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Weltweit "Theater heute"-Macher denken über Theater von morgen nach
Nachrichten Kultur Weltweit "Theater heute"-Macher denken über Theater von morgen nach
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09:35 30.08.2010
Von Ronald Meyer-Arlt
Das Stuttgarter Theater im SI-Centrums mit klassisches Logen-Theater im Rokoko-Stil. Quelle: dpa (Archiv)
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Die Vergangenheit des Theaters ist 200 Seiten stark, kostet 24,80 Euro und ist sowohl am Kiosk als auch in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich. Gerade ist das Jahrbuch der Fachzeitschrift „Theater heute“ erschienen. Und weil die Zeitschrift ihren 50. Geburtstag feiert, lässt die Redaktion 50 Theaterjahre Revue passiere. Henning Rischbieter, der zusammen mit dem Verleger Erhard Friedrich die Fachzeitschrift vor 50 Jahren in Hannover gegründet hat, hat die Theaterereignisse eines halben Jahrhunderts ausgewählt: von Gustav Rudolf Sellners Inszenierung von Shakespeares „Sturm“ (mit Gustaf Gründgens als Prospero) bis Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“, einer Koproduktion des Schauspiels Köln mit dem Hamburger Thalia Theater.

Die reich bebilderte Chronik zeigt: Es gab beachtliche künstlerische Höhepunkte im deutschen Theaterbetrieb. Wie eine Zeitwende aber wirkt das Szenenfoto von Christoph Marthalers „Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!“ 1993 an der Berliner Volksbühne. Zu sehen ist Anna Viebrocks Wartesaalbühne mit DDR-Mobiliar, der riesigen Uhr und der kaputten Wandbeschriftung „damit di Zeit nicht stehenbleibt“. Ist sie dann auch nicht. Das Bild wirkt wie eine Öffnung. Plötzlich werden die Schauspieler ganz klein. Und es sieht so aus, als wollten sie sich nicht mehr verstellen. Als käme es gar nicht mehr darauf an, irgendetwas vorzustellen. Marthalers Theater wollte etwas ganz anders. Auf den vielen Bildern, die dieser Szene folgen, sehen die Schauspieler aus, als seien sie mit etwas ganz anderem beschäftigt, als vorgegebenen Text aufzusagen und Rollen zu spielen.

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Und noch etwas fällt aus: Es dauert sehr lange, bis die Theaterleute entdeckt haben, dass es möglich ist, auch von Theaterszenen Farbfotos anzufertigen. Theaterfotografie in Farbe setzt sich tatsächlich erst Mitte der neunziger Jahre durch. Das lässt sich auch als Symptom betrachten – Theaterkünstler klammern sich gern an alte Medien – sie sind schließlich selbst in (und mit) einem beschäftigt. Ein großer Teil der Vergangenheit des Theaters sieht daher wirklich sehr vergangenen aus.

Doch was ist eigentlich mit der Zukunft?

Der wollten sich die Macher der Theaterzeitschrift bei der Geburtstagsfeier widmen. Obwohl die Geburtstage ein bisschen auseinanderliegen, feierten die Zeitschriften „Theater heute“ und „Opernwelt“ zusammen. Verlag und Redaktion haben Intendanten, Dramaturgen, Schauspieler, Sänger, Dirigenten und Kritiker ins Berliner Schiller-Theater eingeladen. Schwarze Kleidung überwiegt. Die Herren tragen Glatze und Brille, die Damen schulterfrei. Unter der üblichen Symposiumsfrage „Was soll das Theater?“ haben sich einige, nein: viele Theaterleute Gedanken über die Zukunft des Theaters gemacht. „Fünf Minuten Zukunft“ lautete das Motto der Veranstaltung, denn jeder Redner hatte fünf Minuten für seine Vorhersage.

Die genauste Aussage über die Zukunft des Theaters machte der junge Schauspieler Fabian Hinrichs (der einzige Schauspieler, der zu Wort kam – erstaunlich eigentlich beim Jubiläum einer Theaterzeitschrift). Ausgehend von den Berechnungen des Physikers John Richard Gott III, der wirklich so heißt und eine Formel zur Abschätzung der Existenzdauer von Allem entwickelt hat, kam er zu dem Ergebnis, dass dem Theater, wie wir es kennen, mindestens 62,5 höchstens aber noch 100 000 Jahre vergönnt sind.

Die Frage ist nur, was man mit der Zeit, die einem bleibt, so alles anstellt. Jedenfalls keine Theaterkritiken lesen! Opernsängerin Annette Dasch, die zur Geburtstagsfeier von „Theater heute“ und „Opernwelt“ nicht als Sängerin, sondern als Rednerin eingeladen war, sagte, es sei schon kurios, dass sie hier am Rednerpult stehe, zumal sie die „Opernwelt“ gar nicht lese. „Aber nicht aus Verachtung, sondern aus Angst“, fügte sie – entschuldigend gemeint, aber die Sache eher noch verschlimmernd – hinzu.

Sie warnte vor „Public Viewing“, das die Gefallsucht von Künstlern befördern könne. Opernkünstler müssten anecken sagte sie, und: „Oper ist kein Schokoladengeschäft, wo man Nougat bekommt, wenn man Nougat bestellt.“ Oper soll ein „Ort der Überraschung“ und ein „Ort großer Kompliziertheit“ bleiben. Applaus. Ähnlich argumentierte der Komponist Jens Joneleit („Wir brauchen Entschleunigung und Antispektakel“), der Opernregisseur Barrie Kosky, der in Hannover gerade den „Ring“ inszeniert („Wir müssen dagegen kämpfen, dass am Ende alles gleich und vorhersehbar ist“), der Architekt Stephan Braunfels („Die Guckkastenbühne ist ein Auslaufmodell“), der Dirigent Christian Thielemann („Seid ihr selber!“, „Macht nicht alles!“) und der Dramaturg Carl Hegemann, der den Philosophen Christoph Menke zitierend meinte: „Der tragische Künstler kann das Scheitern bejahen.“ Und alle forderten sie: Mut. Und alle waren traurig, weil einer der Mutigsten von ihnen nicht dabei war. Vor einer Woche starb Christoph Schlingensief. In vielen Reden wurde an ihn erinnert.

Wie hätte er wohl die Frage „Was soll das Theater?“ beantwortet?

Wahrscheinlich hätte er es nicht bei der einfachen – auch irgendwie billigen Einforderung von Mut belassen. Vielleicht hätte er etwas Ähnliches gesagt wie der Regisseur Nicolas Stemann (dessen großartiger hannoverscher „Hamlet“ aus dem Jahr 2001 in der Sternstundenübersicht des Jahrbuches natürlich auch verzeichnet ist).

Stemann meinte, dass es das schöne deutsche Stadttheatersystem sicher nicht ewig geben würde. Gut möglich, sagte er, dass es schon bald mit ihm vorbei sein könne: „Das Bedürfnis der Menschen zielt auf andere, weniger diskursive Liveevents.“ Was also tun? Da argumentierte er dann doch so, wie Theaterleute immer gern argumentieren: weitermachen, aber mutig – „damit es wenigstens schade ist, wenn es das alles nicht mehr gibt.“

Immerhin, eine Hoffnung gibt es: „Das Theater wird wahrscheinlich noch ,Theater heute‘ überleben.“ Beim letzten Stück also dürften die Kritikerplätze leer bleiben. Schade eigentlich.

Stefan Stosch 27.08.2010
Johanna Di Blasi 27.08.2010