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Medien & TV Arte bleibt auch 2010 ein Kultursender
Nachrichten Medien & TV Arte bleibt auch 2010 ein Kultursender
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18:42 16.11.2009
Lang erwartet, 2010 auf arte zu sehen: „Im Angesicht des Verbrechens“ von Dominik Graf, unter anderem mit Ronald Zehrfeld als Polizist Sven Lottner. Quelle: Handout
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Wer arte verstehen will, sollte ruhig mal bei PRO7 reinschauen. In einer Folge der TV-Parodie „Switch reloaded“ wird die barbusige Quasselstrippe des Rätselsenders 9live durch einen Existenzialisten mit Hornbrille ersetzt. „Mon Dieu!“, ruft er, da niemand ein Gemälde als „Mann mit dem Goldhelm“ erkennt. „Liebe Leute, es geht um zwei Kisten Rotwein!“

Besser lässt sich der deutsch-französische Kulturkanal kaum beschreiben: Gestartet vor 18 Jahren als binationale Plattform anspruchsvollen Fernsehens, will sich arte vom Massengeschmack fernhalten und doch Zuschauer erreichen. Eine schier unlösbare Aufgabe. Programmchef Christoph Hauser fasst das Problem so zusammen: „Wenn wir nur senden, was die anderen nicht senden, senden wir irgendwann nichts.“

In der vergangenen Woche stellte er die Highlights der nächsten Saison vor. „Unser Ziel muss es sein, für ein hochwertiges Angebot viele Leute zu gewinnen“, erklärte Hauser den Spagat zwischen Qualität und Quote der kommenden Saison. Und es gibt in der Tat einiges zu sehen in der Nische. Unter den wöchentlich 23 Stunden dokumentarischer Neuware etwa sind so ungewöhnliche Schwerpunkte wie „Land der Indianer“ im Februar zur Historie amerikanischer Ureinwohner jenseits des Westerns. So unerlässliche Reportagen wie „Die Festung“ zur Flüchtlingspolitik. So unerwartete Reihen wie „Tiere, die Geschichte schreiben“.

Dazu kommen Filme, die andernorts bestenfalls zur Nacht laufen. „Kirschblüten – Hanami“ (als Erstausstrahlung) etwa, „In the mood for love“, „Metropolis“ oder die Sieger aus 60 Jahren Berlinale. Serien abseits alter Sehgewohnheiten, allen voran Dominik Grafs lang ersehnter Krimi-Zehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens“. Auch die neueste Staffel der Ausnahmeserie „KDD – Kriminaldauerdienst" wird zuerst auf arte gezeigt. Daneben gibt es natürlich Popformate, Wissenschaft, Trash, Hochkultur. Streckenweise ist das gesendetes Feuilleton, und doch beginnt das Hauptabendprogramm künftig schnöde um 20.15 Uhr, wie bei jedem anderen Sender auch...

Das ist Wasser auf die Mühlen jener Puristen, die den Sender längst der Massenanbiederung zeihen. Auf dem Dokumentarfilmfestival DOK Leipzig warf man arte gerade vor, die Nische Richtung Kommerz zu verlassen, und nannte versendete Kultware à la „Schirm, Charme und Melone“ oder die familienaffine Naturfilmreihe „Frankreichs Küste“ als Beispiele. Auch sonst betreten die Straßburger gelegentlich Genres der Konkurrenz: arte hat bereits Künstler gecastet, wenngleich Opernsänger. Es hat mit „Die Spurensucher“ eine privatfernsehtaugliche Dokusoap gezeigt, wenngleich zweisprachig. Es hat Mädchen auf eine Abspeckfarm begleitet, wenngleich im Tonfall dezenter als RTL II. Es lässt kochen, wenngleich von Sarah Wiener.

Wo vom halben Dutzend Spielfilmen die Woche einer wie „Good Bye, Lenin!“ aus Quotensicht auch noch als Höhepunkt gewertet wird, spricht das nicht für einen avantgardistischen Zugang zum Medium. Und das Echtzeit-Experiment „24h Berlin“ mag zu Recht als Sachformat des Jahres gelten – die Hauptstadtreportage war in Bauart und Bildsprache zutiefst branchenüblich, nur eben länger und leiser. Trotzdem ist die Kritik nicht ganz fair. Denn gemeinsam mit 3sat und dem SWR liefert arte nach wie vor Deutschlands einziges Programm, das die Ränder des Publikumsgeschmacks konsequent auslotet. Doch wie Vegetarier von Fleischfans gern verhört werden, warum sie Lederschuhe trügen, so haut man arte noch die kleinste Ähnlichkeit zum Standard um die Ohren. Im eigenen Land gilt der Prophet bekanntlich wenig.

Der Kultursender arte steckt so tief im Wahrnehmungs-Nirwana, dass die Bildungsnation vor Scham erblassen müsste. Denn während Dschungelcamps, Bauersfrausuchen oder „Wetten, dass …?“ unablässig Topquoten einfahren, versauert der Spartensender mit Vollprogrammstatus oft im Promillebereich. Wer will schon wissen, wie Psychopharmaka wirken, Rachmaninow dirigierte oder Europa zusammenwächst, wenn zugleich bei RTL II in angeblichen Unterschichtfamilien angeblich ganz real die Fetzen fliegen?

Rund ein Prozent beträgt der arte-Marktanteil am Abend. Im Tagesschnitt ist es sogar ein weiteres Viertel weniger. Und mit dem Jugendableger ZDFneo im Nacken könnte der Anteil weiter schrumpfen. Dennoch betonte Christoph Hauser nicht ohne Stolz, neben 3sat und Phoenix sei arte der Sender mit den geringsten Zuschauereinbußen unter den tradierten Kanälen, vulgo: Quotengewinner. Die Quote – sie ist und bleibt artes ewige Hassliebe. „Für mich ist das kein Schimpfwort“, sagt der Programmchef. Da müsse man für alles offen sein. Das dürfte weitere Switch-Parodien geben.

Von Jan Freitag

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