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Weltweit Schuld und Schulden
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00:22 10.05.2014
Von Stefan Stosch
Nick will in der vermeintlich leer stehenden Villa von Curt für ein paar Tage untertauchen – und wird irrtümlich als dessen Altenpfleger engagiert. Notgedrungen spielt Nick bei der Verwechslung mit. Quelle: Piffl Medien GmbH
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Hannover

So ein Kinobild muss man erst mal erfinden: ein Mann, bis zum Kopf eingegraben vor Alpenpanorama. Fliegen umschwirren sein Gesicht. Daneben hampelt ein halb seniler Alter mit seinen Gehstöcken herum und vollführt Übungen, wie sie sonst fernöstlichen Schamanen vorbehalten sind. Der Mann in der Erde hat sich freiwillig von dem Greis bis zum Hals verscharren lassen: zwecks Therapie.

Benjamin Heisenberg bringt diese seltsamen Helden in seiner Buddy-Komödie „Über-Ich und Du“ zusammen. Lust aufs Wunderlich-Skurrile kann man dem 1974 geborenen Filmemacher keinesfalls absprechen. Bislang hat sich Heisenberg nicht als Komödienfreund hervorgetan. In seinem Kinodebüt „Der Schläfer“ (2005) erzählte Heisenberg nüchtern von einem Wissenschaftler, der sich mit dem Verfassungsschutz einlässt. „Der Räuber“ (2010) über einen Dauerläufer als Bankeinbrecher zeigte schon eher komödiantische Ansätze.

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Heisenberg wird zur sogenannten Berliner Schule gezählt – zusammen mit Kollegen wie Christian Petzold, Christoph Hochhäusler, Angela Schanelec oder Valeska Grisebach. Kennzeichen dieser Regisseure ist ein eher spröder Inszenierungsstil. Gelegentlich wird über sie gespöttelt, sie gingen zum Lachen lieber in den Keller. Was sicher nicht ganz fair ist – denkt man nur an Maren Ades Beziehungskomödie „Alle anderen“.

Heisenberg bittet nun auf die Psycho-Couch: Es begegnen sich ein bayerischer Therapeut an der Grenze zur Demenz, der sich auf den letzten Lebensmetern zu seiner einstigen Nähe zum NS-Staat bekennen will, und ein österreichischer Hallodri, hinter dem die halbe Münchener Unterwelt her ist – was nicht weiter erstaunt, bestreitet der Kleinkriminelle sein Auskommen doch damit, Bücher zu stehlen. Überall steht er in der Kreide. So prallen deutsche Schuld und private Schulden mit Wucht aufeinander.

Nick (Georg Friedrich) will in der vermeintlich leer stehenden Villa von Curt (André Wilms, bekannt aus Kaurismäki-Filmen) für ein paar Tage untertauchen – und wird irrtümlich als dessen Altenpfleger engagiert. Notgedrungen spielt Nick bei der Verwechslung mit. Während er die Erstausgaben aus der Bibliothek abräumt, entdeckt Curt umgekehrt den Dieb als seinen womöglich letzten therapeutischen Fall. Mit seinem Uralt-Diktiergerät stellt er dem neuen Mitbewohner wie ein Detektiv nach.

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Kein Wunder, dass die Dialoge in sommerlich-luftigem Ambiente irgendwie verrutscht klingen und auch mit tiefenpsycholgischen Übertragungen seltsamer Art gerechnet werden muss: Nick übernimmt plötzlich das Augenzucken des Alten und auch dessen Küchenphobie, weshalb er sich nicht einmal mehr einen Kaffee kochen kann. Dieser ganze „Nazi-Voodoo“, wie Nick das nennt, lässt ihn von Curt nicht mehr loskommen.

Der Ergebnis auf der Leinwand sieht so aus, als wollte Heisenberg mal ausprobieren, was auf lustigem Gebiet möglich ist. Eine ein bisschen zu konstruiert wirkende Geschichte wird großzügig mit Situationskomik und auch mit Slapsticks angereichert. Und dann schaut der Regisseur – Enkel des Atombombenforschers Werner Heisenberg – aus sicherer Distanz zu, welche Reaktionen sich ergeben.

Manchmal knallt, qualmt und zischt es tatsächlich im Komödien-Reagenzglas, aber manchmal passiert auch gar nichts. So ist das nun mal bei gewagten Versuchsreihen. Der abstrusen Handlung fehlt die zwingende Notwendigkeit. Es läge bei der Familienhistorie der Heisenbergs auch nahe, nach Spuren des Umgangs mit der NS-Geschichte zu suchen. Der Regisseur sieht da aber nach eigenen Worten keine Verbindung.

Insgesamt jedoch folgt man den verschlungenen Wegen der beiden wunderlichen Protagonisten gern. „Über-Ich und Du“ ist ein charmantes Komödien-unikat, das aus der gängigen Konfektionsware herausragt.

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