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Nachrichten Medien & TV Das Erste stellt „Deutsche Dynastien“ vor
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20:38 07.11.2010
Von Simon Benne
Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Frau Stephanie – hier am 6. November 2010 beim Sportpresseball in Frankfurt am Main – haben den Ruf des Adels gemehrt.
Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Frau Stephanie – hier am 6. November 2010 beim Sportpresseball in Frankfurt am Main – haben den Ruf des Adels gemehrt. Quelle: dpa
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Der Mann zählte zum Adel des Industriezeitalters. Als Kohle und Stahl im 19. Jahrhundert die Wirtschaftswelt revolutionierten, schuf August Thyssen ein gigantisches Firmenimperium. Er wurde zum Pionier, ähnlich wie Alfred Krupp oder Henry Ford. Zu den Standesregeln dieses neuen Adels gehörte nicht selten eine demonstrative Knauserigkeit: Thyssen, so will es die Legende, fuhr stets mit der Straßenbahn von der Arbeit heim. Und an der letzten Station vor der neuen Tarifzone stieg er aus und ging den Rest zu Fuß, um ein paar Pfennig zu sparen.

Ein Familienporträt der Thyssens steht am Montag am Anfang einer dreiteiligen Dokureihe über „Deutsche Dynastien“. Am kommenden Montag geht es um die Oetkers. Vor allem aber geht es in der Reihe um jene Mischung aus Macht und Glamour, Innovation und Skandal, Blüte und Dekadenz, die fürs Publikum eine ungeheure Faszination birgt. Denn selbst wenn sich im Leben der Reichen und Schönen eine Kluft auftut zwischen wirtschaftlichem Erfolg und persönlicher Tragödie, leuchtet aus diesem Abgrund noch immer jene Erkenntnis auf, die seit jeher der große Trost der kleinen Leute war: Geld allein macht eben doch nicht glücklich.

Die Dokureihe springt auf einen Trend auf und treibt diesen zugleich voran: Offenbar erleben die großen Namen derzeit eine Renaissance. Familientradition, Elite und edle Abstammung sind nicht mehr unsexy. Man ist wieder bereit, jemandem aus „gutem Hause“ ob seiner vermeintlichen finanziellen Unabhängigkeit eine besondere Unbestechlichkeit zu attestieren – wie im Falle des Verteidigungsministers Karl- Theodor zu Guttenberg, um dessen Familie es am 15. November geht.

Aus der Riege der industriellen Gründerväter hat das ZDF 2008 den Krupps einen elf Millionen Euro teuren Dreiteiler gewidmet. Die Dokumentation von Julia Melchior und Sebastian Dehnhardt über die Thyssens zeigt, dass deren Familienhistorie kaum weniger dramatisches Potenzial birgt. Denn August Thyssen hatte zwar das Glück des Tüchtigen, doch nicht jeder Tüchtige wird ja glücklich. Mit stählerner Härte erzog der strenge Vater seine Kinder. Als er 1926 starb, war ihm seine eigene Familie fremd geworden.

Sein Sohn Fritz sah sich selbst als deutscher Patriot, dessen Bruder und Miterbe Heinrich fühlte sich eher als kosmopolitischer Weltbürger und residierte in der Schweiz. Fritz war früh mit Göring befreundet; wie kaum ein anderer Wirtschaftskapitän unterstützte er den Aufstieg der Nazis. Allerdings gingen ihm seit etwa 1934 die Augen auf. Er protestierte gegen Übergriffe auf katholische Einrichtungen, und nach dem Pogrom gegen Juden vom 9. November 1938 brach er endgültig mit dem Regime. Schließlich beschlagnahmten die Nazis sein Vermögen. Fritz Thyssen kam ins KZ, wo er den Krieg überlebte. So spiegelt sich die deutsche Geschichte in der Geschichte dieser Familie.

Die Dokumentation zeigt historisches Bildmaterial, Interviews mit Nachkommen und nachgedrehte Spielszenen. Für den Spagat des Films ist es symptomatisch, dass seriöse Biografen ebenso zu Wort kommen wie ein Chefredakteur der „Bunten“. Denn natürlich geht es auch um Hans-Heinrich Thyssen-Bornemisza, an dem die bunten Blätter immer viel Freude hatten. Angetrieben von seiner fünften Frau, einer früheren Miss Spanien, lieferte er sich mit seinen eigenen Kindern vor seinem Tod 2002 einen bizarren und kostspieligen Erbschaftsstreit. „Ich bin nicht wütend auf sie, aber verzeihen werde ich ihr nie“, sagt seine Tochter Francesca von Habsburg in der Dokumentation. Das alles erzählt der Film freilich etwas zu schnell. Rund 140 Jahre Geschichte passen schwer in 45 Sendeminuten. Und obwohl es um Wirtschaft und Technik eher am Rande geht, nimmt sich der Film unterm Strich doch etwas nüchtern aus.

„Deutsche Dynastie – Die Thyssens“ | ARD Dokumentation, Montag, 21 Uhr