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Nachrichten Kultur Göttinger Theater führt das Stück „geteilt“ erstmals auf
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13:04 01.12.2019
Alle nehmen Partei für ihn - das Opfer steht allein da, Szene mit Marius Ahrendt, Gabriel von Berlepsch, Rebecca Klingenberg, Felicitas Madl und Angelika Fornell. Quelle: R
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Göttingen

Das ganze Ausmaß des Dilemmas zeigt sich zum Schluss. Es wird deutlich, es wird sichtbar im Zerbersten zweier Gläser. Scherben überall. Hunderte Scherben. Was da zerbrochen ist, lässt sich nicht mehr kitten. Kaputter geht nicht. „Geteilt“ heißt das Stück von Maria Milisavljevic, das am 30. November am Deutschen Theater (DT) Göttingen in Anwesenheit der Autorin Premiere hatte; es war der Abend der Uraufführung. Keine leichte Kost. Keine gängige Inszenierung. Es geht um das Thema Vergewaltigung.

Es hat eine Betriebsfeier gegeben. Superstimmung, Alkohol satt und wahrscheinlich waren auch die Wirtschaftszahlen stimmungserhellend. Der Chef, verheiratet, zwei Töchter, schaut genau wie seine – Achtung, alles in einem: Kollegin, Geschäftspartnerin, Freundin und Patin eines seiner Kinder zu tief ins Glas. Nicht nur in eins. Ein vom Alkohol gelöstes kollegial-amouröses, hitzig-übersprudelndes Gespräch gerät in Fahrt. Hüllen fallen – und doch geschieht die geschlechtliche Vereinigung gegen ihren Willen. Sie sagt es. Er ignoriert es. Seiner Kraft hat sie nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Dieser kurze Augenblick, in dem sich symbolisch gesehen auch Begierde und offensichtliche Gewalt vereinen, verändert alles. Ab diesem Moment fallen die Gläser. Sind bereits gefallen.

Turbulente Szenen gehören zur Inszenierung, für die Moritz Beichl verantwortlich zeichnet. Quelle: R

Schreisprech-Szenen statt Handlungsbogen

Das ist das Delikt. Erzählt wird nicht in einem Strang. Der Zuschauer muss sich im Laufe des Stücks die Sache schon zusammenreimen. Anstatt einer Handlung gibt es einen weitbündig geflochtenen Strauß aus Dia-, Tria- und Polylogen, ein Allerlei an Szenarien, die sich nur mühsam an einen imaginären roten Faden knüpfen lassen. Schreisprech-Szenen ersetzen einen inzwischen wohl als altmodisch geltenden Handlungsbogen aus Steigerung, Höhepunkt, retardierendem Moment und Katastrophe. Zuweilen sind die Texte durchwirkt vom Social-Media-Vokabular der Z-Generation. Für den einen mag es faszinierend vielschichtig sein und energisch umgesetzt, für den anderen wirr gestrickt und überdreht.

Die Autorin lässt sich einiges einfallen, um zwischenmenschliche Momente, individuelles Zweifeln, Sinnieren und Fühlen darzustellen, mal nahezu lyrisch, mal eher trivial. Milisavljevic splittet die Thematik auf, teilt und teilt, nimmt die menschliche Psyche ins Visier, will viel, vielleicht zu viel. Tiefe entsteht so nicht, alles bleibt oberflächlich. Eminent ist die Frage, die sie in den Raum stellt: Wo beginnt Vergewaltigung und wie viel sexualisiertes Balzverhalten müssen sich Frauen von Männern gefallen lassen? Wo ist die Grenze?

Eigenwillige Inszenierung: Spielszene mit Marius Ahrendt. Quelle: R

Hin- und Herverteilen der Rollen

Dass der verstorbene Vater seiner Tochter beistehen will mit seinen Minikräften als Pünktchen, ist herzerwärmend. Was nun alle diese Szenen im Einzelnen mit dem Thema zu tun haben, wird nicht immer deutlich. Es scheint, als hätten mehrere Personen an dem Stück geschrieben. Und da die Puzzleteile nicht zusammen passen, liegen sie nebeneinander. Das ständige Hin- und Herverteilen der Rollen unter den Darstellern macht die Rezeption nicht leichter.

Anerkennender Applaus

Lieder aus alten Filmen werden per Beamer an eine Hilfsleinwand bemüht, in denen es um das von Mann und Frau zuweilen unterschiedlich interpretierte Thema Liebe und Liebesfähigkeit geht. Darüber hinaus gibt es kein Bühnenbild. Die Schauspieler holen heraus, was herauszuholen ist. Das ist ja das Beeindruckende an dem jungen Team des DT Göttingen, dass über das mimische Talent und Handwerk hinaus immer wieder weiteres Können sichtbar wird, wie etwa unglaublich starke Gesangsstimmen. In dem Fall sind es artistische Fähigkeiten und Körperbeherrschung. Der Applaus des Publikums ist freundlich zugewandt, anerkennend.

In der Ankündigung des Stücks „geteilt“ heißt es, dass Maria Milisavljevic aus mehreren Blickwinkeln in die Abgründe schaut, die sich nach einer Vergewaltigung auftun. Sie leiste damit einen zarten, wütenden und poetischen Beitrag zur #Metoo-Debatte. Kann man so stehen lassen.

Autorin erhielt Kleist-Förderpreis

Maria Milisavljevic ist 1982 in Arnsberg geboren. Sie studierte Englische Kulturwissenschaften, Englische Literatur und Kunstgeschichte. Während ihres Studiums arbeitete sie in der freien Szene und hospitierte an verschiedenen Theatern in Deutschland und in London. Mit ihrem Stück „Brandung“ gewann sie 2013 den Kleist-Förderpreis für junge Dramatik. Ihr Stück „Beben“  wurde für den Mülheimer Dramatikerpreis 2018 nominiert sowie mit dem Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkt 2017 und dem Else-Lasker-Schüler-Stückepreis 2017 ausgezeichnet. Neben ihrer Autorentätigkeit arbeitet Milisavljevic als Übersetzerin. Sie lebt in Berlin. (Quelle: www.fischer-theater.de). Bei der Göttinger Uraufführung ihres Stücks „geteilt“ führt Moritz Beichl (Jahrgang 1992) Regie. In verschiedenen Rollen spielen Felicitas Madl, Rebecca Klingenberg, Angelika Fornell, Marius Ahrendt und Gabriel von Berlepsch. Weitere Aufführungen laufen am 6., 19. und 27. Dezember.

Von Ulrich Meinhard

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