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Weltweit „Twilight“ und die neue Lust an der Enthaltsamkeit
Nachrichten Kultur Weltweit „Twilight“ und die neue Lust an der Enthaltsamkeit
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20:12 21.11.2009
Von Johanna Di Blasi
Edward (Robert Pattinson) ist schuld am grassierenden Vampirfieber – nicht nur Highschool-Girl Bella (Kristen Stewart) will gebissen werden. Quelle: Concorde
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Erfolg lässt sich unterschiedlich messen: an Verkaufszahlen (von den „Twilight“-Büchern wurden weltweit mehr als 70 Millionen Exemplare verkauft), an Erlösen (die Verfilmung des ersten Bandes spielte 380 Millionen Dollar ein). Und am Kreischpegel: Egal, wo der Hauptdarsteller der Verfilmung, der 23-jährige Brite Robert Pattinson, auftaucht, ob in Tokio, Rom oder Los Angeles, seine überwiegend weiblichen Fans schreien ihm aus voller Lunge entgegen. Der Vampirverkörperer wird als „hot“ wahrgenommen, obwohl er in seiner Rolle keusch wie eine Nonne ist. Nie war ein „vegetarischer“ Blutsauger begehrter. Die Deutschlandpremiere der Verfilmung von „New Moon“, dem zweiten Teil der Serie, ist, wie es vom Verleiher heißt, auf Drängen der Fans von Januar 2010 auf den 26. November vorverlegt worden. Bella wird in der neuen Folge von ihrem untoten Freund (scheinbar) verlassen und fällt in einen schockartigen Zustand tiefster Trauer – für Fans ist das Zunder fürs Leidenschaftsfeuer. Mit weiterem Ansteigen des Vampirfiebers ist zu rechnen.

In einer Szene der Highschool-Romanze bietet Vampir Edward seiner Angebeteten einen blutroten Apfel mit seinen schneeweißen Händen dar, bevor er Warnung und Ermunterung mysteriös verschränkt: „Ich habe nur gesagt, es wäre besser, wenn wir nicht Freunde wären, nicht, dass ich es nicht möchte.“ Dazu blickt der Kuschelvampir auf süße Weise frustriert und melancholisch. Der Apfel erinnert an die biblische Frucht der Versuchung.

Es ist ein vergifteter Apfel, wenn man den Kritikern der „Twilight“-Autorin Stephenie Meyer glauben darf. Und davon gibt es mehr, als man angesichts des massentrivialen Stoffs vermuten würde. Fast fühlt man sich an die Kulturkämpfe um Harry Potter erinnert. Anders als bei den Erfolgsbüchern der Britin Joanne K. Rowling kommen die Einwände diesmal allerdings nicht von christlicher Seite. Während evangelikale Radikale in den USA vereinzelt sogar Potter-Bücher verbrannten, löst die ins Vampirkostüm verpackte Moral der Keuschheit und des Sichaufsparens, verfasst von einer praktizierenden Mormonin, nicht nur bei der religiösen Rechten Entzücken aus.

Saure Gesichter machen hingegen jene, die für eine liberale Sexualmoral und die Überwindung konservativer Geschlechterbilder kämpfen. Der enthaltsame Vampir mit den lavendelfarbenen Lidern erscheint aus befreiungssexologischer Sicht suspekt – weil er so gut erzogen und moralisch skrupulös ist: Mit übermenschlicher Geschwindigkeit saust der bleiche Fantasy-Lover um den Wagen, um der Geliebten beim Aussteigen behilflich zu sein; Dank übersinnlicher Wahrnehmung ist er stets zur Stelle, wenn Bella in Gefahr gerät. Mit Superman-Kraft trägt er sie im wahren Wortsinn auf Händen. Schwelgerisch nennt er sie seine ganz persönliche Droge („my own personal brand of Heroin“). Nur das eine will er nicht: Sex vor der Ehe ist für ihn tabu.

