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Medien & TV Leben im kaum gezähmten Wahnsinn
Nachrichten Medien & TV Leben im kaum gezähmten Wahnsinn
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22:16 10.04.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Orthodoxe Juden vor der Skyline Jerusalems. Quelle: Jim Hollander
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Sechs Uhr. Priester Armando Pierucci hält in der noch nächtlich dunklen Altstadt von Jerusalem seine Morgenandacht. Bäcker Gai Abitai schiebt im Ultraorthodoxen-Viertel Me’a She’arim koscheres Backwerk in den Ofen. Arbeiter Egil Khalil rollt im Westjordanland seinen Gebetsteppich zusammen und bricht zum Checkpoint in Richtung Jerusalem auf.

Das sind drei der vielen Menschen, die in der arte-Doku „24h Jerusalem“ tatsächlich 24 Stunden lang mit der Kamera durch den Alltag der Heiligen Stadt begleitet werden. Von israelischen und palästinensischen, französischen und deutschen Filmemachern, darunter Prominenten wie Maria Schrader, Andres Veiel oder Regina Schilling. Parallel in insgesamt 70 Filmteams haben sie 24 Stunden dokumentiert – von morgens um sechs bis zum nächsten Morgen um sechs.  Eine Megadokumentation nach dem Vorbild von „24h Berlin“ von 2009.

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Und jetzt also ausgerechnet Jerusalem? Die Wahl sei auf die Stadt getroffen, sagt Projektregisseur Volker Heise, weil sie „ein neuralgischer Ort“ sei, auf den drei Weltreligionen und zwei Völker einander ausschließende Ansprüche erheben. Ein Dokumentationsprojekt also mit besonders ehrgeizigem, geradezu enzyklopädischem Anspruch. Doch auch dieses opulente Werk hat Grenzen. Die Auswahl eines Palästinensers, der erst um sechs Uhr zum Checkpoint aufbricht, ist eher dem Format als der Realität geschuldet. Denn in Wirklichkeit müssen die meisten Palästinenser mit Arbeitserlaubnis für Israel da schon viel früher warten, um pünktlich am Arbeitsplatz zu sein.

Trotzdem ist in „24h Jerusalem“ das explosive Klima spürbar, in dem es an den Checkpoints, beim Kampf christlicher Konfessionen in der Grabeskirche oder an den Zugängen zu den vielen anderen religiösen Stätten stets zur Eskalation kommen kann. Jerusalem, das ist ein Leben im kaum gezähmten Wahnsinn. Dabei haben die Filmemacher beim Dreh vor einem Jahr noch eine vergleichsweise ruhige Phase erwischt, in der die Kontrollpunkte überhaupt geöffnet waren. Im April 2013 ging der jüdische Siedlungsbau so wie üblich weiter, flogen nur wie gewohnt Raketen aus Gaza auf Israel, also: keine besonderen Vorkommnisse.

Eskalation gehört auch zur Vorgeschichte dieser Dokumentation. Die Aufnahmen dazu sollten eigentlich schon 2012 stattfinden. Doch da riefen Palästinenser zum Boykott des angeblich pro­israelischen Projekts auf, ihre Teams weigerten sich, mit Israelis zu arbeiten, in der Folge gab es nur getrennte Filmteams.

Die Kluften zwischen den Teams sind „24h Jerusalem“ deutlich anzumerken. Ähnlich viele Blickwinkel, wie es Lebenswelten in Jerusalem gibt, stehen darin nebeneinander, zusammengehalten nur durch Regievorgaben wie den weitgehenden Verzicht auf Stativ und Kunstlicht und eben die Parallelmontage aus dem Alltag der Protagonisten entlang der Zeitachse. So sieht man den Priester später beim Orgelspiel, den Bäcker beim Brötchenausliefern, den Palästinenser bei der Arbeit.

Viel Darstellung, wenig Deutung also. Aber wie sollte die auch aussehen – angesichts der „konkurrierenden Narrative“ von Israelis und Palästinensern, die Produzent Thomas Kufus beobachtet hat. Manchmal fehlen aber auch einfach Erklärungen. Dass etwa die ultraorthodoxe Familie Piltz mit ihren neun Kindern in einer Ostjerusalemer Siedlung lebt, macht sie nicht automatisch zu Befürwortern der Siedlungspolitik. Es kann auch daran liegen, dass Ultraorthodoxe notorisch arm und daher bei der Wohnortwahl eingeschränkt sind. Und dass das Hotel Ambassador im armen arabischen Viertel Scheich Dscharrah floriert, liegt außer an der guten Küche auch an der direkten Nachbarschaft zum neuen Sitz des Nahostquartetts, dessen Präsenz zwar keinen Frieden, aber reichlich Spesen garantiert.

So zeigt diese Dokumentation viel Atmosphäre und sinnliche Eindrücke aus dieser Stadt. Auf die muss sich jeder selbst einen Reim mache. Und dazu einiges an Zeit investieren. Wer zwischen 9 und 12 Uhr zuschaut, bekommt einen eher touristischen Blick auf Jerusalem. Zwischen 18 Uhr 20 Uhr gibt es eine Begegnung mit Friedensaktivisten von „Peace Now!“. Und wer zwischen 20 und 23 Uhr zuschaltet, kann Giselle Cycowicz erleben, die sich vor dem Zubettgehen auf neuerliche, schmerzhafte Nachtgedanken über ihre Jahre im Konzentrationslager einstellt.

Die Doku „24h Jerusalem“ wird durch weitere Informationen im Internet unter www.24hjerusalem.tv/de sowie unter dem Twitter-Hashtag #24hjerusalem ergänzt.

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