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Weltweit Was ist aus den DDR-Verlagen geworden?
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11:56 18.11.2009
Von Martina Sulner
Bei Hinstorff verschließt man sich nicht – da öffnen Verlagsmitarbeiter die Fenster und zeigen sich mit Neuerscheinungen. Quelle: Hinstorff
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Eingezwängt zwischen der Warnowmündung und der Innenstadt liegt die Rostocker Altstadt. Anfang der achtziger Jahre hat man das Gebiet saniert, was vor allem bedeutete: Kriegsbeschädigte Häuser wurden abgerissen und durch Neubauten im Stil hansischer Giebelhäuser ersetzt. Dort, an der Ecke Lagerstraße / An der Oberkante, erinnert eine Inschrift an einen früheren, berühmten Bewohner dieser Gegend: „Hier hett uns Fritz Reuter 1831–1832 als Student wohnt“, kann man dort lesen.

Nur wenige Schritte entfernt sitzt der Hinstorff Verlag, der den niederdeutschen Dichter seit dessen ersten Veröffentlichungen Mitte des 19. Jahrhunderts betreut. Reuter war fester Autor des Hauses – und ist es noch immer. Das ist ähnlich erstaunlich wie die Tatsache, dass Hinstorff gut 180 Jahre nach der Gründung immer noch existiert.

Zahlreiche andere Verlage aus den neuen Bundesländern sind jetzt, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, bestenfalls Erinnerung. Für Volk und Welt kam das Aus 2001; der bedeutende Kinderbuchverlag ist an ein westdeutsches Unternehmen verkauft worden und in dessen Programm aufgegangen; und der Altberliner Verlag existiert auch nicht mehr. Der Aufbau Verlag ist vor einem Jahr nach vielen öffentlich ausgetragenen Querelen insolvent gegangen und wurde von Bernd Lunkewitz an den Kaufmann Matthias Koch verkauft; wie es mit Aufbau weitergeht, ist noch unklar. „Von den ehemals 78 staatlich lizenzierten Verlagen der DDR existiert in eigenständiger Form kaum noch ein Dutzend“, heißt es in dem Buch „Das Schicksal der DDR-Verlage“, das der Autor und Verleger Christoph Links in diesem Frühjahr in seinem gleichnamigen Verlag herausgegeben hat. Die Zahl der Verlagsmitarbeiter ist von 6200 im Jahr vor dem Mauerfall auf 560 im Jahr 2007 geschrumpft. Rechnet man Berlin nicht ein, werden in den neuen Bundesländern gerade mal 2,2 Prozent aller deutschen Bücher produziert, so Christoph Links.

Auch der gegenwärtige Hinstorff Verlag unterscheidet sich von dem von 1989 beträchtlich. Die Adresse, Lagerstraße 7, ist geblieben, die zahlreichen Fritz-Reuter-Bände im Programm auch – doch sonst dominieren Reisebücher und Bildbände über Mecklenburg-Vorpommern. Da gibt es Historisches und Heimatkundliches, Kochbücher mit mecklenburgischen Spezialitäten und Bände über Seefahrt im Allgemeinen oder Schiffstypen im Besonderen.

Dabei galt das Haus vor 1989 gar als „Suhrkamp des Ostens“. Dort veröffentlichten Jurek Becker, Franz Fühmann und Klaus Schlesinger. Ulrich Plenzdorfs erfolgreicher Roman „Die neuen Leiden des jungen W.“ kam 1973 in dem Rostocker Verlag heraus. „Vor der Wende galt Hinstorff als relativ liberaler Verlag“, sagt die Verlagsleiterin Eva Maria Buchholz. Zudem schätzte man das Haus als Devisenbringer, denn der VEB Hinstorff Verlag verkaufte viele Lizenzen in den Westen. Nach 1989 haben die meisten der früheren Autoren dem Haus den Rücken gekehrt und sind zu größeren (West-)Verlagen gewechselt. Die Rechte an den Texten Franz Fühmanns liegen jedoch komplett in Rostock, und der Verlag pflegt dieses Werk, das zwar keine hohen Auflagen, aber beträchtliches Renommee bringt.

Um den guten Ruf Hinstorffs bangte so mancher Rostocker, als der Verlag 1990 in eine GmbH umgewandelt und zwei Jahre später an die hannoversche Heise-Mediengruppe verkauft wurde. Die Wessis wollten doch nur das schnelle Geld machen und wüssten gar nicht zu schätzen, was sie da eingekauft hätten, hieß es. In der Tat sticht das Mecklenburger Traditionshaus im Gesamtprogramm der Mediengruppe, die vor allem Telefonbücher und Computerzeitschriften wie „c’t“ verlegt, heraus.
Viele Literaturfreunde mögen es bedauern, dass Hinstorff sich so stark vom einstigen literarischen Profil verabschieden musste. Andererseits hat die pragmatische Ausrichtung auf den Markt wohl überhaupt das Überleben des Verlags gesichert. Hinstorff, in Mecklenburg-Vorpommern ohne starke Konkurrenz, hat mehrere erfolgreiche Reisebuchreihen entwickelt, darunter die Serie „Was machen wir morgen, Mama?“ mit Tipps für Familienurlauber.

Vorsichtig und bedächtig arbeitet der Verlag seit einigen Jahren daran, sich stärker überregional zu positionieren. „Wir sind ein Haus für Norddeutschland“, sagt Eva Maria Buchholz, die seit 2002 in Rostock arbeitet und zuvor lange in Hannover gelebt hat. So hat Hinstorff bei den niederdeutschen Titeln auch Bücher im Hamburger oder niedersäch­sischen Platt im Programm.

Das wirkt alles sehr solide und sympathisch. Die Adresse für große literarische Ambitionen oder gar Visionen war Hinstorff nach 1989 nicht. Die kleine Verlagsmannschaft (zurzeit bestehend aus sieben Mitarbeitern) hat zwar einiges ausprobiert – zum Beispiel junge deutsche Erzähler ins Programm genommen –, doch mangels Erfolg bald wieder eingestellt. Auf ein Wagnis ließ sich der Verlag im Jahr 2002 ein: Seitdem veröffentlicht Hinstorff Kinderbücher. Gleich der erste Band, „Anna, genannt Humpelhexe“ mit einem Text von Franz Fühmann und Illustrationen von Jacky Gleich, erhielt mehrere Auszeichnungen. Seit diesem furiosen Start wurden einige weitere Titel aus Rostock prämiert. Susanne Janssens außergewöhnlich dunkel illustriertes Buch „Hänsel und Gretel“ bekam 2008 den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Bilderbuch.

Im Gespräch mit Eva Maria Buchholz ist zu spüren, wie sehr sie sich darüber freut. Solche Auszeichnungen sind Bestätigung und Ansporn – und helfen, ­einen Wunsch der 47-Jährigen zu erfüllen: dass man Hinstorff nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern kennt, sondern in ganz Deutschland. Egal, ob in den alten oder neuen Bundesländern.

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