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Weltweit „So geht’s nicht“
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11:01 09.04.2014
Waldemar Röhrbein Quelle: Archiv
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Waldemar Röhrbein war nach dem Studium der Geschichte, Anglistik, Pädagogik und Philosophie in Göttingen und Hamburg von 1967 bis 1976 Leiter des Städtischen Museums Göttingen und dann bis zu seiner Pensionierung 1997 Direktor des Historischen Museums Hannover sowie von 1995 bis 1997 auch Direktor des Kestner-Museums. Der 78-jährige promovierte Historiker war jahrelang Schriftführer und Vorsitzender des Museumsverbandes für Niedersachsen und Bremen sowie nach seiner Pensionierung Präsident des Niedersächsischen Heimatbundes.

Herr Röhrbein, Sie haben das Historische Museum geleitet, als 1995 versucht wurde, es mit dem Kestner-Museum zu fusionieren. Das wird jetzt erneut angepeilt. Wie erleben Sie die Debatte darüber? Alles schon dagewesen?

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Tatsächlich ist es verblüffend, wie sich manches wiederholt. Zum einen stand auch damals am Anfang eine Sparvorgabe. Wir sollten in beiden Häusern 200 000 Mark einsparen. Das sah die Phase II des  Haushaltssicherungskonzepts vor. Jetzt ist die Stadt bei Phase XIII, und es sollen 150.000 Euro, also ein Drittel mehr, eingespart werden. Zum anderen sollten Teile des Kestner-Museums attraktiver gestaltet werden. Und drittens sollte ebenfalls eine Direktorenstelle wegfallen und die Verwaltung zusammengelegt werden. Ich war der Meinung, dass nicht nur eine einheitliche Verwaltung, sondern auch ein gemeinsamer Personalpool etwa beim Reinigungs- und Aufsichtspersonal möglich ist – unter strikter Trennung der inhaltlichen Profile.

Warum?

Die Häuser sind völlig unterschiedlich. Das Historische Museum ist ein Stadtmuseum mit dem Charakter eines Landesmuseums, das sich mit seinem klaren Regionalthemen leicht zum örtlichen Publikum öffnet. Das Kestner-Museum ist ein Sammlermuseum, begonnen eben mit der Antikensammlung August Kestners, das andere Ansprüche an die Besucher stellt.

Was machte die Fusionspläne problematisch?

Wenn die beteiligten Personen nicht ausreichend eingebunden sind, wird es schwierig. Und daran krankte es schon damals im Kestner-Museum. Außerdem musste man handeln, weil der damalige Direktor Ulrich Gehrig, von Haus aus Archäologe, in Rente ging, und dann auch die Designexpertin Helga Hielschenz-Mlynek. Im März 1997 wurden die Pläne zu den Akten gelegt, nachdem man durchgerechnet hatte, dass eine Fusion nicht preiswerter wird. Intern und extern zogen viele nicht richtig mit – vom Oberbürgermeister über das Kulturdezernat bis zum Museumsfreundeskreis „Antike und Gegenwart“, der restlos dagegen war.

Dabei waren die Besucherzahlen damals schon notorisch niedrig ...

Klar, der Handlungsbedarf war da. Das Kestner-Museum hatte damals noch eine Dauerausstellung, die weitgehend aus den 1970er Jahren stammte. Auch heute bedarf sicher manches der Neuaufstellung. Außerdem ist zu wenig Platz für Sonderausstellungen vorhanden. Längst wäre ein Anbau nötig, für den auf der Fläche hinter dem Museum auch Raum wäre. Aber das Haus gerät bei der Stadt seit dem Ausscheiden seines Direktors Peter Munro 1981 oft nur noch unter Einspargesichtspunkten in den Blick, statt dass seine außergewöhnlichen Besonderheiten gebührend gewürdigt würden.

Jetzt hat Kulturdezernentin Marlis Drevermann einen Architektenentwurf zur Neugestaltung des Eingangsbereichs  in Auftrag gegeben – für ein großzügiges Café und einen Museumsshop ...

Das geht auf Kosten des Platzes. Dabei braucht das Kestner-Museum mehr Platz für Sonderausstellungen und auch für einen Vortragssaal. Und darin schlagen sich auch Ökonomisierungsillusionen nieder. Ein Museumsrestaurant lohnt sich erst ab 80 000 Besucher – und in der Nachbarschaft zum Gartensaal so wenig wie in der Innenstadt für das von Lokalen umgebene Historische Museum. Denken Sie nur daran, wie oft die Gastronomie im viel größeren Landesmuseum schon gewechselt hat.

Schließen die Eigenheiten des Kestner-Museums eine Fusion aus?

Man muss schon kritisch anmerken: So wie bisher, unter bloßen Spardiktaten, geht es nicht. Wer nur Geld und Stellen streichen will, wird das Potenzial des Kestner-Museums nicht entwickeln. Dafür muss man erst einmal Geld in die Hand nehmen und einen offenen, transparenten und gleichberechtigten Diskussionsprozess mit allen Beteiligten und Interessierten zulassen. Der steht für das Kestner-Museum offenbar bis heute aus.

Sie halten also einen Zusammenschluss für möglich?

Warum sollte man nicht zwei Häuser unter einer Dachmarke „Städtische Museen der Landeshauptstadt Hannover“ zusammenfassen, die mehr als 60 Mitarbeiter haben, rund 125 000 Besucher anlocken – und mit dem neuen Schlossmuseum noch mehr! Es geht ja nicht nur um Museen, es geht um die Rolle der Kultur insgesamt.

Die wäre ...?

Kultur stiftet Identität, sie ist das Medium des Austauschs über enge Interessengruppen hinweg, der Raum gesellschaftlichen Diskurses auch über die etablierten Institutionen von Parlamenten und Parteien hinaus. Aber mit dem Verschwinden des deutschen Bildungsbürgertums fehlt es ihr allenthalben an Rückenwind. Dabei eröffnen sich gerade für ein Haus wie das Kestner-Museum in der Einwanderergesellschaft auch Chancen. Wer in Hannover Kontakt zu Menschen aus Italien, der Türkei oder auch der arabischen Welt hat, stellt da bisweilen ein besonderes Interesse an den antiken Sammlungsbeständen fest, die ja aus diesen Ländern stammen. Das Haus ist als Design- und Antikenmuseum auch ein Weltmuseum, das Horizonte weiten, sich für neue Gruppen öffnen kann.

Interview: Daniel Alexander Schacht

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