Damit passt „Twilight“ zu sexualmoralischen Entwicklungen, die, von Europa weitgehend unbemerkt, in den USA stattgefunden haben. Die fundamentalistische Rechte, sagt die amerikanische Sexualhistorikerin Dagmar Herzog, habe auf subtile Weise Diskursregeln umgedreht. „Entgegen dem Klischee der prüden Konservativen haben die Evangelikalen viel aus der sexuellen Revolution gelernt. Sie verdammen Schwule und Lesben, preisen aber den ekstatischen ehelichen Sex und präsentieren sich als die besten Verfechter auch des weiblichen Orgasmus.“

Herzog beobachtet mit Besorgnis einen „konservativen Rollback“. Die „Renaissance der Prüderie“, wie sie es nennt, gedeihe in den USA auf dem Boden einer fundamentalen Verunsicherung. Vor dem Hintergrund von Debatten über Lustverlust und der fatalen Internetpornofixiertheit zahlreicher Männer versprächen Evangelikale eine größere Lustqualität durch Treue und Vertrauen (Ehe) und durch Wartenkönnen (Enthaltsamkeit). Die Sexualität soll in der Ehe kanalisiert werden – innerhalb davon ist dann alles erlaubt. Die religiöse Rechte verspricht den besseren Sex – und argumentiert im Sinne der Frauen, gewissermaßen feministisch. „Spart euch auf“, wird Mädchen zugerufen. Sie sollen Jungfräulichkeit nicht als Makel begreifen, sondern als Quelle des Stolzes.

Stärkt die Aufwertung der Jungfräulichkeit das Selbstwertgefühl der Mädchen, oder handelt es sich um eine Repression? Wird hier die hart erkämpfte sexuelle Freiheit gerade der Frauen preisgegeben? Oder handelt es sich um einen neuen Mix aus Selbstbestimmtheit und der Möglichkeit lustvoller Hingabe und Selbstaufgabe? Diese Fragen bündeln sich in der Protagonistin von „Twilight“.

Benötigt Bella nicht fortlaufend Rettung? Wird sie nicht passiv wie ein Baby gezeichnet, das sich vom Freund herumtragen lässt? Auch sonst erfüllt Bella überwunden geglaubte Klischees: Küsst er sie, vergisst sie zu atmen. Sie fühlt sich geschmeichelt, dass ihr überbesorgter Vampir sie sogar beim Schlafen bewacht. Berührt er mit seiner eiskalten Hand ihren Arm oder ihre Wange, durchfährt es sie heiß und kalt – und sie kann es nicht erwarten, gemeinsam mit ihm untot zu sein. Als Rollenvorbild für heranwachsende Mädchen erscheint die obsessiv liebende Bella eher ungeeignet.

Allerdings ist sie keineswegs nur passiv gezeichnet. In einem Punkt stellt die „Twilight“-Saga die herkömmlichen Rollen sogar auf den Kopf. Nicht der Mann bedrängt hier die Frau sexuell, sondern sie bekniet ihn – und zwingt ihn durch ihr Drängen zu übermenschlicher Selbstbeherrschung – er möchte die Geliebte ja nicht aus Versehen aussaugen. Wie jeder Entzug macht aber gerade das den Vampir nur umso begehrenswerter.

Offenbar trifft „Twilight“ besonders bei heutigen Mädchen und jungen Frauen eine stark durchblutete Ader. In diesen Sehnsüchten spiegeln sich auch Widersprüche und Fehlentwicklungen der sogenannten sexuellen Befreiung. Es wäre arrogant, darüber hinwegzugehen. Und während Bill Clinton mit seinen peinlichen außerehelichen Affären und erst recht der fundamentalismusnahe George W. Bush polarisierten, könnte sich Friedensnobelpreisträger Barack Obama in den USA als Versöhner bewähren: Wie er in einem „USA Today“-Interview erzählte, liest er mit seiner elfjährigen Tochter Malia gebannt „Twilight“. Konservative Christen sollten aber nicht zu früh jubeln: Vorher hatte er mit ihr die „Harry Potter“-Bände durchgenommen.

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