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Weltweit Törless im Wunderland
Nachrichten Kultur Weltweit Törless im Wunderland
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00:00 30.01.2015
„Törleß“-Darsteller schaffen dichte, beklemmende Atmosphäre. Quelle: Karl-Bernd Karwasz
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Hannover

Ein dunkler Klangteppich breitet sich auf der Bühne aus, wenn Peer Baierlein, der musikalische Leiter der Produktion „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“, akustisch eine Szene eröffnet. Auf diesem Teppich wandeln die fünf Darsteller des Abends, mal schleichend, mal tapsend, mal eilend oder trampelnd. Die dichte, beklemmende Atmosphäre bildet die Grundlage der ungeheuren Geschehnisse am elitären Provinzinternat zu W.

Zögling Basini wird des Diebstahls bezichtigt und kann eigentlich nur von Glück reden, in die wohlwollenden Hände seiner beiden Mitschüler gefallen zu sein, anstatt gleich vom Institut zu fliegen - finden zumindest Beineberg und Reiting. Die beschließen nämlich, Basinis Fehltritt vorerst noch für sich zu behalten, und räumen ihm dafür Gelegenheit ein, das niedere Vergehen im engsten Kreise abzuarbeiten. Während Reiting Basini zum sexuellen Versuchskaninchen kompromittiert, gilt Beinebergs Interesse ganz dem Foltern der Seele.

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Schüler Törless hingegen beschäftigt sich lieber mit imaginären Zahlen, aber auch er kann sich dem faszinierenden

Gefüge nicht lange entziehen. Zwischen angewidertem Voyeurismus und gebannter Passivität wird er zum stummen Begleiter der sadistischen Fehde, bis ihn das Opfer schließlich um Hilfe bittet.

Johanna Bantzer, Philippe Goos, Hagen Oechel, Mathias Spaan und Jonas Steglich verkörpern die jungen Eleven, die im Sog von Abhängigkeit und Gewalt durch ein dämmriges Wunderland irren, immer im Versuch, die Natur und Faszination von Macht und Ohnmacht auszuloten: Wie weit funktioniert man in einem System, und wie weit kann man sich gegen ein System wehren? Wie weit agiert man aus Angst und wie weit aus eigener Überzeugung? Unter Einsatz von kindhaften Masken werden die Figuren des Törless-Universums abstrahiert, die erwachsenen Spieler verwandeln sich mit dem Überziehen des Kindergesichts in Projektionsflächen für pubertäre Experimente.

Beinah tänzerisch bewegen sich die fünf Akteure auf der Spielfläche. Die Masken sitzen nicht bloß auf ihren Gesichtern, sie verändern ganze Bewegungsweisen. Wenn Sprache und Mimik ausgeschaltet sind, treten andere Formen der Kommunikation in den Vordergrund: Durch das Maskenspiel sind Körper und Stimme voneinander getrennt, die Charaktere sind unmündig, sie können nicht für sich selber sprechen - bis zu dem Moment, in dem die Maske endgültig fällt.

Musils Roman ist eine Invasion, geschrieben aus der subjektiv-verzerrten Sicht des Schülers Törless. Der Zuschauer kann sich nie sicher sein, ob die Ereignisse am Internat nur im Kopf des Protagonisten oder in der Realität stattfinden. Jan Friedrich, der im April als Autor der Uraufführung „Deals“ nochmals auf dem Spielplan des Schauspiel Hannover erscheinen wird, ist Dramaturg der Produktion und auch für die Theaterfassung des Stoffes zuständig. Zusammen mit der Regisseurin Claudia Bauer möchte er die düstere Reise durch das Seelenleben des Internatsschülers Törless sinnlich erfahrbar machen: Die Ereignisse finden nicht jetzt auf einem bestimmten Schulhof statt, sondern auf allen Schulhöfen dieser Welt oder in Bürogebäuden. Törless‘ Wunderland ist überall.

Die Verwirrungen des Zöglings: Törless nach Robert Musil in einer Bearbeitung von Jan Friedrich Premiere 14. Februar, 20 Uhr, Cumberlandsche Bühne, anschl. Premierenfeier in der Galerie

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