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Medien & TV Braunschweiger „Tatort“ mit Maria Furtwängler
Nachrichten Medien & TV Braunschweiger „Tatort“ mit Maria Furtwängler
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12:07 14.11.2009
Von Stefan Stosch
Bei Anruf geht es um den nächsten Mord: Charlotte Lindholm jagt einen Heckenschützen. Quelle: NDR
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Serienkiller sind in Sonntagskrimis selten. Serienkiller bedeuten viele Leichen, viel Blut und viel Hektik – zu viel von all dem, jedenfalls für einen „Tatort“, in dem normalerweise gegen 21 Uhr der zweite Tote zu beklagen ist. Damit ist dann das Sterbesoll pro Folge erfüllt, und die Aufklärung schreitet kontinuierlich voran. Serienkiller dagegen beunruhigen. Ihre Existenz führt im Idealfall dazu, dass der Fernsehzuschauer die Gardinen vor dem Fenster zuzieht, um dem Heckenschützen draußen bloß kein Ziel zu bieten.

Umso überraschender, dass sich der Niedersachsen-„Tatort“ mit Hauptkommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) in dem Fall „Es wird Trauer sein und Schmerz“ an einen Serienkiller wagt. Und dann noch an diesen Schauplätzen: So viel tödliche Energie würde man in Peine, Wolfenbüttel, Braunschweig gar nicht vermuten. In diesen Städten schießt ein Mörder scheinbar wahllos mit einem Gewehr um sich. Man sieht ihn nur als Silhouette im Gegenlicht eines Scheinwerfers oder von hinten.

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Der Tod kommt lautlos und mit Schalldämpfer: Gleich zu Beginn lassen Kugeleinschläge eine großzügige Fensterfassade zersplittern. Das helle Hemd des im eigenen Wohnzimmer postierten Hausherren färbt sich rot. Eben noch trug der Mann einen lautstarken Streit mit seiner Gattin Beate (Anne-Ratte Polle) aus. Ungläubig starrt sie nun auf ihren Mann: Dass er seine Schreiereien so abrupt einstellen würde, hätte sie nun doch nicht erwartet.

Das ist ein starker, verunsichernder Beginn, aber schon muss Ordnung in die Willkür gebracht werden. Spätestens seit Agatha Christies „Die Morde des Herren ABC“ weiß der Krimifreund: Die Kunst im Umgang mit Serientätern besteht darin, einen Zusammenhang zwischen den Taten zu finden. Was also haben der Bäcker, der Vertreter und die Frau des Fotografen miteinander zu tun, die allesamt ermordet wurden und bei denen sich der titelgebende Trauervers in der Post findet?

Hilflos sucht Provinzkommissar Kohl (Felix Vörtler) nach einem Sinn. Auf Landkarten zieht er Verbindungslinien zwischen den Tatorten und versucht, darin grafische Muster zu entdecken. Er vergleicht Geburtsdaten und fahndet nach Namensähnlichkeiten. Irgendwann kommt er zu dem (Kurz-)Schluss, dass ein „aus dem Ruder gelaufener Bundeswehrsoldat“ der Täter sein muss. Über so viel Unfähigkeit würden sich die Kollegen in US-Serien schieflachen, die den Killern mit Hightechgerät und Profilern auf der Spur sind.

Gut, dass alsbald Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) aus dem Urlaub zurückbeordert wird, den sie mit ihrem WG-Mitbewohner (Ingo Naujoks) und Kind praktischerweise zeitgleich im Braunschweiger Raum verlebt. Mit kühlem Verstand interviewt sie die verstörten Angehörigen. Allerdings sind auch ihre Ermittlungserfolge zunächst bescheiden. Immer neue Verdächtige schleppt sie an, denen im Verhörzimmer das Geständnis von Taten entlockt werden soll, die sie nicht begangen haben.

Spätestens jetzt zeigen sich die Probleme, mit denen Regisseur Friedemann Fromm sowie die Drehbuchautorin und Krimiautorin Astrid Paprotta zu kämpfen haben: Es ist nicht so leicht, einen Ausnahmemörder ins übliche „Tatort“-Korsett zu zwängen. Und wieso muss der sonst so souveränen Lindholm auch noch eine vorsichtige Annäherung an den Kollegen Bergmann (Sven Lehmann) angedichtet werden, die sie selbst sprachlos macht?

Das eigentlich spannende Thema – die Panik, die sich unaufhaltsam in der Braunschweiger Bevölkerung ausbreitet – wird unterdessen verschenkt. Gewiss, eine Fehlzündung knallt wie ein Schuss durch die Stadt. Dunkle Schatten huschen an Fenstern vorbei. Lindholm holt ihr Kind zum Spielen rein. Doch für einen echten Nervenkitzel reicht das alles nicht.

Doch dann bekommt der Krimi plötzlich einen ganz neuen Dreh: Lindholm entdeckt den roten Faden in diesem tödlichen Spiel, den „Missing Link“: Alle Opfer waren in einen Unfall auf der Autobahn verwickelt. Plötzlich geht es um Voyeurismus und Gaffer, um Handyfotos und um ins Internet gestellte Filme. Plötzlich steht nicht mehr die Jagd auf den unsichtbaren Täter im Mittelpunkt, sondern die Gier der Opfer nach Bildern.

Der Regisseur wird zum Medienkritiker, der den Verlust von Respekt gegenüber Mitmenschen in Not anklagt. Damit läuft Fromm offene Türen ein – aber das immerhin macht er konsequent. Dies ist endlich mal wieder ein „Tatort“, in dem nicht der überraschendste Täter aus dem Hut gezaubert wird, sondern der plausibelste.