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Weltweit Wollten Sie sich schon mal ein Ohr abschneiden, Willem Dafoe?
Nachrichten Kultur Weltweit Wollten Sie sich schon mal ein Ohr abschneiden, Willem Dafoe?
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22:00 19.04.2019
Markanter Typ und ein schauspielerischer Extremist: Willem Dafoe schlüpft in seinem neuen Film in die Rolle Vincent van Goghs. Quelle: ZUMA Studio
Hannover

Mr. Dafoe, Vincent van Gogh hat von sich gesagt, er sei zum Malen geboren: Sind Sie zum Schauspielern geboren?

Na ja, Schauspielern ist einfach das, was ich tue. Ich genieße es, auf der Bühne oder vor der Kamera zu stehen. Sagen wir mal aus ganz praktischen Erwägungen heraus: Ja, vielleicht bin ich dann doch zum Schauspielern geboren.

Haben Sie Ihr Talent bereits als eines von acht Geschwistern entdeckt? Waren Sie der Familienclown, der die Aufmerksamkeit der anderen auf sich zu lenken versuchte?

Da könnte was dran sein, aber ganz so einfach war es dann auch wieder nicht: Meine Inspiration und mein Ehrgeiz haben sich im Lauf der Zeit immer wieder mal gewandelt. Zumindest wusste ich schon als Kind, dass ich gern auftrete. Ich habe Leuten gern Dinge vorgeführt – das galt aber zum Beispiel genauso für sportliche Aktivitäten. Erst langsam entwickelte sich diese Lust zu einem Beruf und damit auch zu meinem Leben.

Sie gehören zu den Gründungsmitgliedern der berühmten New Yorker Wooster Group: Wie wichtig war diese Gruppe für Ihre schauspielerische Entwicklung?

Außerordentlich wichtig! Ich habe jeden Tag von morgens bis abends 27 Jahre lang in dieser Theatergruppe gearbeitet. Ich habe dort nur gefehlt, wenn ich irgendwo einen Film gedreht habe. Diese avantgardistische Truppe hat mich und meine Art des Schauspiels über eine sehr lange Zeit tief geprägt.

Spielen Sie immer noch in der Gruppe?

Dort habe ich mittlerweile aufgehört, aber der Bühne bin ich trotzdem treu geblieben. Ich habe über die Jahre mit Leuten wie Richard Foreman oder auch mehrfach mit Robert Wilson gearbeitet. Und vor noch gar nicht langer Zeit habe ich mit dem italienischen Regisseur Romeo Castellucci das Stück „The Minister’s Black Veil“ nach der Kurzgeschichte von Nathaniel Hawthorne inszeniert.

Nun spielen Sie Vincent van Gogh im Kino. Wie nah sind Wahnsinn und Kunst miteinander verwandt: Haben Sie sich gelegentlich schon mal versucht gefühlt, sich ein Ohr abzuschneiden?

Sicher nicht! Darüber habe ich auch nicht wirklich nachgedacht, als ich mit Regisseur Julian Schnabel den van-Gogh-Film gedreht habe. Und das liegt daran, dass ich van Gogh gar nicht als verrückt bezeichnen würde. Ich habe versucht zu verstehen, was in diesem Künstler vorgeht. Mit dem Wahnsinn habe ich mich nicht groß beschäftigt.

Warum nicht?

Klar, van Gogh hatte ganz offensichtlich seine Schwierigkeiten, aber er war glücklich, wenn er mit dem Pinsel in der Natur loslegen durfte. Die größten Probleme entstanden meiner Ansicht nach, wenn er den ekstatischen Zustand beim Malen nicht vereinbaren konnte mit seinem Alltag. Dieser Gegensatz hat ihn immer wieder aus der Bahn geworfen.

Manche behaupten, dass Unglück durchaus produktiv für einen Künstler ist. Würden Sie dieser Beobachtung zustimmen?

Das ist nicht wahr! Auch wenn van Gogh viel darüber geredet hat. Er wusste allerdings sehr genau, dass es keinen Sonnenschein ohne Regen gibt. Gewissermaßen hat er diesen trübsinnigen Zustand durchaus wertgeschätzt. Er glaubte auch, dass traurige Menschen Gott näher sind. Er war von einem starken spirituellen Impuls beseelt, den er mit seiner künstlerischen Arbeit in der Natur verknüpfte.

Willem Dafoe bei den Critics' Choice Awards 2019 in Santa Monica. Quelle: Lionel Hahn/ABACAPRESS

Lassen sich Parallelen zwischen Schauspielerei und Malerei ziehen?

Ich sehe da durchaus Verbindungen – jedenfalls wenn man so malt, wie es mir für diesen Film beigebracht wurde: Du setzt mit Farbe eine Serie von Markierungen. Diese Striche beziehen sich aufeinander – und doch hat jeder seine eigene Integrität. Es ist deshalb nicht unbedingt klar, wohin die Zeichen führen. Aber es wird etwas anderes geschaffen, eine Bewegung, ein Eindruck, jedenfalls etwas Neues.

