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Medien & TV „Keinem sagen, dass ich Jude bin“
Nachrichten Medien & TV „Keinem sagen, dass ich Jude bin“
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00:15 26.01.2015
Von Jan Freitag
Aus dem ZDF-Drama „Mut der Verzweiflung“: Hugo Egon Balders Mutter, Gerda Leyserson (Magdalena Plyszewska), in Theresienstadt. Quelle: ZDF/dpa
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Herr Balder, die Zuschauer haben Sie selten so ernst erlebt wie in „Mut der Verzweiflung“, wo Sie von Ihrer jüdischen Familie im Holocaust erzählen. Ist das eine neue oder nur unbekannte Facette?

Wie die meisten Menschen habe auch ich ein privates und ein öffentliches Gesicht. So ernst ich im Alltag sein kann, ist es wirklich selten, dass ich beruflich nichts Lustiges mache.

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Ist dies der Grund, warum das ZDF einen Komikern zum Erzähler einer Sendung zum 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung gemacht hat?

Ich vermute schon. Die Fallhöhe, dass ein lustiger Vogel wie ich so bittere Dinge aus unserer Vergangenheit schildert, fanden die Redakteure wohl interessant.

Und woher wussten die das?

Vermutlich haben sie die Sendung „Vorfahren gesucht“ im WDR gesehen, wo ich vor ein paar Jahren mit Rechercheuren auf die Suche nach meiner Verwandtschaft im Holocaust gegangen bin. Dabei habe auch ich vieles erfahren, was mir bis dahin nicht bewusst war. Vor allem über meine Mutter, die ja Theresienstadt überlebt hat.

Bei Ihnen zu Hause war das kein Thema?

Nie! Ich wusste zwar schon als Kind, dass meine Oma, meine Mutter und mein Bruder im KZ saßen, aber darüber hat keiner offen gesprochen, im Gegenteil: Wenn mein Vater über den Krieg erzählt hat, klang das wie ein großes Abenteuer.

Die typische Realitätsblockade der Nachkriegsgesellschaft.

Ganz genau. Bis zur WDR-Dokumentation hatte ich zum Beispiel keine Ahnung, dass mein Vater, dessen Schilderung jener Jahre immer so lustig war, zwölfmal in Gestapo-Haft war und mein Bruder siebenmal. Oder unter welchen Umständen es meiner Mutter gelungen ist, die Lagerhaft zu überstehen. Ein Grund dafür war anscheinend, dass sie gelernte Kindergärtnerin war, denn die wurden im Vorzeige-KZ Theresienstadt dringend benötigt, um den Anschein der Humanität zu erwecken.

Was machen diese Erkenntnisse mit einem Spätgeborenen wie Ihnen?

Genau diese Frage hat sich auch das ZDF gestellt, dem es mit der Sendung eben nicht darum geht, zum 5000. Mal die Schicksale der Nazi-Zeit nachzuerzählen, so wichtig das ist. Wichtiger war darzustellen, wie diese Schicksale und ihre Erzählung das Leben nachgeborener Generationen geprägt haben. Und da fängt man wirklich noch mal ganz neu an, über sich nachzudenken, und erlangt im Idealfall sogar Erkenntnisse, warum man so geworden ist, wie man ist.

Welche sind das in Ihrem Fall?

Ich bin ein sehr pragmatischer, nüchterner Mensch, der wenig nach außen trägt. Was mir von außen gern als Oberflächlichkeit, gar Arroganz ausgelegt wird, habe ich ohne Frage von meiner Mutter, die ihre Vergangenheit auch mit sich selbst ausgemacht hat. Sie hatte halt einen Strich unter ihre Vergangenheit gezogen. Hätte sie sich dagegen von Anfang an geöffnet, wäre ich womöglich ein anderer. Vielleicht hätte ich sogar einen anderen Beruf als Komiker.

Waren Ihre Eltern denn humorbegabt?

