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Medien & TV Neustart in der „Todeszone“
Nachrichten Medien & TV Neustart in der „Todeszone“
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22:56 06.03.2012
Von Imre Grimm
Foto: Zum Lachen in den Quotenkeller: Thomas Gottschalk.
Zum Lachen in den Quotenkeller: Thomas Gottschalk. Quelle: ARD
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Hannover

Gut, die Sache läuft also nicht. Punkt. Man muss jetzt gar nicht mehr ewig darüber fachsimpeln, dass es Quatsch war, einem Mann wie Thomas Gottschalk nur ein paar klatschende Mittzwanziger-Medienfrischlinge ins Studio zu setzen statt eines echten Publikums. Dass eine Late-Night-Show am Vorabend nicht funktioniert. Dass der gewollte Werkstattcharakter seines ARD-Desasters „Gottschalk live“ zu viel „Werkstatt“ ist und zu wenig „Charakter“. Dass die ganze Sache für ältere Zuschauer zu twitterig ist und für junge Zuschauer zu sentabergig. Und dass der 61-Jährige, der sich da Abend für Abend in seinem bunten Loft im Berliner Humboldt-Carré durch die 30 Minuten schleppt, seltsam krampfig und altväterlich wirkt. Nicht wie das Original. Sondern wie eine chinesische Raubkopie von Thomas Gottschalk.

Strich drunter. Es muss etwas geschehen. Und es geschieht etwas. Denn jetzt geht es nicht mehr nur um die gefühlte Lage, um Standfestigkeit im Stahlgewitter. Jetzt geht es um Geld: Gottschalk verliert nicht nur Zuschauer – auch die Werbeeinnahmen sinken. Zum Start der Show am 23. Januar lagen sie noch bei 369.000 Euro pro Sendung. Nach internen Berechnungen aus der Werbewirtschaft spielte die Sendung vom 16. Februar nur noch 256.000 Euro ein. Drei Tage zuvor hatte die ARD-Werbetochter AS&S die Preise pro Spot um 30 Prozent gesenkt – aufgrund der „aktuellen Situation“, wie es hieß. Neun Prozent Marktanteil hatte man den Werbekunden versprochen – tatsächlich lag die Quote selten über fünf Prozent. „Gottschalk live“ ist die Griechenland-Krise der ARD.

Die Zahlen in der abgelaufenen Woche waren so bitter wie nie zuvor: Knapp über eine Million Menschen schalteten ein. Im Winter hatte sich Gottschalk öffentlich „zweistellige Marktanteile“ gewünscht – ein ferner Quotentraum. Und: Der „Gottschalk live“-Zuschauer ist im Schnitt 66 Jahre alt – nicht gerade die Traumzielgruppe für Markenartikler.

Hinter den ARD-Kulissen zerreiße man sich bereits das Maul über den „Dead Man Talking“, meldete der „Spiegel“. Mit einem Star wie Gottschalk ist es eben wie mit einem Bundesliga-Stürmer: Wenn er ein paar Spiele nicht getroffen hat, beginnt das Minutenzählen.
Heute Abend geht Gottschalks 25. Sendung über die Bühne. Nun sollen gleich mehrere Neuzugänge dem glücklosen Knipser ein paar brauchbare Flanken in den Strafraum schicken: Am 19. März startet „Gottschalk live“ mit einem veränderten Konzept neu. Regie führt dann Frank Hof, der mit Gottschalk schon bei „Wetten, dass ...?“ zusammengearbeitet hat, berichtet der Branchendienst dwdl.­de. Gottschalk bekommt künftig ein kleines Publikum, der Ticketverkauf läuft bereits an. Neuer Redaktionsleiter ist seit Monatsbeginn ein anerkannter Experte für Lifestyle-Journalismus: Der Österreicher Markus Peichl (53), einst Chefredakteur des „Wiener“ und Mitbegründer von „Tempo“, dann Medienberater, Talkshow-Erfinder („0137“ auf Premiere) und von 2003 bis 2007 Leiter der „Beckmann“-Redaktion, soll „Gottschalk live“ retten.

„Thomas ist wie ein Auto, das locker 300 PS schafft, im Moment aber nur 40 auf die Straße bringt“, sagte Peichl in einem „Spiegel Online“-Interview. „Jetzt muss die Redaktion an den richtigen Schrauben drehen.“ Es gebe kein klares Konzept, rügte er. „Mal führt er Gespräche, mal kommentiert er das Tagesgeschehen. Mal gibt es Einspielfilme, mal keine. Mal kommen Superpromis ins Studio, mal Unbekannte. Der Zuschauer muss wissen, was ihn erwartet.“

Der Witz ist ja, dass die ARD genau diesen von Peichl gerügten Alles-ist-möglich-Stil einst als das Erfolgsrezept für „Gottschalk live“ verkauft hatte. Bis Herbst soll sich der Relaunch auf die Quoten auswirken. Erste Amtshandlung von Peichl: Er ließ zur Motivation der Redaktion eine DVD mit den gelungensten Momenten der ersten Shows zusammenstellen. Eine Doppel-DVD ist es dem Vernehmen nach nicht geworden.

Flucht nach vorn also: Die Redaktion verschwindet aus dem Studio-Loft. Die halbherzigen Social-Media-Aktivitäten werden zurückgefahren. Web-2.0-Blondine Caro Danz, die zum Bindeglied zwischen Webwelt und TV werden sollte, ist künftig nicht mehr im Bild. Gottschalks Schreibtisch wird um 90 Grad gedreht. Über einen Sidekick, einen Stichwortgeber also, der mit Gottschalk Verbal-Pingpong spielt, denkt man nach.

Die Frage ist, ob ein gedrehter Schreibtisch, ein Studiopublikum und Markus Peichl den Schaden gutmachen können, der bereits entstanden ist. Gottschalk selbst bleibt äußerlich gelassen: „Mein persönliches Glück hat nichts mit meiner Quote zu tun“, sagte er in Frank Plasbergs Talkshow „Hart aber fair“ (Thema: „Berühmt um jeden Preis – wie viel Öffentlichkeit verträgt der Mensch?“). Das Problem ist bloß: Das persönliche Glück der ARD am Vorabend hat sehr wohl etwas mit der Quote zu tun. In der Plasberg-Sendung musste sich Gottschalk dann später vom ehemaligen „Dschungelkönig“ Ross Anthony loben lassen. Der mache das doch ordentlich, der „Thommy“, sagte der RTL-Blondschopf gravitätisch. Da konnte man fast Mitleid bekommen mit dem 61-jährigen Show-Veteranen. Erst 15 Millionen Zuschauer bei „Wetten, dass ...?“ – und jetzt ein Lob von einem RTL-B-Promi. Das Leben kann so grausam sein.

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