Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Medien & TV Schluss mit der Pullitik – Warum der politische Hoodie-Hype nervt
Nachrichten Medien & TV Schluss mit der Pullitik – Warum der politische Hoodie-Hype nervt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:53 23.05.2019
Ich hab auch einen! FDP-Chef Christian Lindner mit Europa-Hoodie. Quelle: Twitter
Hannover

Es war zuletzt gelegentlich von Europa die Rede. Wie wichtig Europa ist und wie toll und wie schützenswert. Frieden, Vielfalt, Zusammenhalt, Solidarität, Reisen, Freiheit, Pizza, keine Roaminggebühren mehr und so. Und dass man natürlich „dafür“ ist, denn „dagegen“ wird kein Mensch von Verstand ernsthaft sein. Das Fernsehen ist voll von Menschen, die irgendwie „für Europa“ sind. All diese Menschen, Politiker zumeist, haben natürlich vollkommen Recht. Europa ist das tollste politische Projekt der letzten 100 Jahre, und man kann das im Grunde gar nicht genug feiern.

Es gibt nur ein Problem: Für den normalen Menschen außerhalb der politischen Blase ist der europäische Wahlkampf ungefähr so aufregend wie eine Party mit Manfred Weber und drei Flaschen Mineralwasser. Der politische Normalverbraucher hört nur „Wir müssen in Europa…“ und sackt gedanklich sofort ins Nirgendwo wie Homer Simpson im Tanztheater. All die Floskeln auf den Plakaten, all die billigen Appelle, all die Politik. Aldi-Politik.

Mehr zum Thema:
Warum fehlt ein Stern auf dem Europa-Pullover?

Wie kriegt man bloß Feuer in den Wahlkampf?

Wie kriegt man bloß Feuer in dieses sturzöde Ritual? Was tun, wenn Kugelschreiberverschenken auf dem Marktplatz und ausgelutschtes Politklimbim wie „Zusammenhalt“, „Miteinander“, „Frieden“, „Wohlstand“ einfach niemanden mehr interessieren? Oder wissen Sie etwa, wie der zweite Mann auf der Europawahlliste der SPD heißt? Der heißt Udo Bullmann. Eben.

Und wissen Sie, wie die Spitzenkandidaten der Linke heißen? Na? Kornelius Grubenheimer und Arzu Öcalan. Okay, das war gelogen. Sie heißen Martin Schirdewan und Özlem Alev Demirel. Aber jede Wette: Sie hätten es nicht gemerkt.

Man weiß nicht, was das größere Elend ist: der aktuelle Europawahlkampf oder Madonnas Auftritt beim Eurovision Song Contest.

Jung und cool müsste man sein

Im Kern geht es bei beidem um dasselbe: Es geht um die Sehnsucht, gehört zu werden. Um den Traum von Hipness. Jung und cool müsste man noch mal sein, träumt Madonna. Jung und cool müsste man endlich mal sein, träumen die Parteistrategen. Aber wie soll das gehen? Wie um Himmels Willen kriegt man als Werbefachmann koffeinfreie Spitzenkandidaten wie Katarina Barley (SPD), Manfred Weber (CSU), Sven Giegold (Grüne) und Nicola Beer (FDP) jung und hip? Barley, Weber, Giegold und Beer – die vier Evangelisten der Mittelmäßigkeit. Stars ohne Strahlkraft. Sven Giegold sammelt Stofftiere und fährt gerne Fahrrad. Europa, das ist dein Mann.

„Wir in Europa stehen vor zahlreichen Herausforderungen, von der Migration bis zum Klimawandel, von der Jugendarbeitslosigkeit bis zum Datenschutz“, heißt es in der Wahlkampagne des Europaparlaments. Ja Donnerschlag - ist nicht wahr!?

