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Medien & TV „Bravo“ spart bei „Dr. Sommer“
Nachrichten Medien & TV „Bravo“ spart bei „Dr. Sommer“
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17:01 11.04.2014
Von Imre Grimm
Der Verlag versichert, dass es die Rubrik „Dr. Sommer“ weiter geben werde. Quelle: Tobias Hase
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Hannover

Bis „Dr. Sommer“ kam, war Sex (nicht nur) für pubertierende Jugendliche ein Mysterium. Die „Bravo“ empfahl nicht viel mehr als kaltes Duschen gegen Onanie. Dann kam „Dr. Sommer“. Sex blieb ein Mysterium – aber die deutsche Jugend hatte zumindest jemanden, den sie fragen konnte. Seit 1969 kämpfte Dr. Martin Goldstein alias „Dr. Sommer“ (Autor des Buches „Anders als bei Schmetterlingen“) gegen Verklemmtheit und Spießertum. Das brachte der „Bravo“ zwei Einträge in den Index, Tausende Leserbriefe wöchentlich und ihre stärkste Marke. Unvergessen die Zeiten, als staatliche Jugendschützer zur Enttabuisierung der Masturbation durch „Dr. Sommer“ befanden: „Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane.“

Goldstein starb 2012 mit 85 Jahren. Schon seit Jahren hatte sein Team die „Dr. Sommer“-Rubrik weitergeführt. Nun spart die Redaktion im traditionsreichen Team Personal ein: Die langjährige Teamleiterin, Diplom-Sozialpädagogin Jutta Stiehler, muss gehen. Ein Sprecher der Bauer Media Group bestätigte eine entsprechende Meldung der „Süddeutschen Zeitung“ („SZ“). Stiehlers rechte Hand, Sabine Kadolph, soll künftig nur noch mit freien Mitarbeitern die Fragen der jungen Leser beantworten. Auch Christina Bigl, Leiterin der „Bravo“-Fotoredaktion und seit 38 Jahren bei Bauer, muss gehen.

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Die Zeitschrift „Bravo“ steht unter großem Spardruck: Die Auflage sank seit 1998 von fast 970 000 verkauften Exemplaren pro Woche auf 192 000. Der Verlag versichert, dass es die Rubrik „Dr. Sommer“ weiter geben werde. „Die Anfragen werden in der Regel persönlich beantwortet“, sagte ein Sprecher gestern. „Die hohe Beratungsqualität ist der Kern des ,Dr.-Sommer‘-Teams. Das bleibt auch so.“ Stiehler selbst sieht es kritischer: „Das Alleinstellungsmerkmal von ,Dr. Sommer‘ war immer die persönliche Beratung“, sagte sie der „SZ“. „Aber tatsächlich bekommen die Leser jetzt offenbar häufig vorgefertigte Antworten – da bleibt ein bitterer Nachgeschmack.

Tatsächlich ist es fraglich, ob es klug ist, ausgerechnet die stärkste „Bravo“-Marke zu beschneiden. Man könnte argumentieren, dass Sexualaufklärung im YouPorn-Zeitalter an Relevanz verliere. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Fragen sind heute andere als vor 30 Jahren. Aber sie werden nicht weniger.

11.04.2014
Daniel Alexander Schacht 10.04.2014