden. In Helmut Böttigers „Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb“ (DVA, 478 Seiten, 24,99 Euro) erfährt der Leser, wie es Günter Grass beinahe nicht in den berühmten literarischen Treff geschafft hätte. Als deren Kopf und Gründer Hans Werner Richter den Danziger Zeichner und Schriftsteller zum ersten Mal sah, wollte er ihn aus dem Tagungsraum hinausweisen: „Er sah verwegen aus, etwas heruntergekommen, wie mir schien, desperat wie ein bettelnder Zigeuner“, schrieb Richter später.

Drei Jahre nach dem offenkundig etwas zerzausten Auftritt las Grass bei dem Treffen der Gruppe 47 in Großholzleute im Allgäu aus der „Blechtrommel“ und wurde zum neuen literarischen Stern. Autoren hatten es oft nicht leicht mit dem berühmtesten literarischen Zirkel der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit. Emigranten blieb die Tür zumeist verschlossen. Und ausgerechnet dem jüdischen Lyriker und Dichter der „Todesfuge“, Paul Celan, sagte Richter nach, er klinge „wie Joseph Goebbels“. Böttiger hat die Tagungen der Gruppe 47 von ihrem Gründungsjahr bis zum letzten Zusammentreffen im Jahr 1966 ins Blickfeld seiner sehr gut lesbaren Darstellung genommen. Herausgekommen ist, man kann es kaum glauben, die erste Gesamtdarstellung der losen Schriftstellervereinigung.

Kein Thema hat die intellektuelle und politische Diskussion der vergangenen Jahren so geprägt wie die Folgen der verschiedenen Finanzkrisen seit 2008. Das Schicksal ganzer Staaten steht zur Debatte. Der Kölner Soziologe Wolfgang Streeck sieht den Ursprung der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus aber nicht im Jahr der Lehman-Pleite 2008. Er datiert in seinem Buch „Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus“ (Suhrkamp, 271 Seiten, 24,95 Euro) den Beginn der gegenwärtigen Krisensituation früher: Nach dem erstmaligen Versuch in der Nachkriegszeit, Demokratie und Kapitalismus als Einheit zu denken, bröckelt diese Verbindung seit Mitte der siebziger Jahre.

Streeck verbindet mit dem Begriff der „gekauften Zeit“ nicht nur die aktuellen Versuche, Griechenland und andere Staaten vor dem Bankrott zu retten. Er beobachtet „immerhin über vier Jahrzehnte ein erfolgreiches Kaufen von Zeit mithilfe von Geld“. Leider ist es dem Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln nur selten gelungen, seine Thesen auch in ein für Laien gut verständliches Wissenschaftsdeutsch zu übersetzen.

Da schreibt Götz Aly traditionell anders. Der Historiker, der von seinen Fachkollegen in den vergangenen Jahrzehnten oft als Außenseiter abgestempelt wurde, bleibt auch in seinem neuen Buch auf bewährtem Forschungsterrain: dem Nationalsozialismus. Nun kann er sich mit „Die Belasteten. ,Euthanasie‘ 1939 bis 1945 - eine Gesellschaftsgeschichte“ (S. Fischer, 352 Seiten, 22,99 Euro) Hoffnung auf den Preis der Leipziger Buchmesse machen. Was auf den ersten Blick als Randthema erscheint, müsste in der Mitte der Gesellschaft präsenter sein, als man gemeinhin meint: Nach Alys Berechnungen ist heute jeder achte erwachsene Deutsche mit einem Menschen verwandt, „der zwischen 1940 und 1945 ermordet wurde, weil er psychisch krank oder behindert war“. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in den allermeisten Familien nicht offen mit dem Thema umgegangen, sondern das Schicksal der Ermordeten verschämt verschwiegen.

Eine der wenigen Ausnahmen ist der Maler Gerhard Richter, der seiner 1945 getöteten Tante Marianne 1962 mit seinem berühmten gleichnamigen Gemälde ein Denkmal setzte. In Götz Alys Buch erwarten den Leser allerdings weniger ganz neue Forschungsergebnisse, sondern eher eine Gesamtschau seiner wissenschaftlichen Arbeiten über Euthanasie im „Dritten Reich“. Der 65-Jährige, der seit 1979 Vater einer geistig behinderten Tochter ist und dieser das Buch gewidmet hat, beschäftigt sich bereits seit dreißig Jahren mit dem Thema und ist damit gemeinsam mit Kollegen wie Ernst Klee einer der ersten Forscher, die sich dieses dunklen Kapitels der deutschen Medizingeschichte angenommen haben.

Mit zwei sehr speziellen, aber deswegen nicht weniger spannenden Fragestellungen im Gepäck durchschreiten zwei Autoren die Geistes- und Weltgeschichte. In „Der aufrechte Gang. Eine Geschichte des anthropologischen Denkens“ (C. H. Beck, 415 Seiten, 26,95 Euro) erzählt der Philosoph Kurt Bayertz, wie die Fortbewegung auf zwei Beinen seit der Antike gedeutet wurde. Er gilt etwa bei Ovid als Alleinstellungsmerkmal des Menschen unter den Tieren, in späteren Zeiten aber auch als Merkmal für „die besondere Stellung des Menschen in der Welt oder für seine besondere Beziehung zu Gott“.

Für den Großmeister des Pessimismus, Arthur Schopenhauer, hingegen ist „unser Gehen nur ein stets gehemmtes Fallen, das Leben unseres Leibes nur ein fortdauernd gehemmtes Sterben“. Die Sprache wiederum ist weniger von schlecht gelaunten Philosophen à la Schopenhauer geprägt, sondern verbindet mit dem aufrechten Gang Positives, nämlich enge semantische Beziehungen zwischen „aufrecht“ und „recht/Recht“, „richtig“ oder „aufrichtig“.

Der fünfte Nominierte, Hans Belting, wagt sich an eine Kulturgeschichte des menschlichen Antlitzes. In „Faces. Eine Geschichte des Gesichts“ (C. H. Beck, 343 Seiten, 29,95 Euro) geht es um Bilder und Selbstbilder, Gemälde und Fotos, Gesichter und Masken. Jeder Mensch hat ein Gesicht. Doch wird es erst dazu, wenn „es mit anderen Gesichtern in Kontakt tritt, sie anschaut oder von ihnen angeschaut wird“. In der Interaktion „von Angesicht zu Angesicht“ können Menschen das „Gesicht wahren“, aber auch das „Gesicht verlieren“. Niemals zuvor ist einer solchen Ausführlichkeit und Dichte über das menschliche Gesicht geschrieben worden. So erfahren wir viel über das Bild, das wir im Lauf der Jahrhunderte über uns selbst entworfen haben.

Eine Prognose, welches Buch den Preis gewinnt, erweist sich in diesem sehr starken Jahrgang als besonders schwierig. Nur eines steht fest: Neben einem Sieger wird es vier Autoren geben, die den Preis nicht zugesprochen bekommen. Es wäre ein Zeichen ihrer Aufrichtigkeit, wenn ihr Gesicht im Moment der Enttäuschung nicht zur Maske erstarrt.

Claus Kleber und Andrea Sawatzki, Sebastian Fitzek, Christine Kaufmann und Michael Gorbatschow: Vom 14. bis 17. März sind zahlreiche Größen aus Literatur, Politik, Sport und Unterhaltung zu Gast in der LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse. Seien Sie dabei! LVZ-Online überträgt alle Gespräche live ins Internet.

Nicola Zellmer 11.03.2013