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Medien & TV „Wir waren kollektiv durchgeknallt“
Nachrichten Medien & TV „Wir waren kollektiv durchgeknallt“
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00:15 19.08.2013
Von Imre Grimm
Interviews mit den Desperados: Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner wurde in Bremen von Reportern umlagert. Quelle: dpa (Archiv)
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Hannover

Der Mann kommt von der „Tagesschau“, er hat ein blaues NDR-Mikrofon in der Hand. In der Kölner Fußgängerzone sitzt Hans-Jürgen Rösner im Auto, auf dem Rücksitz raucht Geisel Inge Voitle eine Zigarette, es ist der 18. August 1988. In drei Reihen stehen Journalisten um den BMW 735i. Vor wenigen Stunden hat Rösners Kumpel Dieter Degowski an der Autobahnraststätte Grundbergsee bei Sottrum den 15-jährigen Emanuele De Giorgi getötet, mit einem Kopfschuss, vor den Augen seiner neunjährigen Schwester, die er hatte schützen wollen. Der „Tagesschau“-Reporter beugt sich ans Fenster. Was fragt man einen, der zum Töten bereit ist?

„Können wir etwas für Sie tun?“, fragt er. Es klingt wie: Kaffee? Kekse? Und wann geht sie weiter, die wilde Fahrt?

Zu diesem Zeitpunkt sind die Grenzen längst verwischt in diesem bizarrsten Kriminalfall der Nachkriegsgeschichte. Zwischen Berichterstattung und Beihilfe. Zwischen Tätern und Reportern. Zwischen Journalisten und Polizisten. Aus einem missglückten Überfall auf die Deutsche-Bank-Filiale in Gladbeck-Rentford ist ein dreitägiger Nervenkrieg geworden, den Gangster und Medien als 54-stündiges Live-Roadmovie mit Gruselgarantie inszenieren – hilflos beäugt von einer paralysierten Polizei.

Die Ereignisse sind eingebrannt ins kollektive Gedächtnis: Wie Rösner und Degowski zwei Bankangestellte als Geiseln nehmen, wie sie Rösners Freundin Marion Löblich abholen, durchs Ruhrgebiet nach Bremen irren, im Stadtteil Huckelriede einen Bus der Linie 53 mit 32 Passagieren kapern, zur Raststätte Grundbergsee fahren. Wie die Polizei Löblich auf der Toilette festnimmt, Degowski durchdreht und den jungen Italiener erschießt. Wie es weitergeht in die Niederlande, wo 30 Geiseln gehen dürfen, nach Köln, nach Bad Honnef, wo die Polizei auf der A 3 den BMW rammt. Am Ende sind drei Menschen tot, die Behörden blamiert, die Medien moralisch bankrott.

Auch für Rösner sind Polizei und Reporter in der Breiten Straße in Köln längst zu einer undefinierbaren Masse verschwommen. „Wir haben gewartet, dass endlich einer kommt, mit dem wir verhandeln können“, sagt er. Und verhaspelt sich: „Der Polizist, äh, der, der Reporter da oder, oder Journalist oder wat dat war ...“ Reporter, Polizist – wer weiß das schon so genau in diesen Tagen?

Gladbeck. Wenn die Republik durch die „Spiegel“-Affäre 1963 lernte, was Pressefreiheit heißt, dann war Gladbeck der Moment, als sie über sich selbst erschrak. Über den eigenen Voyeurismus und die irritierende Neugier auf „das Böse“. Über die Bereitschaft ihrer Medien, für „Nähe“ buchstäblich über Leichen zu gehen. Es waren Journalisten, die den sterbenden Emanuele über den Parkplatz zogen und den Kopf des blutenden Jungen noch in die Kamera drehten. Es waren Journalisten, die Rösner und Degowski Kaffee brachten und ihnen Gelegenheit boten, sich als skrupellose Desperados zu inszenieren.
Die einzelnen, absurden Szenen dieses Dramas setzen sich zu einem bizarren Puzzle zusammen: Rösner, der sich vor 13 Millionen Zuschauern der „Tagesschau“ und live im ZDF eine Pistole in den Mund schiebt. Der Fotograf Peter Meyer, der sich zum Sprachrohr der Verbrecher macht, deren Forderungen dann aber erst mal den neugierigen Kollegen mitteilt statt der Polizei. Die Ermittler, die dem Gangsterduo lieber 30 Zivilisten überlassen, statt einen der ihren als Austauschgeisel in Gefahr zu bringen. Die Menschen im Bus mit ihren „Spar“-Einkaufstüten auf dem Schoß. Und der Reporter, der nachts an der Autobahn die 18-jährige Silke Bischoff fragt: „Wie geht es Ihnen mit der Pistole am Hals?“, als sei das hier ein Fußballspiel. „Naja, eigentlich ziemlich gut“, sagt sie und versucht zu lächeln, es ist schließlich Fernsehen. „Mir ist das alles gar nicht so bewusst.“ – „Zu jung“, erklärt Degowski bedächtig, die Waffe in der Hand. Sie glaube nicht, sagt sie noch, dass Degowski abdrücken würde. Wenige Stunden später ist sie tot.

