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Medien & TV Oliver Kalkofe: "Alles ist noch viel dümmer und langweiliger als gedacht"
Nachrichten Medien & TV Oliver Kalkofe: "Alles ist noch viel dümmer und langweiliger als gedacht"
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07:45 27.03.2013
Foto: In der neuen Tele-5-Show "Nichtgedanken" liest TV-Entertainer Oliver Kalkofe aus Promi-Biografien vor.
In der neuen Tele-5-Show "Nichtgedanken" liest TV-Entertainer Oliver Kalkofe aus Promi-Biografien vor. Quelle: dpa
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Hannover

Sie lesen auf Tele 5 aus Biografien vermeintlich Prominenter vor. Warum?

Wir haben rumgesponnen und uns gefragt, was es früher für Formate gab, die nicht nur von der Quote geprägt waren. Irgendwie kamen wir auf die „Nachtgedanken“ von Hans Joachim Kulenkampff, was für sich genommen höchst sinnfrei war: Ein Mann sitzt an einem Tisch und liest Literatur vor. Es kam die Idee, dass mit der Literatur zu machen, mit der wir alle bombardiert werden – ob wir wollen oder nicht. Also jenen Gedanken von Prominenten, die ja eher „Nichtgedanken“ sind.

Warum sind die Memoiren von Bettina Wulff „Nichtgedanken“?

Das Problem ist folgendes: Früher schrieben große Schauspieler, Staatsmänner und wirklich bekannte Persönlichkeiten, deren Leben sich dem letzten Drittel näherte, ihre spannenden Erinnerungen auf. Viele hatten etwas zu erzählen. Heute nutzen Prominente das als Ego-Projekt: „Ich zeig mal, wie ich wirklich bin! Hallo, hallo! Hier bin ich!“ – das laute Winken mit dem bunten Tuch: „Ich habe euch auch etwas Wichtiges zu sagen, auch wenn ihr mich für blöd haltet.“ Inzwischen ist der Markt überschwemmt mit Büchern, in denen Menschen nur überflüssige Druckluft aus dem Kopf lassen. Es unterhält nicht einmal, man erfährt nur, dass alles noch viel dümmer und langweiliger ist, als man sich das gedacht hat.

Ist Tele 5 so verzweifelt, dass es für diese „Nichtgedanken“ Sendeplätze gibt?

Tele 5 ist ja überhaupt nicht verzweifelt, sondern so cool, das zu machen. Sie glauben, dass das Spaß macht, egal, wie die Quote ist. Andere Sender hätten sich das nicht getraut. Hut ab! Es ist einfach eine wunderschöne Idee.

Hat Sie etwas beeindruckt, als Sie Bushidos, Helmut Bergers oder Bettina Wulffs Worte gelesen haben?

Es kommen verschiedene Gefühle hoch. Manche machen Spaß. Helmut Berger, Gunter Gabriel, Udo Jürgens, das sind zum Teil unglaubliche Geschichten, absurd und bizarr. Da macht es ein bisschen Spaß, auch wenn ich gar nicht weiß, ob ich das erfahren wollte. Manches ist kränker als erwartet. Dann gibt es welche, die in ihrer Banalität unfassbar sind. Christine Neubauer, Bettina Wulff oder Carsten Maschmeyer – die labern so ausgewälzte Allerweltsplattitüden dahin, da ist es schade um jeden Ast, der dafür verarbeitet wurde. Ein Maschmeyer-Buch, mit dem ein Millionär, der sein Vermögen auf dubiose Weise gemacht hat, wirklich auf dümmstem Bauernfänger-Küchenkalender-Niveau versucht, noch mehr Geld abzugreifen, indem er seine Verarschungsmethoden noch einmal als Verarschung präsentiert, das ist bitter. Und dann gibt es welche, die wütend machen. Das Bushido-Buch – da lernt man, wie man Drogendealer wird, und liest Frauengeschichten, die so widerwärtig sind, dass man sich wundert, dass das ohne Altersfreigabe frei verkauft werden darf. Das ist abstoßend und menschenverachtend.

