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Medien & TV Martin Kesici: Vom Leben als Eintagsfliege
Nachrichten Medien & TV Martin Kesici: Vom Leben als Eintagsfliege
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18:51 23.09.2009
Martin Kesici
Martin Kesici Quelle: Nancy Heusel
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Die Schlagzeile traf Martin Kesici damals mit Wucht. Kaum hatte er das Viertelfinale von „Star Search“ (SAT.1) gewonnen, da ahnte er, welchen Preis er für seine Popularität würde zahlen müsse. Offenbar gab es bei SAT.1 „Maulwürfe“, die die Boulevardpresse gezielt mit Informationen über die Kandidaten versorgten – auch mit solchen, die geeignet waren, Karrieren zu zerstören. Jedenfalls begannen die Buchstaben vor seinen Augen zu tanzen, als er am Tag danach die Zeitung aufschlug. „Darf so einer Deutschlands neuer Superstar werden?“, titelte die „Bild“.

Die Öffentlichkeit erfuhr in diesem Bericht etwas, was bis dahin kaum einer gewusst hatte, nicht einmal sein eigener Vater. Dass nämlich Kesici vorbestraft war wegen Drogenbesitzes. „Ich war von da an eben der Hasch-Martin“, sagt der 36-Jährige. Das war 2003. Der Berliner sollte die Show zwar als Sieger verlassen. Die Plattenfirma Universal produzierte mit ihm immerhin noch zwei Alben und fünf Singles. Doch danach erging es ihm wie all den anderen Einweg-Popstars: Er verschwand wieder von der Bildfläche.

Jetzt ist er wieder zurück. Zusammen mit Markus Grimm, einem Leidensgenossen aus der Kaderschmiede „Popstars“ (PRO7), hat er ein Buch über seinen Aufstieg und Absturz geschrieben. Es heißt „Sex, Drugs & Castingshows“ und gewährt einen Blick hinter die Kulissen der Castingshows wie „Popstars“, „Star Search“ oder „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS). Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass die Autoren der Schattenseite der Popularität deutlich mehr Platz einräumen als der Party, zu der ihr Leben zwischenzeitlich geworden war.

Anders als in den USA haben die Castingshows hierzulande noch keinen einzigen Star hervorgebracht, der sich auch ohne die Schubkraft des Fernsehens behauptete. Die Arbeit an dem Buch sei für ihn eine Form der Therapie gewesen, sagt Kesici. Sie habe ihm geholfen, sich aus dem Loch zu hangeln, in das er gestürzt war, nachdem Universal den Plattenvertrag 2006 vorzeitig gekündigt hatte.
Was vielleicht erklärt, warum sich das Buch bisweilen wie die Abrechnung zweier Jungs liest, die immer noch staunend, aber zutiefst beleidigt feststellen, dass sie Opfer ihrer eigenen Naivität geworden sind. Der Mythos der am Fließband gecasteten Popstars, er ist längst brüchig geworden. Dass die Kandidaten ihre Würde am Eingang des TV-Studios abgeben, weiß inzwischen jedes Kind. Was genau das mit den Kandidaten anrichtet, konnte man bislang aber nur erahnen. Nachfragen verliefen im Sand. Die Betroffenen ließen sich verleugnen. So entstanden Gerüchte. Es hieß, die Produktionsfirmen hätten sich ihr Schweigen erkauft.

Martin Kesici und Markus Grimm wollen von derlei Klauseln nichts wissen. Im Anhang des Buches veröffentlichen sie sogar ihre Verträge mit den Platten- und TV-Produktionsfirmen – im Fall von Markus Grimm ein schönes Beispiel für postmoderne Sklaverei. Das Geld, das er in den Monaten nach dem Finale mit seiner Band „Nu Pagadi“ mit Auftritten verdient, kassieren andere. Nach dem Finale ist er so pleite, dass er seiner Familie nicht mal Weihnachtsgeschenke kaufen kann.

Auch sonst reden die Autoren Klartext. Von zugemüllten VIP-Stretchlimousinen, die nicht bis zum roten Teppich heranfahren können, weil sich die Türen kaum noch öffnen vor lauter leerer Fast-Food-Tüten ist da die Rede. Vom Alkohol, der Martin Kesici half, sein Dasein als „Karaokesänger“ zu ertragen, wenn er, der angebliche „neue Jon Bon Jovi“, Schnulzen für seine Plattenfirma einsingen muss. Von dem Schock über die Reaktion der Plattenfirmen, bei denen er nach dem Rauswurf bei Universal anklopft: „Du bist mit deinem Namen verbrannt.“ Und am Ende auch von der Angst vor der Häme der Masse. Sie wird so stark, dass sie sich alleine nicht mehr in den Supermarkt trauen. Solche Momentaufnahmen machen dieses Buch lesenswert. Es sind Protokolle eines geplatzten Traumes.

Zweieinhalb Jahre lang, sagt Martin Kesici, haben die beiden verhinderten Stars daran gearbeitet. Er ist jetzt 36. Über seiner Jeans wölbt sich ein kleiner Bauch, doch man erkennt ihn noch immer an seinem Markenzeichen, dem Bart, den er zu zwei Zöpfen geflochten hat. Der „Kinnteufel“, wie ihn SAT.1-Moderator Kai Pflaume genannt hat, scheint wieder ganz der Alte zu sein. Selbstbewusst, dickköpfig. Er sagt, ohne seine – inzwischen getrennt von ihm lebende – Freundin hätte er das Tief nicht überwunden. „Sie hat gesagt: „Jetzt ist Schluss, Freundchen. Jetzt machste mal wieder Musik.“
2010 erscheint sein erstes eigenes Album, diesmal bei einem kleinen Label. Er ist jetzt sein eigener Manager. Er habe seine Kontakte aus der Zeit nach „Star Search“ aktiviert, um sich selber ein Netzwerk aufzubauen, sagt er. Er zehre immer noch von den 300.000 Euro, die er durch den Sieg bei der Castingshow verdient habe. Insofern seien es keine verlorenen Jahre gewesen. Was man eben so sagt, wenn man wieder in den Spiegel gucken mag, weil der Verliererstempel auf der Stirn langsam verblasst.

Fragt man Kesici, warum das Buch erst jetzt erscheint, stöhnt er laut auf. Er sagt, ein Jahr lang habe er sich auf der Suche nach einem Verlag die Hacken abgelaufen. Doch die meisten hätten abgewinkt. „Die haben alle gesagt: Schönes Buch – aber zu heiß.“

Bedenken, die nicht unberechtigt ist. Ungeniert lästern die Autoren über Musiker, Manager und Moderatoren. Um sich gegen mögliche Klagen zu sichern, hat ihr Verlag, der riva-Verlag in München, das Buch an einigen Stellen mit Zeichen geschwärzt. So hat er es schon mit der Bushido-Biografie gehandhabt, die er 2008 veröffentlichte. Die Namen zu den Zeichen tauchten später im Internet auf, ohne Hinweis auf den Urheber. Martin Kesici lächelt maliziös. So werden sie es auch machen. Wie man mit den Medien spielt, hat er gelernt.

Martin Kesici, Markus Grimm: „Sex, Drugs & Castingshows“. riva-Verlag, 17,90 Euro.

von Antje Hildebrandt