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Medien & TV Liebe Goldene Kamera …! – Ein Abschiedsbrief
Nachrichten Medien & TV Liebe Goldene Kamera …! – Ein Abschiedsbrief
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11:03 07.09.2019
Es ist vorbei: Die Goldene Kamera wird 2020 nach 55 Jahren TV-Geschichte sein.
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Liebe Goldene Kamera,

das war’s also für dich. Schluss, aus. Nach 55 Jahren ziehen sie dir den Stecker – und schieben dich vom richtigen Fernsehen ins Internet ab. Und wir wissen beide: Das ist das Ende. Für alternde Zirkuspferde wie dich ist das Netz nur noch ein digitales Abklingbecken. Ein Gnadenhof. „Youtube Goldene Kamera Digital Award“? Ernsthaft? 2020 gibt’s noch eine letzte Abschiedsparty mit Thomas Gottschalk als diensthabendem Bestatter, dann ist es vorbei.

Und seien wir ehrlich: Es ist gut so. In den letzten Jahren wirktest du wie eine Mischung aus Uli Hoeneß’ 100. Geburtstag und dem 75-jährigen Jubiläum eines mittelständischen Getränkelieferanten.

Kein Sternenstaub, eher Zwiebackkrümel

Es gab eine Zeit, da dürstete das Land nach Glamour und Glitzer, nach Diven mit Bienenkorbfrisuren und Schnulzensängern mit Samtrevers. Jahrelang warst du mit deiner großen Schwester Bambi das emotionale Stützkorsett der pubertierenden Republik. „The Glitz“ nennen sie in Hollywood die Essenz einer Show, diese unerklärliche, magische Zutat, eine Art Sternenstaub. Bei dir gab’s keinen Sternenstaub. Bei dir gab’s eher Zwiebackkrümel. Deutscher ging es kaum. Dir war immer auch der wohlige Schauer der eigenen Bedeutung wichtig beim dramaturgischen Spagat zwischen Heidi Klum und Lepra in Pakistan, zwischen Justin Bieber und dem Waldsterben.

Es herrscht einfach ein Mangel an Stars in diesem Land. Immer saß da Mario Adorf. Und Uschi Glas. Und Sky du Mont. Und Veronica Ferres. Und die Klitschkos. Man alterte gemeinsam und fand’s auch nicht schlimm, wenn Gisela Schneeberger mal kurz vergaß, wofür’s diesmal einen Preis gab („Äh, wie hieß der Film noch mal?“). Natürlich: Lieber Scarlett Johansson bei einem 60-Sekunden-Routineauftritt als Sophia Thomalla drei Stunden beim Improvisieren. Aber es ist halt blöd, wenn Ralf Schmitz Denzel Washington und Morgan Freeman verwechselt.

Bettschweres Stammpublikum im Dämmerschlaf

Aber, liebe Goldene Kamera, die Zeiten, als allein die Anwesenheit von wortkargen US-Stars das deutsche Publikum in Ehrfurchtstarre versetzte, sind lange vorbei. Eine eiskalt lächelnde (und gern kassierende) Charlize Theron reicht eben nicht mehr aus, um das bettschwere Stammpublikum aus dem Dämmerschlaf zu reißen. Mit Mietglamour aus Hollywood gewinnst du im Instagram-Zeitalter keinen Blumentopf mehr. Längst wirkt ja der gesamte globale Promikosmos wie eine niemals endende Poolparty mit einem Schuss Charity.

752 Goldene Kameras schmücken seit 1966 die Trophäenschränke in aller Welt. Manchmal gingst du an unsterbliche Helden (Heinz Rühmann, Rudi Carrell, Gert Fröbe) – manchmal an längst vergessene Teilzeitprominenz (wer war noch mal Dieter Zilligen? Und Giuliana De Sio? Und Hans Hubberten?). Aber das ist das Schicksal jedes Medienpreises, von denen es allein in Deutschland mal 17 Stück gab: Wer dieses Jahr ein Superstar ist, kann nächstes Jahr schon ein Fall für die Rubrik „Was macht eigentlich …?“ sein.

Sechs Gründe, warum dein Aus überfällig war:

