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Weltweit Sozialenzyklika formuliert Unverzichtbarkeit des Glaubens
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17:58 08.07.2009
Papst Benedikt XVI. unterzeichnet die Sozialenzyklika.
Papst Benedikt XVI. unterzeichnet die Sozialenzyklika. Quelle: afp
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Seit Mitte des 18. Jahrhunderts werden päpstliche Enzykliken als Lehrschreiben an alle katholischen Bischöfe, manchmal auch alle Katholiken versandt. „Sozialenzykliken“, die seit „Rerum Novarum“ aus dem Jahre 1891 die „sozialen Fragen“ behandeln, richten sich seit Papst Johannes XXIII. meist auch an „alle Menschen guten Willens“. Für die Gläubigen der katholischen Kirche beanspruchen sie eine hohe Verbindlichkeit, stehen in der Hierarchie der Wahrheiten aber unterhalb von Konzilien oder unfehlbaren Entscheidungen des Papstes.

Die neue Enzyklika beginnt mit den Worten „Die Liebe in der Wahrheit ?“ und wird dementsprechend auf Latein als „Caritas in Veritate“ (CiV) zitiert. Sie sollte ursprünglich 2007 zum 40. Jahrestag der berühmten Entwicklungsenzyklika „Populorum Progressio“ Papst Pauls VI. von 1967 erscheinen, die damals in Zeiten des konziliaren Neuaufbruchs wegen ihrer progressiven Forderungen große Beachtung fand und zur Geburt der Theologie der Befreiung in Lateinamerika beitrug.

Unübersichtlich viele Aspekte der aktuellen Weltsituation werden in dem neuen Lehrschreiben angesprochen: Benedikt XVI. sieht die aktuellen Herausforderungen der Weltarmut, der Finanzmarktkrise, der Globalisierung und des Ressourcenverbrauchs. Er fordert, dass die gesamte Wirtschaft der Gerechtigkeit und dem Gemeinwohl dienen muss. Dabei spricht er immer wieder von der „Einheit der Menschheitsfamilie“: Gemeinwohl und Gerechtigkeit hätten heute notwendig eine globale Dimension. Auf keinen Fall dürfe die Globalisierung fatalistisch hingenommen werden. Vielmehr müsse sie nach moralischen Grundsätzen so gestaltet werden, dass sie überall zu menschlicher Entwicklung führt. Die Entwicklungshilfe müsse ohne Hintergedanken erfolgen, der Agrarprotektionismus der reichen Länder abgebaut, eine neue globale Ordnung für die Finanzmärkte entwickelt werden.

Auch Details werden angesprochen: Um die Gesundheitsversorgung in den armen Ländern zu verbessern, wendet sich der Papst gegen die „strenge Anwendung des Rechts auf geistiges Eigentum, speziell im medizinischen Bereich“. Unter Rückgriff auf die Sozialenzyklika Johannes XXIII. „Pacem in Terris“ fordert der Papst sogar, es müsse eine „echte politische Weltautorität“ errichtet und mit wirksamer Macht ausgestattet werden, damit die globalen Aufgaben bewältigt werden könnten.

Ein großes Anliegen des Papstes ist es, deutlich zu machen, dass Rechtsordnungen, gesellschaftliche Institutionen und Marktmechanismen alleine nicht ausreichen, um die Entwicklung der Gesellschaft in eine positive Richtung zu steuern. Vielmehr müssten Politiker, Manager, Konsumenten und letztlich alle Bürger sich an moralischen Werten ausrichten und diese in ihrem Handeln selbst zur Geltung bringen. Oberste Priorität hat immer das Wohl aller Menschen: „Allen, besonders den Regierenden, die damit beschäftigt sind, den Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen der Welt ein erneuertes Profil zu geben, möchte ich in Erinnerung rufen, dass das erste zu schützende und zu nutzende Kapital der Mensch ist, die Person in ihrer Ganzheit.“

In anderer Beziehung ist die Enzyklika aber leider eine Enttäuschung. Das Problem des Klimawandels wird nur an einer Stelle ganz kurz angesprochen. Gar nicht geht der Papst auf das damit zusammenhängende globale Gerechtigkeitsproblem ein: Immer noch stoßen die reichen Nationen so viel Kohlendioxid aus, dass für die armen Länder kaum mehr Entwicklungsmöglichkeiten bleiben, wenn man tatsächlich den Klimawandel noch vermeiden oder wenigstens mildern will. Er wird die armen Länder, die bislang kaum zum hohen Kohlendioxidausstoß beigetragen haben, besonders hart treffen. Angesichts der Zukunftsprobleme der Menschheit ist auch nicht verständlich, was der Papst zum Bevölkerungswachstum sagt – oder besser nicht sagt. Zwar ist richtig, dass die Probleme der Entwicklungsländer nicht allein auf hohes Bevölkerungswachstum zurückzuführen sind. Klar ist aber auch, dass ein anhaltend hohes Bevölkerungswachstum nicht möglich ist, weil es die Ressourcen der Erde über Gebühr belasten würde, zumindest, wenn die päpstlichen Vorstellungen einer positiven Entwicklung tatsächlich für alle Menschen realisiert würden. Diese Probleme werden in der Schrift jedoch verharmlost, was damit zusammenhängt, dass der Papst unter Berufung auf die „Pillen“-Enzyklika „Humane Vitae“ am strikten Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung festhält.

Für eine Sozialenzyklika sehr ungewöhnlich betont der Papst immer wieder eine Art Vorrang der Wahrheit vor der Liebe. Nur in der Wahrheit, für die Jesus Christus Zeugnis abgelegt habe, sei die Liebe möglich und sinnvoll. Der Papst behauptet, „dass die Zustimmung zu den Werten des Christentums ein nicht nur nützliches, sondern unverzichtbares Element für den Aufbau einer guten Gesellschaft und einer echten ganzheitlichen Entwicklung des Menschen ist“. Will er damit sagen, dass Nichtchristen nicht zu einer guten Gesellschaft beitragen können? Nach Meinung des Papstes „stellen die ideologische Verschlossenheit gegenüber Gott und der Atheismus der Gleichgültigkeit, die den Schöpfer vergessen und Gefahr laufen, auch die menschlichen Werte zu vergessen, heute die größten Hindernisse für die Entwicklung dar“.

Solche Äußerungen gehen an der Erkenntnis vorbei, dass auch Atheisten durchaus moralisch integre Menschen sein können. Sie tendieren eher dazu, Andersdenkende zurückzuweisen, als zum Dialog und zur Zusammenarbeit einzuladen. Es wäre für die Zukunft der Menschheit fatal, wenn es wirklich so wäre, als müssten wir uns zuerst über grundlegende Wahrheiten einig werden, bevor wir die Herausforderung der aktuellen sozialen und ökologischen Probleme gemeinsam bearbeiten könnten. Das muss auch nicht zu einem immer weiter um sich greifenden Relativismus führen, den der Papst befürchtet. Ist Benedikt XVI. möglicherweise zu wenig bewusst, dass ein zu starkes Pochen auf Wahrheitsansprüche auch auf Kosten der Liebe gehen könnte?

von Gerhard Kruip

Gerhard Kruip war Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover und lehrt Christliche Anthropologie und Sozialethik an der Universität Mainz.

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Die Sozialenzyklika des Papstes im Wortlaut (externer Link)