Bushidos Biografie als Trash-TV? Dabei heißt es doch immer, man solle ein Buch lesen.

Dieser Gedanke, dass Literatur ja etwas grundsätzlich Gutes ist, wird langsam – wie beim Rest der Kultur – ad absurdum geführt. Ein Großteil dieser Biografien haben keinerlei Existenzberechtigung. Das, was Bushido da schreibt, ist schlimmer als der Dreck, den wir nachmittags als Scripted-Reality verkauft bekommen.

Von wem würden Sie eine ehrliche Biografie lesen wollen?

Von vielen. Da bin ich neugierig, auch auf die Affäre Wulff – da würde ich sehr gern ein paar ehrliche Äußerungen lesen. Das macht natürlich keiner. Wie gesagt, bei Udo Jürgens und Gunter Gabriel gab es die gelegentlich erschreckende Wahrheit. Oder auch bei Gina Wild, die mit einer naiven Ehrlichkeit Dinge erzählt, bei denen einem erst einmal der Mund offen steht, weil man nicht glauben kann, dass das jemand erzählt. Die meisten schreiben aber nur so, wie sie gern wären oder wie man sie sehen sollte. Gerade bei solchen Frauen wie Claudia Effenberg, Neubauer, Wulff.

Sie glauben Bettina Wulff kein Wort?
Das ist die offizielle Version fürs Volk aus der Sicht der netten, liebevoll gedachten Frau Wulff. Ihr Buch ist erschreckend emotionslos und kalt. Es ist Geplapper. Wenn das jemand erzählen würde, würde man nicht mehr zuhören, sondern aus dem Raum gehen.

Wie ist Ihr eigenes Leseverhalten? Viele Menschen lesen angefangene Bücher immer zu Ende, egal, wie gut sie sind.

Früher war ich so. Wenn ich inzwischen nach 50 oder 100 Seiten merke, dass das Schrott ist, höre ich auf. Früher konnte ich Bücher auch nicht wegwerfen oder weitergeben. Irgendwann hatte ich alles voll mit alten Büchern. Aber wenn ich ehrlich bin, lese ich Bücher nie zweimal. Aber man hat das noch in sich: Ein Buch ist etwas kulturell Wertvolles. Wenn man die gelesen hat, die ich gelesen habe, weiß man: Das stimmt nicht.

Dürfen wir irgendwann Ihre eigene Biografie erwarten?

Ja, irgendwann vielleicht. Wenn die Autoren von Bettina Wulff mal Zeit haben. Irgendwann hätte ich aber ernsthaft mal Lust. Ein paar Geschichten habe ich auch. Aber wenn man die ehrlich erzählt, werden viele nicht mehr mit einem sprechen. Im Moment sehe ich auch noch keinen Bedarf für eine Biografie. Wenn ich mal nichts anderes mehr zu tun habe, setze ich mich mit einer guten Flasche Whiskey an einen entlegenen Strand und labere alles, woran ich mich im Suff noch erinnere, auf ein Diktiergerät und lasse das dann abtippen.

„Nichtgedanken“, Tele 5
Oliver Kalkofe liest Promi-Biografien.
Karfreitag, Ostersonntag, Ostermontag
um 22 Uhr, danach immer montags, mittwochs und freitags gegen Mitternacht.

Oliver Kalkofe, geboren 1965 in Hannover, ist einer der profiliertesten Humorarbeiter der deutschen Entertainmentszene. Er war Frühstyxradio-Mitgründer bei ffn („Onkel Hotte“), zerreißt in „Kalkofes Mattscheibe“ TV-Unglücke und arbeitet als Autor („Der Wixxer“), Schauspieler („Rumpelstilzchen“), Kolumnist und Synchronsprecher.

Interview: Sebastian Scherer