Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Weltweit „To the Wonder“ zeigt die Liebe nach Terrence Malick
Nachrichten Kultur Weltweit „To the Wonder“ zeigt die Liebe nach Terrence Malick
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:11 06.06.2013
Von Stefan Stosch
Das Glück ist nur von kurzer Dauer: Neil (Ben Affleck) und Marina (Olga Kurylenko). Quelle: StudioCanal
Anzeige
Hannover

So filmt nur einer. Nur einer lässt seine Figuren so vor der Kamera (traum-)tänzeln und immer wieder letzte Sonnenstrahlen in einer himmelwärts gerichteten Kamera rötlich leuchten. Alles fließt in diesen Bildern, aus dem Off raunen sehnsüchtige Stimmen. So filmt allein der letzte Mysteriöse, den sich das vermarktungssüchtige Kino noch leistet – Terrence Malick, der in nunmehr 40 Schaffensjahren gerade einmal sechs abendfüllende Filme abgeliefert hat. Das sechste Werk des 69-Jährigen heißt „To the Wonder“, wurde nach seinen Maßstäben in Rekordzeit fertig und erzählt von der Liebe.

Mit der Erschaffung der Welt, mit Magmaströmen und Dinosauriern, mit göttlicher Gnade und natürlichem Vergehen war der US-Regisseur vor zwei Jahren durch. „The Tree of Life“ bescherte Malick 2011 die Goldene Palme in Cannes. Natürlich holte er auch damals seinen Preis nicht persönlich ab. Malick zeigt sich nie in der Öffentlichkeit, da ist er wie der Autor Thomas Pynchon. Man muss schon auf uralte Fotos zurückgreifen, um sich ein Bild des Regisseurs von „Badlands“ (1973), „In der Glut des Südens“ (1978), „Der schmale Grat“ (1998) und „The New World“ (2005) zu machen.

Anzeige

Der fünfte Film, „The Tree of Life“, war ein wuchtiges Werk, bei dem man sich unwillkürlich im Kinosessel wegduckte. Daran gemessen wirkt „To the Wonder“ leichtgewichtig. Böse Zungen behaupteten bei der Premiere in Venedig, er betreibe cineastisches Recycling. Aber das stimmt nicht. Malick hat sich nur eines anderen, keineswegs weniger bedeutsamen Themas angenommen. Die Liebe ist ein zerbrechliches Ding.

Okay, von der Liebe erzählen auch viele andere Regiekollegen, aber die meisten anderen suchen nicht das Allgemeingültige im Besonderen. Die anderen deklinieren die Liebe nicht durch. Die anderen begnügen sich mit dem Glück des Augenblicks. Malick dagegen sucht immer schon Anzeichen der Vergänglichkeit. Die Handlung zieht wie in einem vagen Traum am Zuschauer vorbei: Marina (Olga Kurylenko, das Bond-Girl aus „Ein Quantum Trost“) und Neil (Ben Affleck) besichtigen den Mont-Saint-Michel in Frankreich. Sie säuselt Französisch aus dem Off, er schweigt. „Wir erklommen die Stufen hinauf zum Wunder“, sagt sie, doch damit ist wohl ganz profan das Kloster („La Merveille“) auf dem Berg gemeint.

Marina, die Französin, und Neil, der Amerikaner, gehen in die USA. Sie wohnen in einem Designer-Bungalow zwischen verfallenden Holzhäusern. Er arbeitet auf Baustellen und Ölfeldern, die die grandiose Natur zerstören. Sie versucht, sich auf das ländliche Leben einzulassen, auf Nachbarn und Blechbläserkapellen. Marina bringt eine zehnjährige Tochter mit in die Beziehung, die sich eines wünscht: Verlässlichkeit.

Doch geht es der Tochter wie dem Publikum: Dieses Paar lässt sich nicht fassen. Je länger man schaut, desto unwirklicher wird diese Liebe, die sich kaum je in Worten äußert. Hinter fragenden Blicken und zögerlichen Bewegungen lassen sich immer schon Zweifel erahnen – zumal da auch noch ein Priester (Javier Bardem) seine raunende Stimme ertönen lässt und mit Gott und dessen Liebe zu den Menschen hadert. Und dann taucht Neils Jugendfreundin (Rachel McAdams) auf, und Marina muss zurück nach Frankreich, wo sie sich auf eine Affäre in einem Stundenhotel einlässt. Warum auch immer.

Die Grenze zwischen Poesie und Pomp ist nur schwer auszumachen. Aber das war auch schon bei Malicks vorigem Film so. Man würde es sich zu einfach machen, „To the Wonder“ als Altherrenfantasie abzutun, auch wenn die Kamera den zarten Körper der Hauptdarstellerin mehr als einmal begehrlich streichelt. Ben Affleck dagegen kann nur die Schultern hochziehen und seines Weges gehen, eindeutig der undankbarere Job.

Dem Kinophilosophen Malick gelingt es, Schmerz und Trauer spürbar zu machen. Ohne Betrügen und Betrogenwerden geht es seiner Ansicht nach in menschlichen Beziehungen nicht. Jeder Liebe ist ihr Ende eingeschrieben. Das ist traurig, aber bei Malick auch traurig-schön. 

Poesie oder Geprotze? Ein endgültiger Versuch über die Liebe. Kino am Raschplatz.

Weltweit Neuer Sprengel-Direktor im HAZ-Interview - Reinhard Spieler: „Sie werden sich noch wundern“
Ronald Meyer-Arlt 31.05.2013