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19:39 14.04.2014
Am Rand eines Wohngebietes entsteht ein riesiges Bordell. Findet Kommissar Thiel (Axel Prahl) unter den Gegnern hier den Mörder? Quelle: WDR
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Münster

Zur Jubiläumsfolge des populärsten deutschen Krimiteams sollte es offenbar etwas Besonderes sein. Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) folgen der Spur des hammerschwingenden, selbst ernannten Rächers der Entrechteten. Ein bisschen zu schnell finden die beiden eingespielten Ermittler heraus, worum es hier eigentlich geht: Mit der „Waikiki-Oase“ scheint etwas nicht zu stimmen. Hinter dem Bauprojekt in einem idyllischen Vorort Münsters steckt kein Erlebnis- und Wellnessbad, sondern ein getarntes Riesenbordell. Die Politik kümmert sich kaum um die Angelegenheit. Die Gewerbesteuer soll die leere Haushaltskasse füllen.

Allerdings gehen die Nachbarn auf die Barrikaden und demonstrieren. Die Preise ihrer Häuser fallen mit der Aussicht auf den Flatrate-Puff, in dem 180 Frauen in drei Schichten arbeiten sollen. Der Serienmörder - so viel ist schnell klar - nimmt das Gesetz in die eigenen Hände und tötet Initiatoren und Geldgeber.

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Bei den Ermittlungen spielt sich das Ensemble um Liefers und Prahl (sowie ChrisTine Urspruch, Friederike Kempter und natürlich Mechthild Großmann als paffende Staatsanwältin mit E-Zigarette) wie immer die Bälle zu. Trotz zuletzt gewachsener Kritik an zu viel Slapstick aus Münster ist die Schlagzahl der Sprüche auch dieses Mal wieder hoch: „Ich trage die Sachen meines Großvaters ...“, antwortet Boerne Thiel auf dessen Kritik an seinem schneeweißen Anzug. Und fügt trocken hinzu: „... und Sie die untersetzte Figur Ihres“.

Der Schauspieler Prahl hat gerade in einem Interview erklärt, dass er den meisten „Tatort“-Folgen den vorgegebenen Realitätsbezug ohnehin nicht abnehme und die komödiantische Richtung besser finde: „Wenn schon, dann überzeichnen und nicht so ganz ernst nehmen.“ Es klingt nicht danach, als ob dieses Alleinstellungsmerkmal des „Tatorts“ aus Münster in Zukunft eingeschränkt werden soll.

Der Schrecken freilich bleibt aus bei dieser „Tatort“-Folge. Der Serienmörder wirkt in seinem Kostüm aus der Altkleidersammlung eher wie eine Witzfigur. Da hilft es auch nicht, dass die Opfer mit Säure verätzt und mit dem Hammer nummeriert werden. Der Kriminalfall rückt in den Hintergrund.

Das ist vor allem eine Schwäche des Drehbuchs von Lars Kraume, der auch die Regie führte. Zwar fällt die erste Leiche bereits in den ersten Minuten im wahrsten Sinne vom Himmel, aber anschließend passiert lange Zeit nur sehr wenig. Zu wenig. Im Fünf-Minuten-Takt tröpfeln neue Erkenntnisse in das Geschehen. Doch bis zum Schluss wartet der Zuschauer vergeblich auf eine überraschende Wendung.

Normalerweise sorgt wenigstens kurzatmige Musik für etwas Aufregung. Doch hier soll offensichtlich auch die biedere Musikauswahl ein Mittel zum Überzeichnen sein - die witzelnde Untermalung nimmt die Spannung raus. Niemand erwartet aus Münster einen Action-Thriller von tschillerschen Ausmaßen. Doch ein wenig mehr Überraschung würde auch Boerne und Thiel nicht schaden.

Etwas Besonderes haben sich die Produzenten dann doch noch einfallen lassen: Der Entertainer Frank Zander („Hier kommt Kurt“) hat einen kurzen und überzeugenden Auftritt. Der Berliner stirbt als Zuhälter Bruno Vogler bereits nach wenigen Minuten den „Tatort“-Tod. Zu früh, denn die Figur der Rotlicht-Größe nimmt man Zander sofort ab. Ebenso füllt Liefers die Rolle des eloquent-überheblichen, feinen Herrn Professors wie gewohnt locker aus. Auch Prahl entwickelt die Figur des tolpatschigen Kommissars hervorragend zum Ermittler mit Gespür weiter. Schade, dass der Klamauk das kaschiert.

In der Jubiläumsfolge darf natürlich nicht der klassische GAU fehlen: die Suspendierung für den Mann mit der heißesten Spur. Es ist wie vieles in dieser 25. Folge des Münster-„Tatorts“: solide Handwerksarbeit statt überraschender, innovativer Krimikunst.

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