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Medien & TV Popper, Punks und stonewashed Jeans
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00:15 22.04.2014
Die Schauspieler Anna Maria Mühe und Kostja Ullmann. Quelle: Georg Wendt
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Hannover

„Lieber Rudi Dutschke, seit die Notstandsgesetze weg sind, wissen wir nicht mehr, wogegen wir jetzt demonstrieren sollen. Aber wir würden vor Freude weinen, wenn Sie uns einmal in Geislingen besuchen würden.“ Revolution klingt irgendwie anders als diese kleine Tagebuchnotiz. Vielleicht war Dutschke auch einfach schon zu zu alt, 38 Jahre immerhin, um die deutsche Jugend im schwäbischen Geislingen dauerhaft zu politisieren. Die Antispießer waren andere, die mit den Bärten in den Kommunen, die Gammler und Chaoten. In Geislingen dagegen roch es schon lange nicht mehr nach Rock ’n’ Roll und ­Revolte. Die deutsche Jugend tanzte zu „Staying Alive“ in Reih und Glied und gelte sich die Haare à la John Travolta. So war das in den frühen Achtzigern.

Für den Film „Junges Deutschland“ haben sich die Schauspieler Anna Maria Mühe (28) und Kostja Ullmann (29) auf eine Zeitreise durch das 20. Jahrhundert begeben. Eine Rückschau im Zeitraffer auf 100 Jahre Lebensgefühl, 100 Jahre Wünsche, Hoffnungen und Träume. In 90 Minuten geht es vom Kaiser- über das Dritte Reich in die DDR bis zur noch jungen Bundesrepublik. Tagebücher und Briefe aus der jeweiligen Zeit geben Aufschluss, direkte Zeugnisse, die das aufwendige Projekt lebendig machen. Während Mühe und Ullmann in der Rolle der Reiseführer teilweise ein bisschen zu überrascht angesichts der Tatsache wirken, dass in den fünfziger Jahren die Jugend ähnlich konservativ wie ihre Eltern war, so schmeckte die Erdbeerbowle damals trotzdem gut.

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Vorlage für das ungewöhnliche Projekt war das Buch von Fred Grimm „Wir wollen eine andere Welt – Jugend in Deutschland 1900–2010“. Viel Recherche musste damit nicht mehr betrieben werden. Stattdessen konnte sich Regisseur Jan Hinrik Drevs auf die Szenen konzentrieren, in denen Mühe und Ullmann auf Entdeckungsreise gehen und selbst in die Rollen der jeweiligen Jugendlichen schlüpfen. Mühe spielt das Dienstmädchen, das Anfang des 19. Jahrhunderts in einem bürgerlichen Haushalt schuften muss, oder die junge Kommunistin im Dritten Reich. Ullmann gibt den Punk oder mimt den Soldaten im Ersten Weltkrieg. Die jeweiligen Spielszenen wurden dabei so liebevoll und bis ins kleinste Detail nachkonstruiert, dass sie von den historischen Aufnahmen kaum zu unterscheiden sind. „Fiktive Handelnde im historischen Original“ nennen das die Macher. Es ist ihnen geglückt.

Am spannendsten sind allerdings die Originalaufzeichnungen. Dass die „Bravo“ in den späten Fünfzigern das Leitmedium der Jugend war, ist bekannt. Dass sich allerdings schon damals Gertrud (16) derart große Sorgen um ihre Figur machte, dass sie sich genötigt sah, ihren Kummer zu teilen und der Redaktion zu schreiben, dass sie nachgemessen habe und an ihrem Körper überall zwei Zentimeter mehr seien, als die Mode es vorschreibe, macht „Junges Deutschland“ wirklich sehenswert.

Auch der Blick in die ehemalige DDR lässt den Zuschauer nicht unberührt. Antikapitalistisch und antimilitaristisch wollte die Jugend hier sein. Stolz trug man FDJ-Hemd und das Symbol der aufgehenden Sonne auf dem linken Arm. Man demonstrierte für mehr Beat und weniger Krieg. Und der DJ hieß im Osten SPU, kurz für Schallplattenunterhalter. Trotzdem implodierte die Deutsche Demokratische Republik am Ende in stonewashed Jeans. Die Jugendlichen in Leipzig gingen eben lieber zur Montagsdemo anstatt aufs Popkonzert.

Im Westen dagegen kamen nach den Punks die Popper. Die mochten Kohl und Kohle. So wie Hans, der offenbarte: „Mein Berufswunsch ist Bankkaufmann.“ Willkommen zurück in den Fünfzigern.

Von Nora Lysk

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