Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Medien & TV Die Wüste bebt
Nachrichten Medien & TV Die Wüste bebt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:09 29.08.2013
Von Imre Grimm
„Wir haben uns für sie geschämt“: Zwei Massai-Frauen mit PRO7-Model Micaela Schäfer (r.) in der PRO7-Sendung „Reality-Queens auf Safari“. Quelle: ProSieben/Guido Ohlenbostel
Anzeige
Hannover

Da naht der schwarze Mann und guckt neugierig ins Zelt der Fernsehleute. Darin sitzen Blondinen in bunter Kleidung. In sehr wenig bunter Kleidung. „Die Himba, eines der letzten Nomadenvölker Afrikas, leben noch heute vergleichsweise unberührt von jeglicher Zivilisation“, rezitiert ein Off-Sprecher im bedrohlichen Stil von Tierdokumentationen über Großkatzen. „Afrika ist ja sehr gefährlich, und ich habe unheimlich Angst, überfallen zu werden“, schnattert ein lippenoptimiertes Boulevardhuhn - mal eben einen kompletten Kontinent mit einer Milliarde Einwohner in einen Topf werfend. Afrika! Wilde Kriminelle! Huh! Wo ist mein Lipgloss?

Man weiß nicht, was erbärmlicher ist an der PRO7-Sendung „Reality Queens auf Safari“: die Arglosigkeit der keifenden Bikinimädchen, die Witz- und Ideenarmut in der redaktionellen Umsetzung oder die gestrige Stumpfheit, mit der die weiße Frau da unter Nichtberücksichtigung von 50 Jahren Anti-Klischee-Kampf ins Land des wilden schwarzen Mannes transferiert wird, auf dass sie sich im Gestrüpp der Vorurteile zur Erbauung des Zuschauers nach Kräften blamieren möge. „Wir haben uns erschrocken und für sie geschämt“, sagen zwei Massai-Frauen, als das notorische Nacktmodel Micaela Schäfer auch in der Ferne reflexhaft blankzieht.

Nun hat die Show dem Sender massiven Ärger eingebracht. 22 Entwicklungshilfe-Organisationen haben PRO7 in einem offenen Brief aufgefordert, die Reihe einzustellen. „Das Format verstärkt allgemein verbreitete Stereotype gegenüber dem ostafrikanischen Land Tansania, schürt gängige Vorurteile und stellt die Menschen des Landes in einer rassistischen und diskriminierenden Form dar“, hieß es in dem offenen Brief. „Das in der Sendung erzeugte Bild von Tansania und seinen Menschen ist einfältig, beleidigend und menschenunwürdig. Die Ausstrahlung der Sendung ist daher inakzeptabel.“

Ein PRO7-Sprecher stellte jedoch gleich mal klar, an dem Format festzuhalten. Als „Reality Queens“ hat Pro7 unter anderem Halb-Promis wie Schäfer und das „Teppichluder“ Janina Youssefian nach Tansania geschickt, um dort die üblichen Spielchen zu absolvieren. Die Reihe läuft immer donnerstags um 20.15 Uhr und wird letztmalig am 19. September zu sehen sein.

Bereits im Vorspann der Sendung werde Tansania als kleines Land dargestellt, in dem „Afrika noch mehr als eine Showkulisse“ sei, „die Tiere richtig wild und die Naturvölker richtig echt“, heißt es in dem Schreiben. „Dass ein professionell operierendes Unternehmen mit derart medialem Einfluss wie PRO7 auf solch ein unreflektiertes Afrikabild zurückgreifen muss, ist erschreckend.“ Altbekannte Stereotype würden bedient und „ein rassistisches, neokoloniales Bild Afrikas“ gezeichnet.

„Diese Vorwürfe möchte PRO7 klar zurückweisen“, entgegnete Sendersprecher Christoph Körfer. „Es liegt uns fern, ein ,neokoloniales Bild Afrikas‘ zu zeichnen. Im Gegenteil: Wir möchten in diesem Unterhaltungsprogramm besonders die Schönheit Afrikas zeigen. Dazu reisen wir quer durch das Land. Dabei blicken wir durchaus mit einer gehörigen Portion Humor und Selbstironie auf unsere Reality-Queens und ihre Ansprüche, zeigen sehr viel Respekt vor der tansanischen Bevölkerung.“ Es ist die alte Leier: ist doch nur Unterhaltung.

Das Schreiben hatte der Verein Tanzania-Network.de an PRO7 gesendet. Unterstützt wird er unter anderem vom Arbeitskreis Panafrikanismus, der Arbeitsstelle Eine Welt in der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens, der Deutsch-Tansanischen Freundschaftsgesellschaft, dem Deutsch-Afrikanischen Zentrum, dem Eine Welt Netzwerk Hamburg und dem Leipziger Missionswerk.

Die Kritiker könnte trösten, dass nur 1,15 Millionen Menschen (4,5 Prozent) die Auftaktfolge sahen - 8,2 Prozent der jüngeren Zuschauer. Den Gesetzen der Branche folgend dürfte die aktuelle Auseinandersetzung den Quoten jedoch aufhelfen. RTL war es zuvor dagegen nicht gelungen, mit seiner Version „Auf High Heels durch Afrika“ entsprechend Wirbel zu machen. Das Konzept: Zwölf C-Prominente fliegen für allerhand Spielchen nach Afrika und ziehen sich aus. Brillant.

Von Imre Grimm und Carsten Rave.

Medien & TV Wirbel um TV-Doku - ARD gegen Bundeswehr

Das von der Bundeswehr befohlene Bombardement auf einen Tanklastzug in Afghanistan löste vor vier Jahren Debatten aus. Die ARD legt nun ein Dokudrama zu dem Thema auf. Doch bereits vor der Ausstrahlung knirscht es im Gebälk

29.08.2013
Medien & TV TV-Kritik: „Herr Eppert sucht ...“ - Im Caddy mit dem König

Thorsten Eppert sucht ab heute Antworten auf große Fragen – und findet vor der Haustür kleine Weisheiten. Ideen hat er noch viele: Den Wahnsinn würde er gerne noch suchen. Oder das Limit. Eine schöne Vorstellung.

Karsten Röhrbein 28.08.2013

In den festgefahrenen Streit um den Wechsel des "Bild"-Vize Nikolaus Blome zum Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" kommt Bewegung.

28.08.2013