Und wie sieht es bei der Schauspielerei aus?

Da ist es gar nicht so viel anders: Ich arbeite als Schauspieler mit Aktionen, nicht so sehr mit Emotionen. Die Gefühle entstehen erst aus den Bewegungen. Sie verbinden sich und bilden einen Rhythmus. Ich bewege mich auf einem Weg, den ich nie hätte voraussehen können. Wichtig ist, dass man jede Bewegung tut, ohne eindeutig zu wissen, wohin sie dich bringen wird.

Sie hatten bei Ihrem van-Gogh-Film einen guten Lehrer an Ihrer Seite: Regisseur Julian Schnabel ist selbst Maler. Wie hat er Ihnen seine Kunst nahegebracht?

Wir sind hinaus in die Natur gegangen und haben dort mit ganz einfachen Dingen begonnen. Julian hat mir erklärt, wie man einen Pinsel hält, wie man seine Utensilien organisiert, wie man einen Strich zieht. Nach einer Weile kamen dann die anspruchsvolleren Dinge an die Reihe. Julian hat mir Dinge erklärt wie zum Beispiel: Kein Strich ist ein schlechter Strich.

Haben Sie den Grundkurs in Malerei bestanden?

Es war dabei nicht so entscheidend, etwas hinzubekommen, was man vielleicht eine gute Zeichnung nennen würde. Auch die Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit spielte keine Rolle. Wirklich wichtig war für mich eine bestimmte Übung: Wie zeichne ich das Licht? Ich habe versucht, mit Farbe und Pinsel spielerisch den Eindruck einzufangen, den ich vor meinen Augen hatte. Gewissermaßen hat mich Julian gelehrt, neu zu schauen.

Haben Sie jetzt eine Ahnung davon, wie die Welt durch die Augen von Vincent van Gogh aussieht?

Nun ja, der Film ist zumindest der Versuch, diesen Eindruck zu vermitteln. Er bietet dem Zuschauer einen subjektiven Blick, der auf Julians Ideen gründet. Ich agiere dabei als Geschöpf des Regisseurs und setze seine Eindrücke praktisch um. Wir versuchen zu vermitteln, was van Gogh gedacht haben könnte. Was man dabei aber gar nicht oft genug betonen kann: Es handelt sich nicht um einen gewöhnlichen Biografiefilm. Wir erzählen auch nicht sein ganzes Leben.

Was glauben Sie: Wie nahe sind Sie van Gogh wohl gekommen?

Ich will jetzt nicht beurteilen, wie genau unsere Ergebnisse seiner damaligen Wirklichkeit entsprechen. Zumindest hat mich dieser Film voll und ganz in Anspruch genommen und mich zu neuen Erkenntnissen geführt: Ich gewann nicht nur einen ganz neuen Blick auf Vincent van Goghs Bilder, ich verstand plötzlich auch seine Briefe und all das andere biografische Material besser.

Und was haben Sie erkannt?

Ich habe nachempfinden können, was für ein künstlerischer Revolutionär Vincent van Gogh war. Er lebte und arbeitete in einer Zeit, in der sich die Malerei wirklich weiterentwickelt hat.

Passiert Ihnen so etwas als Schauspieler häufig?

Hier waren die Voraussetzungen besondere: Zwischenzeitlich ging es weniger um eine Kinorolle als um eine Erfahrung.

Wie meinen Sie das?

Wann hat man das schon mal: Ein Maler inszeniert einen Film über einen anderen Maler. Noch dazu hatten wir so viel Material, auf das wir zurückgreifen konnten: Da gab es Vincent van Goghs Bilder, aber auch den Schriftverkehr mit seinem Bruder Theo. Und vor allem: Wir haben in Südfrankreich gedreht, also dort, wo van Gogh durch die Sonnenblumenfelder gestreift ist.

Kein gewöhnlicher Biografiefilm: Willem Dafoe als Vincent van Gogh. Quelle: Verleih

Wäre dieser Film ein anderer geworden, wenn Sie an einem anderen Ort gedreht hätten?

Die Gegend rund um Arles hat sich kaum verändert. Wenn ich auf einer Wiese stand, dann war das sozusagen eine Wiese, auf der auch Vincent van Gogh gestanden hat. Als Schauspieler konnte ich so auf vieles reagieren und mich voll und ganz auf die Landschaft einlassen. Ich fühlte mich in nächster Nachbarschaft van Goghs, quasi umgeben von seinem Geist.

Muss man ein schauspielerischer Ex­tremist sein, um sich so tief in eine Kino- oder auch eine Theaterrolle zu versenken? Auch wenn es sich um einen überaus sanften Extremisten handelt, wie Sie einer sind?

