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Weltweit Wiener Philharmoniker wollen NS-Zeit aufarbeiten
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20:35 11.03.2013
Von Nicola Zellmer
Foto: Neujahrskonzert in der Wiener Philharmonie. Das weltberühmte Orchester will sich seiner NS-Vergangenheit stellen.
Neujahrskonzert in der Wiener Philharmonie. Das weltberühmte Orchester will sich seiner NS-Vergangenheit stellen. Quelle: dpa
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Wien

Auf ihre Geschichte sind die Wiener Philharmoniker normalerweise stolz. Kein Orchester der Welt hat eine größere Tradition, es hat die Sinfonien von Brahms, Bruckner und Mahler uraufgeführt, ihr Konzertsaal war das Zentrum der Musikwelt. Doch zuletzt hatten sich kritische Stimmen gehäuft, wenn es um den Umgang mit der Vergangenheit ging: Das als Verein organisierte Orchester sperre sich seit Jahren gegen eine kritische Aufarbeitung seiner Rolle während der NS-Zeit, kritisierte etwa der Grünen-Politiker Harald Walser vor dem diesjährigen Neujahrskonzert des Orchesters und forderte, die Archivs des Klangkörpers vollständig zu öffnen. Genau das ist nun geschehen: Das Orchester beauftragte eine Gruppe von unabhängigen Historikern mit der Durchsicht des Akten. Pünktlich zum heutigen 75. Jahrestages des „Anschlusses“ von Österreich an das Deutsche Reich, haben die Philharmoniker nun erste Ergebnisse der Kommission auf ihrer Website veröffentlicht.

„Viele Erkenntnisse sind unrühmlich“, sagte der Historiker Oliver Rathkolb, der gemeinsam mit Bernadette Mayrhofer und Fritz Trümpi zu den Autoren der Untersuchung gehört. Auffällig sei etwa der Eifer, mit dem die Musiker in die NSDAP eingetreten sind. 1942 waren 60 der 123 Philharmoniker Parteimitglieder - fast das halbe Orchester. In der Gesamtbevölkerung seien zu dieser Zeit rund zehn Prozent Parteimitgliedern üblich gewesen, so der Historiker. Bereits vor März 1938 fertigen einige Orchestermitglieder eine Liste der jüdischen Kollegen an, die unmittelbar nach dem „Anschluss“ tatsächlich entlassen wurden. Sieben starben später bei Verfolgungen durch die Nazis.

Weniger gründlich war man bei der Entnazifizierung nach dem Krieg: Nur vier Musikern wurde wegen ihrer Vergangenheit gekündigt. Einer davon war der Trompeter und SS-Funktionär Helmut Wobisch. 1953 wurde der Musiker jedoch als „Mitläufer“ eingestuft und kehrte ins Orchester zurück, wo er schnell Geschäftsführer wurde und die Geschicke der Philharmoniker bis 1969 lenkte.

Wobisch war es auch, der Baldur von Schirach, dem ehemaligen Gauleiter von Wien und verurteilten Kriegsverbrecher, noch nach dessen Haftentlassung 1966 ein Duplikat des Ehrenrings des Orchesters überreichte, den er während der Nazizeit zugesprochen bekommen hatte. Die Philharmoniker hatten mit der Verleihung von Ehrungen an Nazi-Größen versucht, sich die Gunst der Machthaber zu sichern, eine „höchst unrühmliche Anbiederung an das Regime“, so Rathkolb. Und aberkannt sind diese Ehrenringe und Medaillen bis heute nicht.

Die Recherchen zeigen aber auch einige wenige positive Seiten: So habe sich einer der überzeugtesten Nazis des Orchesters gegen die Deportation jüdischer Kollegen gestellt und in einem Fall sogar die Entlassung eines Musikers aus dem KZ Dachau bewirkt. Andere sollen ihre Kollegen mit einem jüdischen Elternteil oder mit jüdischer Frau aktiv beschützt haben. „Es sind unangenehme Botschaften, die wir hier vermitteln, es sind aber auch überraschende Grautöne, die hier auftreten“, fasst Rathkolb die Ergebnisse zusammen.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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