Absolut, ich hatte sogar eine heitere Kindheit. Mein Vater hatte neben seinem eigentlichen Beruf als Textilhändler rund 25 Berufe bis hin zum Film- und Theaterkritiker. Deshalb kannte er zum Beispiel Leute wie Werner Fink und ging regelmäßig ins „Kabarett der Komiker“ in Berlin. So was erklärt natürlich einiges über meinen späteren Werdegang, obwohl meine Persönlichkeit eher von meiner Mutter geprägt wurde.

Weshalb Sie unter anderem nie weinen.

In der Tat, ich mache alles mit mir aus.

Haben Sie auch nie geweint, als Sie dem Schicksal Ihrer Eltern näher kamen?

Innerlich schon, aber nie äußerlich.

Ist es im Rückblick zum Heulen oder Aufbegehren, was Ihrer Familie widerfuhr?

Zu beidem und doch unbeschreiblich. Ich bin nach Theresienstadt gefahren, um mir ein eigenes Bild davon zu machen. Das holt einen insofern auf den Boden zurück, als man merkt: Bei allem Scheiß, der auch jetzt wieder in aller Welt passiert, geht’s uns doch vergleichsweise gut. Auch das hat mir meine Mutter mit auf den Weg gegeben. Ob nun Liebeskummer oder andere Schwierigkeiten - wann immer ich Probleme hatte, sagte sie mir: Du kannst dir gar nicht vorstellen, was der Mensch alles aushalten kann. Heute ist mir klarer, was sie meinte.

Hat sie Ihnen auch auf den Weg gegeben zu kämpfen, falls sich so etwas wiederholt?

Nee. Sie hat mir mit auf den Weg gegeben, keinem zu sagen, dass ich Jude bin.

Sind Sie das denn?

Kein praktizierender, aber meine Mutter ist Jüdin, also bin ich auch einer.

„Auschwitz und ich“

Am Dienstag kommender Woche jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 70. Mal. ARD und ZDF widmen sich dem Thema mit einer Flut von Beiträgen in TV, Radio und Internet. Den Auftakt eines Schwerpunkts im Ersten bildet Sonntagabend um 21.45 Uhr die Sendung „Günther Jauch“, in der Auschwitz-Überlebende zu Gast sein werden. Am Montag um 22.45 Uhr zeigt die ARD dann „Die Story im Ersten: Ich fahre nach Auschwitz“. Die Dokumentation begleitet Deutsche während und nach ihrem Besuch in der Gedenkstätte. Anschließend steht die internationale Koproduktion „Night Will Fall“ auf dem Programm. Sie zeigt die schockierenden Bilder, die die Alliierten bei der Befreiung der Konzentrationslager drehten, um die Vernichtungspolitik der Nazis zu beweisen. Der Regisseur Alfred Hitchcock wurde damals gebeten, das Rohmaterial zu montieren. Der Film verschwand jedoch in den Archiven und wurde erst sieben Jahrzehnte später rekonstruiert.

In der Nacht zum 27. Januar läuft im Ersten „7 Tage... Auschwitz – ein musikalisches Experiment“. Die Autoren porträtieren ohne Kommentar und mithilfe der Musik des polnischen Komponisten Vladyslav Sendecki Menschen, die in der Gedenkstätte Auschwitz arbeiten. Am Jahrestag berichtet das ZDF ab 9 Uhr live von den Gedenkveranstaltungen in Auschwitz-Birkenau und Berlin. In Auschwitz werden mehrere tausend Menschen erwartet, darunter Bundespräsident Joachim Gauck und der französische Präsident François Hollande. Schon seit einem Jahr ist die Website zum Projekt „Auschwitz und ich“ online, die NDR und ARD mit der Erinnerungsstiftung Auschwitz-Birkenau ins Leben gerufen hat (www.auschwitzundich.ard.de). Dort schildern deutsche Jugendliche, Politiker und Prominente, wie sie das ehemalige Konzentrationslager erlebt haben. „Wir hoffen, dass wir viele Menschen dazu bringen, eine solche Reise zu machen“, sagt der ARD-Beauftragte Jürgen Meier-Beer. „Ich kenne keinen, der da gewesen ist und nicht sagt: ,Ich habe etwas Wichtiges über mich gelernt.’“

Interview: Jan Freitag

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