Ich weiß nicht recht. Ich mag Dinge, die mir viel abverlangen – so wie das wohl die meisten Schauspieler tun. Am besten fühle ich mich dann, wenn ich vor einem Projekt stehe, von dem ich gar nicht weiß, wie ich es anpacken soll. Denn dann bin ich gezwungen, mich auf Unbekanntes einzulassen, egal ob körperlich oder geistig. Bei jeder neuen Arbeit gibt es in mir den Wunsch, mich verändern zu lassen. So bleibe ich gewissermaßen in Kontakt mit den Wundern des Lebens – und die teile ich dann mit meinen Zuschauern.

Sie sind die Freundlichkeit in Person, spielen aber so oft einen Bösen: Ist diese Verwandlung für Sie ein Vergnügen oder manchmal auch eine Qual?

Ein schuldbewusstes Vergnügen! Ich kann auf der Leinwand Dinge ausprobieren, die ich im wirklichen Leben selbstverständlich nie tun würde. Allerdings: Ich denke bei meinen Rollen gar nicht darüber nach, ob ich nun einen Schurken verkörpere oder nicht. Und ganz nebenbei: Ich habe vermutlich viel weniger Bösewichte gespielt, als Sie glauben.

Nun ja, da fallen mir auf Anhieb der fiese Bobby Peru aus „Wild at Heart“ ein, der Erpresser aus „Speed 2“ oder auch der Grüne Kobold aus „Spider-Man“.

Viel öfter verkörpere ich Charaktere, die ein bisschen anders ticken als andere und gesellschaftlich nicht unbedingt akzeptiert sind. Das liebe ich, denn zu solchen Figuren habe ich normalerweise keinen Zugang. Ich muss mich dann von meinem eingefahrenen Denken verabschieden.

Sie haben auch mal einen seltsamen Deutschen namens Klaus Daimler in Wes Andersons „Tiefseetaucher“ gespielt. Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen?

Zunächst mal hat meine Familie auch deutsche Wurzeln. Ich habe in Deutschland aber auch viel auf der Bühne gestanden, vor allem mit der Wooster Group. Ebenso habe ich in Deutschland gedreht, zum Beispiel den Spionagethriller „A Most Wanted Man“ in Hamburg und Berlin. Und ich bin in Wisconsin aufgewachsen, und da ging es nach meinem Gefühl sehr deutsch zu. Vom effizienten, hart arbeitenden Deutschen hatte ich eine sehr genaue Vorstellung.

Sind die Deutschen wirklich so effizient?

Ich weiß natürlich, dass es immer eine Lücke zwischen Wirklichkeit und Vorstellung gibt. Und genau in dieser Lücke fühlt sich Klaus Daimler wohl: Er war für mich eine comichafte Übung und ergab am Ende einen Deutschen, der vor allem so tat, als sei er effizient. Was für eine charmante Figur!

Werden wir nach Ihrer „Van Gogh“-Erfahrung irgendwann mal eine Ausstellung mit Gemälden sehen, unter denen steht: gemalt von Willem Dafoe?

Das bezweifele ich. So sehr ich das Malen liebe: Ich glaube, meine Bilder waren doch sehr spezifisch und nur gemacht für diesen Film. Ich mag es nicht, in irgendetwas Dilettant zu sein. Und ich habe so viele Rollen vor Augen, die ich spielen möchte, und so viele Dinge, die ich tun möchte. Ich kann mir nicht vorstellen, Malerei als Hobby zu betreiben. Aber vielleicht gibt es doch mal eine Willem-Dafoe-Ausstellung. Dann bekommen Sie aber vermutlich eher eine Schauspieler-Performance oder eine Installation zu sehen.

Willem Dafoe als Vincent Van Gogh in einer Szene des Films "Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit". Der Film kommt am 18.04.2019 in die deutschen Kinos. Quelle: DCM/dpa

Zur Person: Willem Dafoe

Hohe Wangenknochen, tief in den Höhlen liegende Augen, und dann diese Zahnlücke: Willem Dafoes Gesicht gehört zu den markantesten in Hollywood.

Für Oliver Stone ließ sich Dafoe als US-Soldat von Kugeln der Vietcong zerfetzen („Platoon“, 1986), für Martin Scorsese als Jesus ans Kreuz nageln („Die letzte Versuchung Christi“, 1988), für Lars von Trier eine Eisenstange mit einem daran befestigten Mühlstein durchs Bein bohren („Antichrist“, 2009). In David Lynchs „Wild at Heart“ (1990) spielte er den widerlichen Kriminellen Bobby Peru, als Grüner Kobold lieferte er sich mit „Spider-Man“ tödliche Duelle.

Viermal war er für den Oscar nominiert, für „Platoon“, „Shadow of the Vampire“ (2000), das „Florida Project“ (2017) – und nun ist ihm dieses Kunststück mit der Verkörperung eines berühmten Malers gelungen: „Van Gogh“ ist soeben in den Kinos gestartet und erzählt von den letzten Lebensjahren des Künstlers.

Von Stefan Stosch

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