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Medien & TV „Häme und Schadenfreude sind mir fremd"
Nachrichten Medien & TV „Häme und Schadenfreude sind mir fremd"
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00:15 28.09.2013
Christian Wulffs politischer Absturz ist Thema von Nico Hofmanns neuem Film "Der Rücktritt". Quelle: dpa
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Herr Hofmann, wann verfilmen Sie das Leben und Wirken von Angela Merkel als Event-Zweiteiler?

Klar, dass Sie mich das kurz nach der Wahl fragen. Wenn ich jetzt antworte, dass ich mir Angela Merkels Leben als Film vorstellen kann, dann steht das Projekt morgen überall in der Presse. Was ich zu Angela Merkel allerdings sagen kann: Je länger sie regiert, desto spannender wird es, ihr Leben mit zeitlichem Abstand zu verfilmen - das kann man über die wenigsten Politiker sagen. Angela Merkel hat sich sehr verändert. Sie ist souveräner geworden, sie ruht in sich. Das Interesse an Angela Merkel ist bei mir tatsächlich aber im letzten halben Jahr durch ihre Offenheit gegenüber ihrer eigenen DDR-Vergangenheit entstanden. Ihr Leben kann also in ein paar Jahren durchaus ein Thema für einen Filmstoff werden.

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Sie scheinen fasziniert zu sein von der Kanzlerin. Würden Sie sich eigentlich als konservativ bezeichnen?

Ich bin wertkonservativer Wechselwähler, ich habe in meinem Leben genau so oft SPD gewählt wie CDU. Politische Heimaten haben bei mir sehr viel mit dem politischen Personal zu tun, mit Glaubwürdigkeit.

Welchen Mehrwert kann der Zuschauer bei der Geschichte über den Rücktritt von Christian Wulff erwarten?

Es geht darum, die Wulff-Geschichte zu kondensieren auf die Tage zwischen dem Besuch im Oman und dem eigentlichen Rücktritt. Das Buch „Affäre Wulff“ von Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch, auf dem der Film basiert, liest sich wie eine tickende Uhr, wie ein Thriller, der ausschließlich auf Fakten basiert. Das schreit geradezu nach einer Verfilmung. Und es ist spannend nachzuerzählen, wie sich das Räderwerk gesellschaftlich und moralisch immer weiter ineinander dreht.

Aber eigentlich wollten sie doch die Geschichte der damaligen First Lady Bettina Wulff erzählen?

Ich wollte nie Bettina Wulffs Buch als alleinige Grundlage nehmen. In ihrem Buch stehen drei, vier interessante Episoden, also relativ wenige, die dennoch für einen Film ideal verwertbar gewesen wären. Es war immer geplant, dass das Buch von Heidemanns und Harbusch die Grundlage für den Film werden wird.

Ist die moralische Frage denn heute noch von ausreichender Relevanz für den Film? Juristisch geht es schließlich nur noch um einige hundert Euro und einen Oktoberfestbesuch.

Das ist genau die spannende Frage. Sie haben eine mehrfache Brechung in dem Film. Es gibt den politisch-moralischen Aspekt, dann den zutiefst persönlich-moralischen Aspekt sowie einen medial-moralischen Aspekt. Zu zeigen, wie diese unterschiedlichen Mechanismen ineinandergreifen und zu analysieren, wie es zu diesem Rücktritt gekommen ist, mit allen Charakter- und Schachzügen, wer wie auf wen reagiert hat, das ist das Spannende.

Nico Hofmann wird 1959 in Heidelberg geboren, seine Eltern sind beide Journalisten. Nach dem Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film in München führt er Regie für Fernsehen und Kino. ("Balko", "Der Sandmann", "Solo für Klarinette". 1998 gründete er die Produktionsfirma teamworx als Teil der Ufa. Seit August 2013 ist er Teamworx Teil der neuen "Ufa Fiction", Hofmann ist Vorsitzender der Geschäftsführung. Berühmt-berüchtigt sind seine Event-Mehrteiler über Themen der deutschen Geschichte wie "Dresden", "Die Flucht" und "Der Tunnel". Hofmann ist Professor an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Seine Absolventen wie Christian Schwochow und Philipp Kadelbach führen regelmäßig Regie für Hofmanns Produktionen. Quelle: dpa

"Eine Satire bietet sich hier überhaupt nicht an. Denn eigentlich ist es eine Tragödie"

In der Debatte um die Affäre Wulff gab es reichlich Schadenfreude und Häme in der Berichterstattung. Das Haus in Burgwedel hieß irgendwann nur noch „Klinkerhölle“. Zeigen Sie die „Klinkerhölle“ in Burgwedel?

Darum geht es uns nicht, Häme und Schadenfreude sind mir komplett fremd. Der Film wird eine sehr seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema. Es geht in der Grundlage um Fakten, die in dem ausgesprochen präzise recherchierten Buch „Affäre Wulff“ wiederzufinden sind. Zusätzlich wurden weitere Recherchen durchgeführt und mit wichtigen Menschen, die an politischem Geschehen beteiligt waren, gesprochen.

Also kein zweiter Guttenberg?

Eine Satire bietet sich hier überhaupt nicht an. Denn eigentlich ist es eine Tragödie.

Dennoch produzieren Sie den Film fürs Privatfernsehen und nicht für die Öffentlich-Rechtlichen. Wann wissen Sie, welches Projekt für welchen Sender taugt und wem sie was anbieten können?

Den Wulff-Film „Der Rücktritt“ haben wir überall angeboten und Sat.1 war der einzige Sender, der am Ende gesagt hat, wir machen das in dieser Form. Ich habe den Stoff allen deutschen Sendern angeboten. Doch Sat.1 Geschäftsführer Nicolas Paalzow gemeinsam mit Fiction Chef Jochen Ketschau haben sehr früh und sehr dezidiert gesagt, dass sie diesen Weg gemeinsam mit uns gehen wollen.

