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Weltweit (K)ein Grund für Sklavenarbeit
Nachrichten Kultur Weltweit (K)ein Grund für Sklavenarbeit
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15:18 26.03.2014
Von Uwe Janssen
FIFA-Baustelle: Arbeiter in Katar. Quelle: dpa
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Hannover

Thomas Kistner ist Hobbyfußballer, er kickt gern, eine „wunderbare Sache“, wie er sagt. Wenn er jedoch beruflich mit dem Thema Fußball zu tun hat, dann ist vieles nicht wunderbar, eigentlich gar nichts. Da befasst sich der „bekannteste investigative Sportjournalist Deutschlands“, als der er im Literarischen Salon Hannover angekündigt wurde, oft mit dem Weltfußballverband FIFA und schießt aus allen Lagen. Im Salon war der Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ zum Thema „Sport statt Recht“ zu Gast. Regina Spöttl von Amnesty International war da, um über die schlimme Situation der Arbeiter im kommenden WM-Gastgeberland Katar zu berichten. Todesfälle und weltfremde Aussagen Franz Beckenbauers („Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven gesehen“) hatten die Baustellen in die Schlagzeilen gerückt.

Die Aufmerksamkeit zog aber vor allem Kistner auf sich, der die „mafiöse Vernetzung“ der FIFA ausführlich erklärte. Da ging es um die 24 Vorstandsmitglieder, die „alle Millionär werden während ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit“. Da ging es um Abstimmungen über die WM-Austragungsländer, bei denen alle Verbände eine Stimme hätten, der riesige DFB genauso wie der Verband von Gibraltar - eine Struktur, die Korruption fördere, ja, geradezu herausfordere.

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Es ging um die Rollen von Vordermännern wie den seit 33 (!) Jahren amtierenden FIFA-Chef Sepp Blatter und Strippenziehern wie den mächtigen, 1987 gestorbenen Adidas-Unternehmer Horst Dassler, der Blatter als seinen Ziehsohn im Weltverband „implementierte“. Auch der neue, deutsche IOC-Präsident Thomas Bach sei seinerzeit ein Adlatus von Dassler gewesen, und Kistner prognostiziert: „Die 12 Jahre Amtszeitbeschränkung werden fallen.“

Bei den Großverbänden spricht Kistner gern von der „Familie“, die alles unter sich regele und „von innen wegbeißt“, was von außen gefährlich werden könne. Zum Beispiel Ereignisse wie das Votum der Bürger in München, die sich kürzlich deutlich gegen Olympische Winterspiele in ihrer Stadt und die damit verbundenen gigantischen Kosten ausgesprochen hatten. Dass solche Schüsse vor den Bug das IOC veranlassten, die Spiele in pseudodemokratischen, aber wirtschaftlich abgesicherten Rohstoffländern auszutragen, hält Kistner für wahrscheinlich. Und hier endet dann auch die Autonomie des Sports, die sich die Verbände an anderer Stelle („Die WM gehört der FIFA“) zunutze machen: „Es gibt nichts Politischeres als diese beiden Veranstaltungen“, sagt der Journalist, „wenn wir jetzt am Beginn der Spiele in Sotschi stehen würden, hätten wir eine andere Situation.“

Die Situation am Persischen Golf ist bereits jetzt alarmierend. Katar-Expertin Spöttl berichtete von desaströsen Arbeitsbedingungen in unzumutbarer Hitze, denen bereits mehrere Menschen zum Opfer gefallen sind. Horrende Anwerbekosten, falsche Versprechungen, fehlende Sicherheiten, verseuchtes Trinkwasser und schließlich schlechte oder gar keine Bezahlung - der Bericht, den Amnesty International zu Katar angefertigt hat, ist die reinste Horrorliste. „Wir sprechen nicht von Sklaverei, weil es anders definiert ist. Aber es ist Zwangsarbeit“, sagte die Menschenrechtlerin, und sie sagte: „Alles ist schlimm.“

Während Spöttl die Verhältnisse deutlich anprangert und sich dabei auch in Rage reden kann, trägt Kistner seine Rechercheergebnisse und Einschätzungen ruhig und pointiert vor, oft auch zynisch und ein wenig resigniert, weil kaum Aussicht auf Änderung besteht. Es ist, als ob er aus einer Parallelgesellschaft berichtet, die ihre krummen Machenschaften munter weitertreibt, ohne dass man sie davon abhalten kann.

Und warum, fragte jemand aus dem Publikum, tun die Politiker nichts? „Dafür“, sagte Kistner, „müssten wir einen zweiten Abend ansetzen.“

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