Die medienethische Debatte um Grenzen im Journalismus, die Gladbeck ausgelöst hat, wirkt bis heute nach. Und sie treibt auch den um, der damals zum Buhmann wurde, zur Symbolfigur für journalistische Skrupellosigkeit. Udo Röbel, 1988 Vizechef des Kölner „Express“, später „Bild“-Chefredakteur, war der Mann, der in den BMW stieg und die Entführer zur Autobahn lotste – als „Reporter des Satans“ (Röbel über Röbel).

Ruhig, mit einem Pappbecher Kaffee in der Hand, setzte er sich auf die Rückbank. 45 Minuten fuhr er mit. „Wir waren alle kollektiv durchgeknallt“, sagt er. „Im Rausch.“ Das Nachdenken der Medien über sich selbst – das gab es noch nicht, sagt er. Seit 25 Jahren leistet Röbel dafür Abbitte. Der Richter, der über den Fall urteilen wird, wird später sagen: Wenn Sie nicht zugestiegen wären, als die Lage eskalierte, dann hätte es ein Blutbad gegeben. Dennoch: Es war schmerzhaft, sagt Röbel. „Ich habe den Artikel, den ich damals über diese Fahrt geschrieben habe, nie wieder gelesen.“

Wie nah ist zu nah? Es ist der Wesenskern von Medien, räumliche und soziale Distanzen zu überbrücken. Doch den schmalen Grat zwischen „ganz nah dran“ und „nicht ganz dicht“ definieren auch nach Gladbeck nicht objektive Kriterien, sondern immer subjektives Empfinden. Und es dauert heute länger als 1988, bis sich beim Publikum das diffuse Unwohlsein einstellt, das Lieber-doch-nicht-so-genau-wissen-wollen, wenn Medien zu Akteuren werden, wenn Verbrecher ins Licht drängen. Von Egon Erwin Kischs altem Diktum, ein Reporter habe „unbefangen Zeuge zu sein“, ist das Geschäft weiter entfernt denn je.

Zwar hat der Presserat nach Gladbeck die „Richtlinie 11.2“ des Pressekodex verschärft: Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens sind tabu. Aber es gibt wenig Anlass zu der Annahme, dass ein Drama wie in Gladbeck im Zeitalter von Smartphones, Twitter, Facebook, YouTube & Co. aus purem Anstand nicht zum Live-Event würde.

Denn natürlich sind Nähe und Exklusivität wertvolle Währungen geblieben im Journalismus. Und rechtfertigen muss sich eher der, der zu weit weg ist, als der, der zu nah dran ist. Im Kern glich Röbels Aktion dem „embedded journalism“ des zweiten Golfkriegs, als 600 Journalisten fester Bestandteil kämpfender Einheiten der US-Armee waren.

Terroristen, Kriminelle, Gescheiterte suchen die Öffentlichkeit. Und diese ist im digitalen Zeitalter kinderleicht herzustellen. Laienreporter mit Handykameras verstärken als Söldner das Journalistenheer, unbelastet von moralischen oder medienrechtlichen Bedenken. Hinzu kommt, dass die Echtzeitkatastrophe weiterhin das Nonplusultra im Newsgeschäft ist: Millionen sahen 1994 – nur sechs Jahre nach Gladbeck – die Flucht des mordverdächtigen O. J. Simpson in seinem weißen  Pick-up. Millionen verfolgten erst im April im Fernsehen und bei Twitter live die Jagd nach dem Bombenleger von Boston, Live-Polizeifunk inklusive. „Bitte“, baten die US-Behörden hilflos, „twittert keine Details, die dem Täter helfen“.

Gladbeck heute? Das hieße: Liveticker, Livebilder, Bewegungsprofile in Echtzeit, Tausende Tweets, Polizeifunk für alle und stundenlange TV-Sondersendungen. „Früher konnten wir bei der Bundespost einfach den Stecker ziehen, und Geiselnehmer waren von der Außenwelt abgeschnitten“, sagt der Düsseldorfer Polizeidirektor Bernd Heinen. Das geht im Web 2.0 nicht mehr. Und Interviews mit den Tätern? Gäbe es wohl nur deshalb nicht, weil der Tatort besser abgesperrt wäre.

Verantwortlicher Journalismus zeigt sich weiterhin am Einzelfall. Wie soll man umgehen mit Anders Breivik, der sich nur allzu gern als Widerstandskämpfer inszenierte? Wie mit dem Handyvideo des Mannes, der in London auf offener Straße einen Soldaten tötete und mit blutverschmierten Händen seinen Hass in die Welt brüllte?

„Ich bin überzeugt, dass alle Journalisten eine Art moralische Glühbirne haben“, sagt der Medienethiker Alexander Filipovic. „Aber es ist nicht einfacher geworden, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die beruflichen Bedingungen stehen der ethischen Reflexionskompetenz oft entgegen. Der Zwang, Geschichten zu liefern, um seinen Job zu behalten, macht moralisches Handeln von Medien so schwierig.“

War Gladbeck ein heilsamer Schock? „Da bin ich skeptisch“, sagt der Journalist Peter Henning, der den Skandal in seinem Roman „Ein deutscher Sommer“ verarbeitet hat. „Wenn ein junger Journalist heute losgeschickt wird, und in der Breiten Straße in Köln steht wieder so ein Auto, dann sähe er dort nicht nur 200, sondern 400 Journalisten.“

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