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Weltweit „Die haben Charlie Hebdo nicht umgebracht“
Nachrichten Kultur Weltweit „Die haben Charlie Hebdo nicht umgebracht“
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12:34 30.01.2015
Von Uwe Janssen
Die Comic-Dozentin Ulli Lust an der Hochschule Hannover. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Frau Lust, Sie lehren Zeichnung und Comic im Studiengang Visuelle Kommunikation an der Hochschule Hannover. Wird das Attentat in Paris etwas an Ihrer Arbeit verändern?
Wir werden im nächsten Semester einen Kurs „Kritische Grafik“ geben. Wir hatten befürchtet, dass das auf keine große Resonanz stößt. Ich kann mir vorstellen, dass sich das jetzt ändert. Weil die Studenten jetzt kapieren, was dahintersteckt.

Sie haben ein bestens ausgestattetes Museum vor Ort.
Ja, ich verbringe momentan viel Zeit im Archiv des Wilhelm-Busch-Museums, um die alten „Simplicissimus“-Zeichnungen und die alten Grafiken zu studieren. Ich hoffe, dass die Studenten künftig ein größeres Interesse haben, sich mit der Karikaturgeschichte auseinanderzusetzen. Diese Möglichkeiten gibt es in Hannover, die gibt es zum Beispiel in Berlin nicht. Durch dieses Attentat bekommt Karikatur wieder eine besondere Brisanz und Schärfe - die sie aber eigentlich nie verloren hat.

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War das Genre aus der Mode?
Ich komme aus Österreich, dort hat der Humorist den Rang eines Weisen. Die Österreicher mögen diese satirische Betrachtung der Welt. Die haben keine Angst vorm Lachen wie die Deutschen. Aber es kann sein, dass Karikatur als ein bisschen altmodisch und nicht mehr aktuell galt. Vielleicht merken durch diesen schrecklichen Vorfall auch deutsche Redakteure wieder, dass Zeichnung mehr ist als eine Dekoration.

Schlägt die Graphic Novel mit ihren zeitgeschichtlichen, biografischen und politischen Inhalten eine Brücke vom Comic zur Karikatur?
Auf jeden Fall. Früher war der Comic ein reines Unterhaltungsmedium, aber auch mit gesellschaftspolitischen Themen erreicht er ein junges Publikum. Die Nähe zur Karikatur besteht, weil beide mit Übertreibung arbeiten. In der klassischen Karikatur zielt die Übertreibung aufs Lächerlichmachen der Mächtigen, um sie zu relativieren. Das ist im Comic nicht nötig. Sie kann auch übertreiben, um etwas besonders schön zu machen oder eine traurige Pointe zu verdeutlichen. Mir geht es nicht um die lustige Pointe - obwohl ich mich immer freue, wenn mir eine gelingt.

Ist die Karikatur in ihrer komprimierten, oft wortlosen Form die Königsdisziplin?
Ich habe großen Respekt vor den Humoristenkollegen. Wenn wir diesen Kurs machen, werden wir den „Simplicissimus“ als Vorbild nehmen, wo ja die Zeichner die Witze gar nicht gemacht haben. Da wurden anerkannte Künstler gebeten, Szenen aus dem Alltagsleben zu zeichnen, und dann kamen die Dichter und haben die Pointen druntergeschrieben. Deshalb sehen die Zeichnungen so gut aus. Wenn unter meinen Studenten einer ist mit einer Humorbegabung, wird sich das von selbst zeigen.

Karikaturen gehen heute per Mausklick um die Welt. Welche Rolle spielen Globalisierung und Internet für die Verbreitung - und ihr Konfliktpotenzial?
Eine große, aber auch in anderer Hinsicht. Es ist völlig sinnlos, Cartoonisten einer Zeitung zu erschießen, wenn die Cartoons dann tausendfach im Internet kursieren. Die Attentäter haben nicht begriffen, dass sie sich auch lächerlich machen mit diesen Morden, weil sie die Karikatur nicht verhindern, sondern bewerben.

Hat Sie erstaunt, dass die Redaktion wenige Tage nach diesem Ereignis eine neue Ausgabe herausgebracht hat?
Ich bewundere den Mut der Charlie-Hebdo-Leute, einfach weiterzumachen. Sie müssen jetzt einfach Angst haben. Aber ich glaube, dass die Motivation extrem hoch war, dieses Heft so schnell wie möglich und so prall wie möglich herauszubringen, um zu demonstrieren, dass der Effekt des Attentats nicht der gewünschte war. Die haben Charlie Hebdo nicht umgebracht. Wenn man ein routinierter Cartoonist ist, kann man auch in einer dramatischen Situation Witze machen. Man kann das. Es ist Übungssache.

Zeichnet man wütend besser?
Mit allem, was einen motiviert, ist man besser. Gleichgültigkeit ist das größte Problem des Künstlers. Sobald man in Rage ist oder fertig oder traurig, hilft es, aktiv zu werden.

Kann man das lehren, aus einer Emotion zu zeichnen?
Zeichnen lernt man nur durch Zeichnen, durch Üben und persönliches Erfahren. Wenn die Studenten einmal diese Situation erlebt haben, aus einer Wut heraus zu zeichnen, obwohl sie zunächst denken, sie können sich überhaupt nicht konzentrieren, und dann aber den Rückenwind spüren, den diese Emotion bewirkt, dann haben sie es verstanden. Sie lernen es nur so, nicht dadurch, dass ich es ihnen sage.

Sehr viele Zeichner haben nach dem Attentat ihrem Ärger Luft gemacht.
Es gab einen riesigen Output an Zeichnungen in der letzten Woche. Weil es die Kollegen sind, weil man sich solidarisiert. Man möchte zeigen, dass man mitzeichnet. Allerdings: Diese Schwemme von Bleistiften, die sich gegen Maschinengewehre stellen und dann auch noch gewinnen, finde ich blödsinnig. Aber der erste Impuls als Zeichner ist eben, selbst eine diffamierende Mohammed-Karikatur zu machen, um sich solidarisch mit den ermordeten Kollegen zu zeigen. Ich habe das auch getan, aber ich habe sie weggeschmissen.

Als Zeichnerin sind Sie in Frankreich sehr erfolgreich. Wie beurteilen Sie die Meinungsbildung dort?
Die Menschen werden auch sensibilisiert für Widersprüche. Es gibt zum einen die großen Demonstrationen, die toll sind. Gleichzeitig gab es jetzt diesen Fall der Verhaftung eines Kabarettisten, weil der sich in einem Witz mit den Attentätern solidarisiert hat. Äußerungen in diese Richtung werden mit aller Schärfe des Gesetzes verfolgt. Aber ein Liberaler muss leider Gottes eben auch andere Meinungen zulassen. Immerhin wird über diese Doppelzüngigkeit öffentlich diskutiert, was gut ist.

Spielt das Attentat Strömungen wie Pegida in die Karten?
Ja. Ekelhaft.

Interview: Uwe Janssen

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