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08:37 30.09.2013
Der indische Schriftsteller Jeet Thayil liest im Literarischen Salon in Hannover aus seinem Debütroman „Narcopolis“. Quelle: Wallmüller
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Hannover

Für den indischen Schriftsteller Jeet Thayil war die Shuklaji Street offenbar so ein Ort, eine Straße voller Opiumhöhlen im indischen Bombay der siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, eine Straße, die in seinem Romandebüt „Narcopolis“ die eigentliche Hauptrolle spielt.

Thayil, Sohn des bekannten indischen Autors T. J. S. George, erzählte jetzt im Literarischen Salon Hannover davon, wie er sich zu Studienzeiten in der Shuklaji Street herumtrieb, wie er Süchtigen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten begegnete, „Leuten von ganz unten bis ganz oben“, die eines gemeinsam hatten: Sie wollten im Rausch ihr Elend vergessen, ihre Armut, aber auch ihre Einsamkeit oder Verzweiflung.

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Fast 20 Jahre lang sei Thayil selbst alkohol- und drogenabhängig gewesen, berichtet Moderator und Übersetzer Bernhard Robben zu Beginn der Veranstaltung, die Teil des jetzt zu Ende gegangenen Literaturfests Niedersachsen ist.
Heute sei der Schriftsteller nur noch süchtig nach Lyrik und Kaffee, zitiert der 58-Jährige ein Interview mit Jeet Thayil und witzelt: Das sei ja auch viel einfacher zu beschaffen. Auch Jeet Thayil lacht, als er die Passage auf Englisch über seinen Kopfhörer hört. Aber er wirkt dabei eher gequält als erheitert. Es ist einer von vielen Momenten, in denen man die innere Zerrissenheit dieses Autors spürt.

Kunstvoll und poetisch geht der Mann, der es schon mit seinem Debüt auf die Shortlist des renommierten Man Booker Prize brachte, in „Narcopolis“ mit seinen literarischen Mitteln um. Über sechseinhalb Seiten erstreckt sich beispielsweise allein der erste Satz. Thayil betont vor allem die Rhythmik des nicht enden wollenden Satz-Ungetüms, als er ihn auf Englisch vorliest. Er lenkt die Konzentration auf den Beat der Sprache und erzeugt damit eine fast schon rauschhafte Wirkung. Synchronsprecher Tobias Kluckert dagegen lässt auf Deutsch in derselben Passage viel mehr die betörenden Bilder wirken.

Eloquent und souverän äußert sich der in Hong Kong, New York und Bombay aufgewachsene Thayil auch über seine Motive, diesen Roman zu schreiben. Die Geschichte der Drogenabhängigen Indiens – und damit auch ein wichtiger Teil der Geschichte Bombays (das seit 1996 Mumbai heißt) – werde heute verdrängt, habe keinen Platz in einem Indienbild, in dem vor allem von Gewürzen, Frauen in bunten Gewändern und Bollywoodfilmen die Rede sei, sagt er – und ordnet die Geschichte der Shuklaji Street in die jahrhundertealte Tradition des Opiumhandels in Indien ein.

Auf der anderen Seite sind da immer wieder die Momente, in denen Thayil über seine eigenen Drogenerfahrungen spricht – und förmlich um Worte ringt, wenn er Auskunft darüber geben soll, wie er es empfindet, dass er in „Narcopolis“ zumindest indirekt – es ist kein autobiografisches Buch – auch seine eigene Sucht thematisiert. Ob es nicht auch befreiend gewesen sei, sich diese Zeit von der Seele zu schreiben, fragt Bernhard Robben. Er habe das auch gedacht, anfangs, aber dann habe er gemerkt, wie ungesund es sei, wieder in diese alte Welt einzutauchen, sagt Thayil und wirkt dabei wieder gequält. Seit dem Buch müsse er bei Veranstaltungen ständig über die Opiumsucht reden, das habe etwas zutiefst Negatives, Selbstzerstörerisches.

Am Ende schwingt sich der Mann mit dem kahlen Kopf und der auffälligen schwarzen Brille sogar zu einer fast schon befremdlichen Lobpreisung des Opiums auf. Die Droge sei in Bombay ein einzigartiger sozialer Kitt zwischen Menschen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten gewesen. Sie habe ihnen in Zeiten von Armut und Elend Momente des Glücks verschafft. Kein Wort über die Abgründe, die Schmerzen, die jede Sucht auch mit sich bringt. Er müsse sehr aufpassen, dass er bei dem Thema nicht sentimental, melancholisch werde, sagt er dann. Großer Applaus.

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