Regina Ziegler, Produzentin von „Weissensee“, hingegen sagt, dass das deutsche Fernsehen toll wäre, wenn ein paar Fernsehredakteure mutiger wären. Sie erkennen keinen fehlenden Mut. Heißt das, das deutsche Fernsehen ist im Grunde schon ganz toll?

Ich stimme Regina in diesem Punkt zu. Denn deutsches Fernsehen ist in den Spitzenleistungen deutlich besser, als es öffentlich wahrgenommen wird. Es geht vor allem darum, dass wir viel mehr Sendeplätze für qualitativ hochwertige Programme wie z.B. „Weissensee“ bekommen müssen. Sendeplätze, die Miniserien ermöglichen, also acht Slots über Wochen aufmachen. Wir sind zu sehr im 90-Minuten-Format verhaftet. Das ist der Riesen- Unterschied zu Amerika. Dort haben sie gar keine 90-Minuten-Formate, sondern nur noch das serielle Produkt. Ich kämpfe leidenschaftlich dafür, dass wir Senderchefs überzeugen, viel mehr Serien zuzulassen. Das ist unsere Hauptbotschaft, denn seriell lässt sich ganz anders episch erzählen

Kai Wiesinger (rechts) wird im Film Christian Wulff spielen. Quelle: dpa

Nicht jede Serie läuft in Deutschland gut. Wovon hängt der Erfolg dieser Formate ab?

Es geht immer um die Machart. Auch der Erfolg von „Weissensee“ erklärt sich so. Ebenso wie der Erfolg von „Unsere Mütter, unsere Väter“. Es gab schon unzählige Projekte zum Dritten Reich und trotzdem ist es dann der eine Film, der in seiner Modernität, in seiner Heftigkeit und Emotionalität den ganzen Fernsehmarkt noch einmal aufmischt und generationenübergreifende Diskussionen auslöst.

"Der Finger liegt tiefer in der Wunde deutscher Schuld denn je"

Sie haben viele Projekte in der Planung, die sich an historischen und politischen Themen aufhängen. Von Wulff über den 9. November, Leni Riefenstahl, Hannelore Kohl, die Snowden-Affären bis zu den Schlecker-Frauen. Verfilmen Sie eigentlich alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist?

Es wird ja manchmal so gesehen, als würde ich mich auf jedes mögliche Thema sofort draufsetzen und Filme nach dem Gießkannenprinzip produzieren. Das ist völliger Unfug. Wir sind keine Fabrik, die Einheitssoße produziert. Alle unsere Filme sind hochgradig individuell gebaut und gemacht. Wir haben uns beispielsweise monatelang überlegt, ob man einem Film über die Schlecker-Frauen machen darf oder nicht. Unser Vorbild war die britische Arbeitslosen-Komödie „Ganz oder gar nicht“ von 1998, wo das Thema Arbeit sehr tragikomisch angegangen wird. Hier in Deutschland hören wir sofort: Das darf man nur todernst verfilmen – daran sieht man aber auch, in welchen engen Grenzen wir hierzulande manchmal denken, und doch wollen wir ein breites Publikum auf die Missstände bei Schlecker aufmerksam machen. Auch beim Snowden -Projekt haben wir wochenlang darüber nachgedacht, ob man das Thema als deutsches Programm erzählen kann. Dann hat uns jemand aus dem Umfeld des Geheimdienstes Material zugespielt über einen 35-jährigen Informanten aus dem System, und sofort wurde der Stoff interessant – wie transportiere ich den Stoff so in einem deutschen Kontext, dass er für ein hiesiges Publikum verständlich ist? Die Diskussion um Snowdens Enthüllungen hat eine philosophische Flughöhe erreicht, da muss unser Film anknüpfen.

Ihr Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ (ZDF) ist für den Deutschen Fernsehpreis nominiert, war ein Riesenerfolg, wurde hoch gelobt – und zugleich haben Sie viele dafür kritisiert, eine Art konservativen Geschichts-Revisionismus im Fernsehen zu verbreiten. Mit dem „George“-Film (ARD) verschärfte sich diese Kritik noch. Trifft Sie das? Wie gehen Sie damit um?

Ich könnte meinen Gegnern bei „Unsere Mütter, unsere Väter“ bis ins letze Bild hinein beweisen, dass es nicht darum geht, die Deutschen von ihrer Schuld freizusprechen, im Gegenteil. Wir sind schuldig, und das noch bis ins dritte und vierte Glied der Generationen. 27 Millionen Menschen haben diesen Film gesehen, viele Enkel haben ihre Großväter erstmals gefragt: Hast du getötet? In vielen Familien wurden zum ersten Mal nicht nur über Schuld geredet, sondern auch über die Hintergründe des Nationalsozialismus. Auch „George“ ist nicht dazu gemacht worden, einen Künstler von seiner Schuld reinzuwaschen. Ich muss von einem Publikum im Jahr 2013 erwarten können, mit der Ambivalenz, die hier gezeigt wird, umgehen zu können. Aber einige Kritiker verurteilen das. Mich interessiert vor allem der Blick hinter der Parole: „Das waren alle Nazis!“ Ich will wissen, warum sind sie das geworden, was war das Verführerische? Ich gieße hier keine Opfer-Wohlfühlsoße über Deutschland, ganz im Gegenteil: Der Finger liegt tiefer in der Wunde deutscher Schuld denn je.

Die Fragen stellte Jan Sternberg

Karsten Röhrbein 24.09.2013
23.09.2013