  • Erster Grund: Dir fehlte immer die Lockerheit. Ohne den Mut, sich über sich selbst zu amüsieren, wirkt man schnell albern. Du warst eben eine deutsche Fernsehgala. Da war Spaß zweitrangig. Du meintest das alles sehr, sehr ernst. Immer ging es dir um die ganz große Geige, um staatstragende Gewichtigkeit, um Krokodilstränen zu Kinderelend und Weltrettung mit Goldkante. Die Erde war ein Jammertal, aber dann kamst du. Und dann muss natürlich der Graf von Unheilig mit einem Kinderchor „Imagine“ singen, herrje. Ach nee, das war beim Bambi.
  • Zweiter Grund: Dir ging es nur scheinbar um die gute Sache. Goldene Kamera und Bambi sind vor allem Jahrestreffen der Bussi-Community – und schnurrende Contentgeneratoren für die ewig hungrige Klatschmaschinerie. Es ging um Verlags-PR. Wenigstens einmal im Jahr wollte man so tun, als sei man als Verleger der ganzjährig umschwärmte Impresario in einem schillernden Kosmos aus Supermodels und High Performern. Die „gute Sache“ ist da nur Mittel zum Zweck. „Schärriti“ ist das notwendige Übel für die eigene Legitimation. Die Goldene Kamera, die Springer 2014 ohne großes Bedauern mitsamt seinem Mutterorgan „Hörzu“ an Funke abstieß, war schon klinisch tot, als die Essener zuschlugen. Sie wussten nie richtig, was sie mit dir anfangen sollten.
  • Dritter Grund: Drei Stunden Werbung um 20.15 Uhr? Keine gute Idee. ARD (Bambi) und ZDF (Goldene Kamera) bliesen die Verlagspartys von Burda und Springer/Funke bereitwillig in alle Welt. Warum noch mal durften sich private Medienunternehmen Jahr für Jahr mit einer mehrstündigen Dauerwerbesendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen feiern? Weil die Galas anno dazumal mal günstigen Glitzercontent lieferten. In den Sechzigern war das ein Win-win-Geschäft. Lange her. Aber in Traditionsfragen sind ARD (Bambi) und ZDF (Goldene Kamera) beharrlicher als die CSU.
  • Vierter Grund: Du botest zu wenig Überraschendes. Die Choreografie eines solchen Abends steht ungefähr seit 1960 fest: der routiniert-abgeklärte bis gelangweilte Moderator, die schüchterne Nachwuchsschauspielerin, diverse Geigen und zum Schluss Rührung im Stehen, gern mit Altstar. Nur die Gesichter und Rubriken wechseln. Je nachdem, wer gerade auf PR-Tour ist. Oder – wie Sänger Sascha irgendwann zwischendurch mal sagte: „Bitte was? Ich war kurz eingenickt.“
  • Fünfter Grund: Du hast an Relevanz verloren. Es ist schon sehr lange her, dass Springers „Hörzu“ mal Leitmedium in Sachen Fernsehen war oder Burdas „Bunte“ alleiniges Zentralorgan der deutschen Schickeria. Wie zwei angeschickerte Altdiven, die mit ihren Stilettos in der Hand weinselig und orientierungslos durch die Reste einer Party huschen, hieltest du, Goldene Kamera, mit Burdas 18 Jahre älterem Bambi im deutschen Fernsehen die Stellung. „Wetten, dass …?“, den „Deutschen Fernsehpreis“ und die „Krone der Volksmusik“ hat’s längst zerrissen. Es war Zeit, das Ende einzuläuten. Und auch dem waidwunden Reh gehört allmählich der Gnadenschuss verpasst.
  • Sechster Grund: Du hast dich blamiert. Das ist natürlich bitter, wenn sich die Restbranche dann auch noch über dich beömmelt. Wie 2017, als Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf den falschen Ryan Gosling schickten – in Wahrheit ein Koch aus München. Wie Marcel Reich-Ranicki einst grantelte: „Köche, Köche, Köche!“ Das war allerdings beim „Deutschen Fernsehpreis“. Und es ist natürlich auch doof, erst Greta Thunberg einen Preis als Klimaretterin zu verleihen – und dann ein fettes SUV zu verlosen.

Es gab auch große Momente

Gewiss, liebe Goldene Kamera, du hattest große Momente. 1999 etwa, als Herbert Grönemeyer erstmals nach dem Tod seiner Frau Anna und seines Bruders Wilhelm wieder öffentlich auftrat. Oder dann 2006, als Rudi Carrell, vom Krebs gezeichnet, ganz allein auf der Bühne Abschied nahm, mit dünnem Stimmchen und großem Herzen. „Es war eine Ehre, in diesem Land und vor diesem Publikum Fernsehen machen zu dürfen“, sagte Carell damals. Unvergessen.

Nun aber erleidest du das Schicksal deines Mutterblattes „Hörzu“: Du bist aus der Gegenwart gefallen, wirktest schrullig wie ein Grammofon mit Spitzendeckchen und hast dich zuletzt sogar selbst mit dir gelangweilt. Wenn schon die genervte Entertainmentfamilie an einem Goldene-Kamera-Abend so amüsiert wirkte wie auf dem 70. Geburtstag eines nervtötenden Onkels – warum sollte dein Publikum das anders sehen, das Geleebanane und Erfrischungsstäbchen knabbernd der verlorenen Zeit nachweinte? „Ich sitze hier schon ziemlich lange“, sagte Morgan Freeman mal gegen Ende – mit einer Coolness, die nur Morgan Freeman draufhat.

Das Aus für die Goldene Kamera ist Symptom einer Revolution: Das Fernsehen, wie es einmal war, gibt es nicht mehr.

Von Imre Grimm/RND

Nach 55 Jahren ist es vorbei mit der Goldenen Kamera als großer TV-Gala. Doch es gibt Momente, die wir nicht so schnell vergessen werden.

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