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11:38 17.08.2013
Fälschung und Original: „Auf der Flucht“-Teilnehmerin Katrin Weiland (l.) im Gespräch mit echten Flüchtlingen im Gefängnis von Athen. Quelle: ZDF
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Mehr oder minder Prominente, die auf Zeit in die Rolle von Flüchtlingen schlüpfen? Die persönliche Not simulieren, um auf massenhaftes Leid aufmerksam zu machen? Die für ein paar Tage so tun, als ob sie vor Krieg, Terror und Verfolgung fliehen würden, um dann zurückzukehren in ihr gewohntes, komfortables Umfeld. Darf man das?

Mit seiner TV-Reihe „Auf der Flucht – Das Experiment“ hat sich das ZDF teils deutliche Kritik eingehandelt. Die Organisation Pro Asyl erkennt in der Serie  „Züge eines voyeuristischen Eindringens in das Elend von Flüchtlingen“. Der Geschäftsführer und Pro-Asyl-Mitbegründer Günter Burkhardt sagte gestern: „Flucht ist kein Spiel. Es gleitet ins Geschmacklose ab, wenn deutsche Protagonisten so tun, als ob sie Flüchtlinge seien.“ Allerdings seien die Aussagen der Flüchtlinge, die zu Wort kommen, beeindruckend und sie machten das Elend emotional für eine oft desinteressierte Öffentlichkeit erfahrbar.

Das ZDF verteidigte das Format – mit dem Argument, das Thema werde in Deutschland zwar viel und kontrovers diskutiert, aber erst durch die dokumentierte Reise nachvollziehbar gemacht. Für die vierteilige Dokureihe in ZDFneo, von der bisher zwei Folgen zu sehen waren (die nächste folgt am Donnerstag, 22.15 Uhr), hatte der Sender sechs Männer und Frauen unter anderem in Heimatländer von Asylsuchenden geschickt – nach Eritrea und in den Irak. „Flüchtlinge auf Zeit“ sind die Schauspielerin Mirja du Mont, Nazi-Aussteiger Kevin Müller, Ex-Böhse-Onkelz-Bassist Stephan Weidner, Streetworkerin Songül Centinkaya, Autorin Katrin Weiland und der frühere Bundeswehrsoldat Johannes Clair. Die Kamera begleitet sie etwa beim Besuch eines Lagers in Griechenland, beim Gespräch mit Schleppern und bei einer Überfahrt mit einem Flüchtlingsboot.

„Die sechs Protagonisten stehen stellvertretend für Haltungen in der Asyldebatte, denen wir jeden Tag begegnen oder die wir sogar selbst vertreten“, sagte ZDFneo-Chefin Simone Emmelius. Die Prominenz einzelner Teilnehmer – vier der sechs sind weithin unbekannt – habe dabei nicht im Vordergrund gestanden, vielmehr die Vielfalt der Meinungen und deren Entwicklung während der Reise.

Es gebe bereits zahlreiche klassische Dokumentationen, die im Zweifelsfall immer das gleiche Publikum erreichten, hieß es in Mainz. „Der für die Doku-Reihe gewählte Weg ist es, den Zuschauer emotional miterleben zu lassen, wie sich diese Haltung relativiert, wenn die Protagonisten in Situationen kommen, die sich – weitaus schutzloser und lebensbedrohlicher – in den Flüchtlingsschicksalen wiederfinden.“ Die Sicht der Flüchtlinge werde unter anderem im Onlineauftritt zur Sendung gezeigt. Nach den Worten von Emmelius ist nicht geplant, die Reihe wegen der Kritik zu stoppen. Dies fordern zwei Internetpetitionen, die am Freitag nach Angaben der Initiatoren rund 20.000 Unterzeichner hatten.

„Es fühlt sich an wie eine Parodie, eine MTV-Reality-Show“, sagte etwa Helina Hailselassi, die vor zwei Jahren selbst aus Äthiopien floh, dem NDR-Medienmagazin „Zapp“. „Aber dieses ernste Thema in ein Trashformat zu packen, das ist traurig. Es überschreitet eine Grenze.“ Es gehe um einen „Perspektivwechsel“, sagt dagegen Teilnehmer Johannes Clair – nicht darum, das, was Flüchtlinge empfinden, nachvollziehen zu können. Vielen anderen Formaten sei es nicht gelungen, das Thema öffentlich zu platzieren. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hatte das ZDF bei den Recherchen unterstützt. Eine offizielle Einschätzung zu der Reihe wollte die Organisation nicht abgeben, wie ein Sprecher in Berlin mitteilte. „Es ist aus unserer Sicht immer grundsätzlich zu begrüßen, dass auf das Thema Flucht  aufmerksam gemacht wird.“

Doch das Hauptproblem bleibt: Die Aufmerksamkeit der Kamera, das Mitgefühl der Zuschauer bei diesem Format gelten – bei allem Bemühen um eine journalistische Einordnung – eher den sechs deutschen Protagonisten, nicht den Flüchtlingen.

Im Hauptprogramm des ZDF ist „Auf der Flucht“ am 4. September ab 23.45 Uhr als Zusammenfassung zu sehen.

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