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Weltweit „Schafe, Monster und Mäuse“: Neues Album von Element of Crime
Nachrichten Kultur Weltweit „Schafe, Monster und Mäuse“: Neues Album von Element of Crime
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12:00 14.10.2018
Beenden nach vier langen Jahren ihr Schweigen: David Young, Richard Pappik, Sven Regener und Jakob Ilja von Element of Crime machen Platten zum Mögen. Quelle: Charlotte Goltermann
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Hamburg

Eigentlich möchte man gar nicht reden, nur still auf dem Dach sitzen und auf den Fluss schauen. Es ist der 23. August, der letzte Tag der großen Bruthitze 2018, die Kräne im Hamburger Hafen sehen aus wie eiserne Giraffen, Ausflugsboote fahren die Elbe entlang, ein Dreimaster hat die Segel gestrichen.

Oben auf der Clipper Elb-Lodge hat man das Spätnachmittagsbierchen offen, und vor dem Interview cremen sich alle noch mal ein. „Tu mir den Gefallen, Richie und ich haben uns mal dermaßen verbrannt“, sagt Sven Regener, und reicht fürsorglich die Sonnenmilch weiter.

Schlagzeuger Richard Pappik hat sie seinen Bandkollegen, dem Sänger Sven und dem Gitarristen Jakob Ilja, noch vor der Fahrt nach Hamburg zugesteckt. Die beiden sind unterwegs, um von Element of Crime zu erzählen. „Schafe, Monster und Mäuse“ heißt das neue Album, nach Wesen, die gern mal in Träumen Entliebter auftauchen. Es beendet das Schweigen der Berliner nach vier langen Jahren.

„Bands haben eine eigene Dynamik“

Die nach Regeners und Iljas Dafürhalten gar keine halbe Ewigkeit gewesen sind. Anfangs, ja, da habe man noch alle Jahre ein Album rausgehauen. „Da muss man dauernd Songs schreiben, damit man überhaupt welche hat“, sagt Regener. „Dann hatten wir eine Hörerschaft und das Gefühl, jetzt ist es auch mal gut mit dem Album-Tour-Album-Stress“, ergänzt Ilja.

Deutliche Albumpausen gebe es doch bei allen, die schon lange im Geschäft sind. „Nur James Last hat alle Jahre vier, fünf Platten gemacht“, wendet Regener ein, „aber der hatte auch dieses Orchester, das hat er fest bezahlt, mit dem musste er auch was unternehmen.“ Kurze Pause, Nippen am Bier, 33 Jahre Bandgeschichte sind kein Pappenstiel, und: „Ehrlich gesagt, ein Jahr ist auch gar nicht mehr so lang.“

Man stellt sich als Musikfan alles sehr romantisch vor, dass Liedermachen so göttlich ist, dass ein Songwriter es zu keiner Stunde unterlassen kann. Und irgendwann entsteht dann ja auch tatsächlich aufs Neue der Songwriting-Magnetismus. „Da muss man aber drauf warten, das kann man sich nicht aus den Rippen schneiden“, sagt Regener. „Bands haben da eine eigene Dynamik“, bestätigt Ilja. Setzt die bei EoC ein, wird im Studio erst die Musik geschaffen, zu der lässt sich Sven Regener dann seine strophenlangen Zaubersätze einfallen – und die entfalten sich auch diesmal wieder im Kopf des Hörers zu kleinen Kinofilmen.

„Es gibt immer gute Songs, wenn’s in der Liebe nicht so läuft“: Element of Crime schreiben Lieder wie Kinofilme – über die Liebe und über Berlin. Quelle: Charlotte Goltermann

Das Lied „Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“ handelt von einem Liebesuntergang, das angejazzte „Im Prinzenbad allein“ ist eine Sommerabsage aus Einsamkeitsgründen, und auch bei der „Party am Schlesischen Tor“ gibt es einen Liebesverlierer, der alle Popcineasten mit einem schier unerträglichen Cliffhanger zurücklässt. Die Icherzähler von immerhin sieben der zwölf neuen Element-of-Crime-Songs schauen einer gewesenen Zweisamkeit betrübt hinterher, zum Teil in bewegenden Worten.

Natürlich möchte man da wissen, wie es dem Ehemann und Familienvater Regener derzeit privat so geht. „Bist du das ,Ich’ in den Songs?“ „Ähm, pft, nein, das wäre auch Quatsch“, kommt die Antwort. „Ich schreibe Texte ja nicht, weil ich der Ansicht bin, die Welt müsse erfahren, wie es mir neulich ging. Und man darf ja eins nicht vergessen: Man spielt so ein Lied nach 20 Jahren immer noch. Das ist der Unterschied zur Tageszeitung.“

Außerdem stehe es gar nicht um jeden der Protagonisten schlimm, wendet er ein: „Man weiß nicht, ob das in dem Titel ,Karin, Karin‘ ein Verlassenheitsgefühl ist, oder ob das gerade erst angefangen hat, in der Schwebe ist … und der Typ hält nur nicht aus, dass es wieder ein bisschen distanzierter wird.“ Er lacht. „Aber grundsätzlich stimmt das – es gibt immer gute Songs, wenn’s in der Liebe nicht so läuft. 80 bis 90 Prozent aller Lieder handeln davon.“

Wie eine Stadtkarte in Chansons

80 bis 90 Prozent der muckeligen, trompetenwarmen und gitarrenschönen, von Regener hingeknarzten Rumpellieder auf „Schafe, Monster und Mäuse“ handeln von Berlin. Wie eine Stadtkarte in Chansons kommt dieses Album daher: Ku‘damm, Halensee, KaDeWe, Friedrichshain, Brandenburger Tor und der „Exer“ genannte Sportpark Friedrich Ludwig Jahn finden Erwähnung, dazu gesellen sich noch Spezifika wie die Currywurst und die Berlin-Engel von Wim Wenders.

