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Weltweit Tanztheater International lädt zum Finale in den „Lobster Shop“
Nachrichten Kultur Weltweit Tanztheater International lädt zum Finale in den „Lobster Shop“
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09:10 14.09.2009
Von Stefan Arndt
Weiße Nächte, wilde Tänze: die belgische Needcompany zeigt „The Lobster Shop“ im Schauspielhaus Hannover.
Weiße Nächte, wilde Tänze: die belgische Needcompany zeigt „The Lobster Shop“ im Schauspielhaus Hannover. Quelle: Vanassche
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Die bessere Welt ist längst verblasst: All die kraftvollen Formen, die auf der Bühne des hannoverschen Schauspielhauses zu Skulpturen aufeinandergetürmt sind, künden noch vom Glauben an die eigene Kreativität, von Optimismus und der Leichtigkeit des Seins. Doch ohne Farbe sind sie nur Ruinen. Der belgische Choreograf, Künstler und Theatermacher Jan Lauwers hat für seine Produktion „The Lobster Shop“, die nach Aufführungen bei den Festspielen in Avignon und Salzburg nun beim Tanztheater International in Hannover zu sehen war, ein Bühnenbild entworfen, das an die knallbunten Popgemälde eines Keith Haring erinnert – und doch ganz ohne Farbe auskommen muss.

In dieser weißen Welt spielt eine Zukunftsgeschichte, die die Wucht einer antiken Tragödie hat: Der Gentechnikprofessor Axel hat den ersten menschlichen Klon entwickelt und kann doch nicht verhindern, dass sein Sohn in seinem Armen einem Herzstillstand erliegt. Seither ist die Ehe mit seiner Frau Teresa zerrüttet. Selbst diese dramatische Handlung ist allerdings kaum mehr als ein dürres Grundgerüst für all das, was die großartigen Tänzer, Schauspieler und Musiker von Lauwers Needcompany zu erzählen haben. Es geht um die ganz große Themen Liebe und Tod – und (schließlich ist Lauwers schon seit Jahrzehnten im Geschäft) auch um ihre Vorstufen Jugend und Alter.

Die Genregrenzen spielen für die Akteure der Needcompany dabei keine Rollen, mal gibt man reines Sprechtheater, mal werden brave Musicalmelodien angestimmt. Und natürlich wird auch getanzt: wild und frei wie alles an diesem Stück. Einmal, als sich Teresas Trauer in Schluchzen entlädt, mischen sich alle Formen zu einen todtraurigen Reigen der Einsamkeit.

Erträglich wird die gleißende Düsternis des Stückes durch die vielen Absurditäten, mit denen es durchsetzt ist: Ein Hummer wird zum mystischen Symbol erhöht, und ein Bär bekommt eine Vergangenheit als Kinderschänder. Es gibt scheinbar unmotivierte Slapstickeinlagen, und eine hübsche, junge Frau (die ausgerechnet Nasty – hässlich – heißt) hat ständig und ganz nebenher grotesken Sex mit dem Klon: Sie ist zugleich Zerr- und Wunschbild des problematischen Ehelebens.

Aus den vielen Elementen entsteht ein atmosphärisches Ganzes, das ein angenehm paradoxes Gefühl vom Glück der Verzweiflung hinterlässt. Die Begeisterung der Zuschauer entschädigt die international erprobten Akteure am Ende dafür, dass das Haus nicht ausverkauft war. Beim gesamten Festival war das eher die Ausnahme: Die Auslastung betrug insgesamt 90 Prozent. Im kommenden Jahr soll Tanztheater International zum 25. Mal stattfinden. Noch ist die Finanzierung aber nicht gesichert, Festivalchefin Christiane Winter sucht weiterhin Sponsoren. Produktionen wie „The Lobster Shop“ sind dafür die beste Werbung.