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00:15 12.10.2013
Von Imre Grimm
Ohne Geld um die Welt: Arianna Huffington (2. v. l.) freut sich über den nächsten Ableger ihrer „Huffington Post“ – mit „Editorial Director“ Cherno Jobatey, Chefredakteur Sebastian Matthes und Geschäftsführer Oliver Eckert (v. l.) in München. Quelle: dpa
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Sie schmücken sich gern mit großen Namen, das hat ja auch bei Scientology ganz prima funktioniert. Barack Obama hat schon mal für die „Huffington Post“ geschrieben. Vor fünf Jahren war das, ein einziges Mal, eher als Nettigkeit, nun ja. Dazu: Hillary Clinton, Madonna, Robert Redford. Und gerade hat sich der 96-jährige Kirk Douglas in der „HuffPo“ darüber ausgelassen, wie sehr ihn das nerve, dass alle Welt nur noch auf Bildschirme starre. Sprache dürr, Inhalt erratisch - aber hey, es bringt Klicks. Und was Klicks bringt ist Gold in der Welt von Arianna Huffington. Da veröffentlicht man auch schon mal angebliche Beweisfotos des haarigen Fabelwesens „Big Foot“, auch wenn einem die Story hinterher krachend um die Ohren fliegt.

Nun also Deutschland. Die „Huffington Post“, 2005 als schüchternes Politblog einer griechischstämmigen, ehemals republikanischen und dann zur Linksliberalen gewandelten Tochter eines Zeitungsverlegers und Ehefrau eines Ölmillionärs gegründet, geht als deutscher Ableger an den Start. Doch die letzten Signale, die aus der an die Burda-Tochter Tomorrow Focus AG angedockten „HuffPo“-Redaktion in München kommen, klingen eher putzig. Lange hatte man sich um namhafte Kräfte in der Medienszene bemüht, hat versucht, Alphablogger- und Beta-Meinungsmacher zu gewinnen - am Ende heißt der „Editorial Director“ jetzt tatsächlich Cherno Jobatey.

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Cherno Jobatey - der Kastenteufel des ZDF-Frühstücksfernsehens, das Schmunzelmonster des Seichtjournalismus, das sich jenseits von flotten Turnschuhen und nicht minder flottem Allzwecklächeln bisher publizistisch nicht weiter hervorgetan hat. Er wird das „prominente Aushängeschild“ der Webseite. Warum nicht gleich Micaela Schäfer? Und wer macht künftig das Wetter? Jörg Kachelmann?

Die „Huffington Post“ mixt fremde Texte aus anderen Redaktionen mit Kommentaren, kompiliert externe Inhalte aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport zu „eigenen“ Beiträgen - und will allein von Werbeerlösen leben. In einer Zeit also, in der Verleger versuchen, die Gratiskultur zurückzudrängen und Bezahlschranken herunterkurbeln, um guten Journalismus auch in Zeiten sinkender Zeitungsauflagen finanzieren zu können, grätscht ein neues Aggregatorenportal mit buntem Zinnober und einem parasitären Geschäftsmodell dazwischen, das fremder Leute Arbeit in eigenen Umsatz ummünzt - eine kostenlos erhaltene Leistung also gewinnbringend weiterverkauft. Dieses Schmarotzerprinzip kritisieren auch prominente Einsteiger im US-Verlagsgeschäft wie der neue Besitzer der „Washington Post“, Amazon-Gründer Jeff Bezos. Seine Journalisten recherchierten oft monatelang an einer Story, die die „HuffPo“ dann „in 17 Minuten“ umschreibe und auf ihre eigene Seite stelle.

Als Wirtsmedium für die Nachrichten-Grundlast der deutschen „HuffPo“ dient zunächst „Focus Online“. Daneben sollen - wie bereits in den USA, Kanada, Spanien, Italien, Frankreich und Großbritannien - Blogger und Gastautoren die Klickmaschine am Leben erhalten. Aber warum sollten sie das tun? Die prominentere deutsche Blogosphäre winkt seit Wochen dankend bis empört ab. Denn ein Honorar gibt’s nicht.

Stattdessen lockt die „HuffPo“ keck mit Reichweite, Aufmerksamkeit, Ruhm und Ehre. Kommt zu uns! heißt es. Ihr dürft hier neben lauter Prominenten schreiben! Ist doch super! Die funkelnde Nachbarschaft besteht fürs Erste aus Foodwatch-Chef Thilo Bode, Telekom-Chef René Obermann, CSU-Politikerin Dorothee Bär (CSU), Twitterlegende Boris Becker und Uschi Glas - Leuten also, die zwar Aufmerksamkeit, nicht aber Zeilenhonorar benötigen. „Die Comedyabteilung der ,HuffPo‘ funktioniert schon mal“, hieß es am Mittwoch bei Twitter.

Das Problem ist nicht bloß, dass Ruhm und Ehre keine Miete bezahlen. Das Problem ist, dass deutsche Blogger längst ihre eigenen Kanäle bespielen und auf die Gnade einer „Focus Online“-Redaktion, die im Rund der Web-2.0-Elite ob ihrer Kurzatmigkeit und Klickfixierung eher belächelt wird, überhaupt nicht angewiesen ist. Digitale Laberbuden gibt’s genug.

Trotzdem soll die deutsche „HuffPo“ mit Chefredakteur Sebastian Matthes (36) - der von der „Wirtschaftswoche“ kommt - und seiner nur 15-köpfigen Redaktion bereits nach zwei Jahren Profite machen. „Unsere Gastautoren können ihre Meinungen und Ideen einem größeren Publikum vorstellen“, lockt Matthes in einem - unbezahlten - Gastbeitrag auf www.lousypennies.de. In fünf Jahren dann will man zu den fünf größten deutschen Nachrichtenseiten gehören. Tomorrow-Focus-Chef Oliver Eckert fordert für das erste Jahr schon mal 3,5 Millionen Besucher und für 2018 dann neun Millionen - pro Monat. Paid Content ist nicht geplant. In den USA kommt die „HuffPo“ derzeit auf 48 Millionen Besucher im Monat. Anfang 2011 ging die Seite für 315 Millionen US-Dollar an den Internetkonzern AOL.

Lässt sich das US-Modell eins zu eins auf Deutschland übertragen? Es gibt berechtigte Zweifel. In politisch bipolaren Gesellschaften wie den USA, Frankreich oder England herrscht großer Bedarf an ideologisch klar verorteten Meinungspools, die sich gegenseitig bekriegen: konservativ gegen linksliberal. Nicht so in Deutschland, wo der Diskurs vielschichtiger verläuft. Hinzu kommt, dass die hiesigen großen Newsseiten - abgesehen von Fastfood-Einstiegsportalen wie T-Online oder Yahoo - allesamt an tradierte Medienlabels angedockt sind.

Derlei Marken lassen sich nur schwer neu etablieren, sie sind eingeführte, fragile, emotional aufgeladene Konstrukte, deren höchstes Gut Vertrauen, Erfahrung und Glaubwürdigkeit sind. Ein rumpfloser Neuling wie „HuffPo“, der amerikanische und deutsche Befindlichkeiten zu vermengen versucht, erinnert fatal an den gescheiterten Plan, die US-Glamourgazette „Vanity Fair“ in Berlin zu etablieren. Weitere Leichen auf dem Friedhof deutscher Medienableger: die „Financial Times Deutschland“, die Männermagazine „FHM“ und „Trip“ und „Harper’s Bazaar“ (1985-1999). Das Frauenmagazin allerdings wagt derzeit einen Neustart. Immerhin: Wie man hört, werden seine Autoren bezahlt.

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