Dass sie keine berlinische Band seien, haben Element of Crime früher immer wieder betont. „Wir sind keine berlinische Band im Sinne eines Lokalkolorits, wie es Bands aus Köln gibt“, korrigiert Ilja jetzt, der einzige gebürtige Berliner im Quartett, „aber natürlich sind wir eine Band, die aus Berlin kommt.“ Und trotzdem sei die Authentizität der Albumgeografie kein Städtemarketing. „Das ist, wie wenn die Red Hot Chili Peppers von L. A. singen oder die Beatles von der ,Penny Lane‘. Es spielt eine Rolle im Text, ist aber irrelevant für die Rezeption.“

Das Sockengeschäft und das „Wienerwald“-Restaurant in „Bevor ich dich traf“ immerhin hat der gebürtige Bremer Regener frei erfunden. Der Song erlaubte ihm, den „Wienerwald“-Chef Friedrich Jahn mit dem „Geschichten aus dem Wiener Wald“-Dichter Ödön von Horvath nächtens gemeinsam im Prater am Prenzlauer Berg spuken zu lassen.

Element of Crime: Schafe, Monster und Mäuse Quelle: Plattenlabel

Der 1998 verstorbene „Hendl-Jahn“ hat es Regener schwer angetan: „Nach seiner Riesenpleite in den USA fragte man den mal, wie er noch so nobel am Tegernsee residieren könne. Da sagte der: ,Ich habe Freunde, die unterstützen mich. Und wenn meine Freunde das nicht tun würden, dann würde ich mir einen Leierkasten holen, mich damit auf die Maximilianstraße stellen und mal ganz genau singen, was alles so gelaufen ist.‘ Guter Mann, der Hendl-Jahn!“

Ein breites, bräsiges Urzeit-Getute unterbricht Regener und erinnert einen daran, dass man hier in keiner Berlin-Blase sitzt. Ein Kreuzfahrtschiff pflügt durchs Elbwasser, ein Gebirge mit Kiel.

Im Song „Gewitter“ dräuen dann die großen Gegenwartsängste. „Auf die gute alte Zeit, denn die ist jetzt vorbei“, heißt es darin. Als „so ne fette große Krake in der Mitte von dem Album“ bezeichnet Regener den Song denn auch. Aber das Doomsday-Flair des Lieds spiegelt nicht unbedingt die Gefühle der beiden Musiker zu Pegida, AfD, Neonazis, der derzeit immer öfter beschworenen Demokratiedämmerung.

“Jetzt hier in Deutschland von Angst anzufangen, bringt nichts“

„Ich habe in den Siebzigerjahren viel Politik gemacht“, betont Regener, „und was ich da heute höre von diesen ganzen Dödeln ist nichts im Vergleich zu dem, was man sich damals anhören musste. Die Rechten trauen sich wieder was? Das muss man halt dagegenhalten. Und wir leben wirklich nicht in einer Gesellschaft, wo man das nicht könnte. Wenn die Leute von der Straße weg verhaftet würden für das, was sie denken und sagen, dann hätte ich Angst.“

Kurze Pause, das Urzeit-Getute entfernt sich. „Jetzt hier in Deutschland von Angst anzufangen, bringt nichts. Dafür ist dieses Land zu frei. Wir haben alles in der Hand. Fürchtet euch nicht.“

„Schafe, Monster und Mäuse“ mit seinen malerischen, melancholischen, filmischen Songs erscheint am 5. Oktober zunächst nur als CD und Vinyl. Komplett streambar wird das Album erst im April 2019 sein. „Das ist wie beim Buch“, erläutert Ilja die ungewöhnliche Veröffentlichungspraxis, „CD und Vinyl sind für uns das Hardcover. Das ist erstmal ein halbes Jahr auf dem Markt. Wer gleich lesen will, holt sich das, wer nicht, muss halt warten, bis das Taschenbuch kommt.“

„CD und Vinyl sind für uns wie Hardcover-Ausgaben beim Buch“: Das neue Album erscheint zunächst nicht als Streaming-Version. Quelle: Charlotte Goltermann

Und wo bleibt die CD-Single mit ihren drei, vier Bonustracks? Heute gibt es nur noch das „Instant-Grat“, eine digitale Auskopplung ohne Extrasongs. „Du hast recht“, sagt Regener, „das war immer ein interessanter Nachklapp, das war aber auch immer ein bisschen …“ „Anstrengend“, ergänzt Ilja. „Wir mussten noch mal ins Studio, nachlegen. Sieh es so: Diesmal sind es 60 Minuten Musik, viele Soli – unser erstes Doppelalbum.“ Zufriedenes Seufzen.

Ein paar Momente sitzt man noch still auf dem Hoteldach, blickt auf Wasser, Schiffe und Giraffen, bevor das nächste Interview beginnt. Die 17-Uhr-Sonne brennt noch so hart, als wär’s Mittag. Man wird sich ein zweites Mal eincremen müssen.

Von Matthias Halbig

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