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Medien & TV Kopf hoch in der neuen Welt
Nachrichten Medien & TV Kopf hoch in der neuen Welt
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14:31 05.09.2011
Von Imre Grimm
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Berlin

Das Fernsehbild flackert. Seit Wochen schon. Die Ausstrahlung neuer Digitalradioprogramme stört vielerorts den analogen ARD-Empfang. Tausende Kunden sind genervt: Die gute, alte ARD ist plötzlich wieder schwarz-weiß wie 1958 – wie passt das zusammen mit den Heilsversprechen der Elektronikbranche, die auf der Funkausstellung in Berlin gerade wieder aus allen Boxen dröhnen?

Wie passt es zusammen mit 3-D-Fernsehen, Smartphones mit Augmented Reality, HDTV und Smart-TV? Antwort: gar nicht. In Wahrheit klaffte schon immer eine Lücke zwischen den schrillen Slogans einer überdrehten Branche und dem ernüchternden Alltag des Konsumenten, der sich oft genug leise fluchend auf Knien vor dem Kabelgewirr hinter seiner Glotze wiederfindet.

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Die Unterhaltungselektronik schlägt ihren ganz eigenen, unbarmherzigen Takt. Zwischen VHS-Kassette und DVD lagen noch 20 Jahre, zwischen DVD und Blu-ray nur noch sechs: Das Publikum soll sich bitte beeilen mit dem Kauf immer neuer Systeme. In Kürze werden wir Internetinhalte auf dem Fernseher abrufen können, wir werden Fernseher mit dem Smartphone steuern und das TV-Bild, wenn wir nichts verpassen wollen, mal kurz zum iPhone beamen, solange wir gerade in Richtung Küche unterwegs sind. Fernsehgerät, Computer, Filmdatenbanken, Rekorder und Musikanlage werden eins, die Inhalte kommen per Stream oder Download aus der „Cloud“ und alles rotiert um uns herum, bis zu 24 Stunden am Tag.

Ist das cool? Haben die anderen das auch?

Macht uns das glücklicher? Viele spüren schon ein Gefühl einer Überforderung; bei manchen gerät es zu Scham. Wer traut sich noch zu sagen, dass er nicht genau weiß, wie „Twitter“ funktioniert? Dabei gibt es in der Flut von Hypes nur eine Regel: Mut zur Lücke! Schritt zurück, Kopf heben, durchatmen und fragen: Brauche ich das wirklich? Brauche ich einen Blu-ray-Player (nein)? Ist 3-D-Fernsehen sensationell (nein)? Bringt HD-Fernsehen einen Fortschritt (ja)? Brauche ich ein iPad (probieren Sie's aus) Der Maßstab kann dagegen nicht sein: Gilt das als cool? Haben die anderen das auch? Ist ein Apfel drauf?

Viele jüngere Nutzer missverstehen den Grad der Digitalisierung ihres Alltags als Ausweis ihrer Gegenwartskompetenz, sogar als Nachweis ihrer Überlegenheit gegenüber dem immer noch konventionell kommunizierenden Mitmenschen. In Wahrheit aber ist niemand ein besserer Mensch, weil er twittert. Und kein Gedanke ist klüger, weil er bei Facebook kursiert. Und noch nie in der Geschichte hat eine Mikrowelle mit integriertem TV-Monitor irgendein Problem gelöst. Wer braucht einen Kühlschrank mit Webanschluss? Wer ist zu blöd, selbst zu merken, wenn die Butter alle ist?

Ein trauriges Bild: Pixel satt Panorama

Die Zukunft gehört einer Hochtechnologie, die für die Menschen da ist. Die Gegenwart gehört vielfach noch der Technik um der Technik willen, bei der die Kunden als unbezahlte Betatester für unausgereifte Software dienen. Eine der meistbenutzten iPhone-Apps ist die App zum Herunterladen von noch mehr Apps. Die Sache kreist um sich selbst. 3-D-Fernseher im Wohnzimmer sind wie beleuchtete Pfeffermühlen: Nett, dass es das gibt – aber wer braucht das wirklich? Eine Til-Mette-Karikatur bringt's auf den Punkt: Ein Ehepaar guckt Farbfernsehen, beide glotzen auf ihre Telefone. „Wow?...“, sagt die Frau, „man kann die Sendung auch in Schwarz-Weiß und ohne Ton auf meinem Smartphone sehen.“

Längst nicht alles, was geht, ist sinnvoll. Und längst nicht alles, was sinnvoll wäre, geht. Ein einheitlicher Standard für Internet auf dem Fernseher beispielsweise ist überfällig, ebenso die Möglichkeit, endlich auch in Deutschland legal auf dem Handy fernsehen zu können.

Das Tempo der Digitalisierung hat einen interessanten Gegentrend ausgelöst: Wir erleben eine kleine Renaissance des Analogen. Der Markt quillt über von Retro­zubehör fürs iPhone, von Lautsprechern in Röhrenradio-Optik, von Foto-Apps, die historische Kameras und Effekte simulieren. Hier spürt man die geheime Sehnsucht der Generation Bionade nach den guten, alten Dingen.

Im „stern“ ist ein Bild zu sehen, auf dem eine Wandererin ein iPad vor ein atemberaubendes Bergpanorama hält. Eine App verrät ihr, wie die einzelnen Alpengipfel heißen. Es ist ein trauriges Bild. Der Mensch glotzt auf die verglaste Pixellandschaft, während ringsum die Natur leuchtet. Noch sind wir im Dreieck Mensch Natur Technik in der Findungsphase. Viele starren mit großer Faszination auf ihre kleinen mobilen Geräte. Die ersten prallen schon mal hier und da gegen einen Laternenmast – und lernen prompt, dass es gut wäre, mal wieder den Blick zu heben.

Imre Grimm

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