Erkennungszeichen der Mover und Shaker

Das internationale Erkennungszeichen für politische Verzweiflung ist der Hoodie. Der Kapuzenpulli gehört zu den verbreitetsten Requisiten für Coolnesssimulation. Wer als Wahlkämpfer und Europagutfinder den politischen Swag sucht, der trägt jetzt den EU-Hoodie in Kuschelblau mit Sternenkreis. „Whassupp, ihr hippen, jungen Wähler!?“, heißt das Fashionstatement. „Ich bin eine von euch! Ich trage Kapuze als internationales Erkennungszeichen der Mover und Shaker wie im Silicon Valley.“

Christian Lindner trägt ihn, EU-Kommissar Günther Oettinger besitzt einen und auch Kevin Kühnert, der Mensch gewordene Präventivschlag der SPD, wurde schon damit gesehen. Johannes B. Kerner, Vivienne Westwood, Palina Rojinski trugen ihn. Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, trug ihn. Und selbst Philipp Amthor (CDU), zweijüngster und gleichzeitig frühvergreistester Abgeordneter im Deutschen Bundestag, wählte jüngst den Hoodie. Es gibt kein Entkommen. Katarina Barley wählte gar die noch coolere Version, auf der in Anspielung auf den Brexit ein goldenes Sternchen fehlt. Und vertwitterte auf Nachfrage gar den Link zum Händler – wie so eine richtige Instagram-Influencerin. Es handelt sich um den „EUUnify Hoodie“ der Firma König Souvenir, Preis: 59 Euro, 50 Prozent Baumwolle und 50 Prozent Polyester. Der Gedöns- und Gartenmöbel-Anbieter „Butlers“ verkauft den Europa-Hoodie inzwischen als Schnäppchen für 26 Euro („Weil uns Europa als unsere Heimat und Zukunft am Herzen liegt, setzen wir uns gemeinsam mit der bekannten Influencerin Diana zur Löwen ein für ein demokratisches Miteinander in Frieden, Freiheit usw.“).

Es ist ein wohlfeiles Bekenntnis

Nun sind Europapolitiker mit Kapuzenpulli ungefähr so glaubwürdig wie Mick Jagger mit Ruschenschürze. Wobei Ruschenschürzen, trüge sie Jagger, gewiss sofort zum Kultrequisit der vergreisenden Rockszene würden – im Gegensatz zum Europa-Hoodie, der sofort out ist, sobald ihn Philipp Amthor trägt. Es ist wie mit „An Tagen Wie Diesen“: Seit Volker Kauder den Tote-Hosen-Song 2013 in Grund und Boden gesungen hat, kann man ihn ohne Hirnkurzschluss nicht mehr hören. Tot und begraben, das Ding. Die CDU ist eine Trendvernichtungsmaschine.

Das ist das eine Problem. Das andere ist: Hoodie-Tragen ist schön und gut, aber es ist ein wohlfeiles Bekenntnis. Der Kuschelpulli steht ja nicht nur für kalifornische Silicon-Valley-Sunshine-Business-Laune, für die Versöhnung von Hipness, Hippietum und Heuschreckenkapitalismus. Er steht auch für das wohlige Gefühl, dass alles gut ist, wie es ist.

Viele kennen ja diesen Moment, wenn man den Pullover noch nicht ganz über dem Kopf hat und denkt: Eigentlich ganz schön hier drin – warum, ruhig und friedlich. Warum kann es nicht so bleiben?

Europa ist nicht warm und friedlich wie ein Pullover

Europa ist aktuell aber nicht warm ruhig und friedlich. Gutfinden reicht nicht. Die europäische Politik braucht mehr Baumwolle und weniger Polyester. Alles andere ist Pullitik. Es geht aktuell um so viel in Europa. Um den Rechtsruck eines ganzen Kontinents, um die Neugestaltung der EU-Spielregeln, um Nationalismus, Fremdenhass, Armut, Klimaschutz. Es geht um die Frage, wie man diese klapprige Nationenkonstruktion im 21. Jahrhundert organisiert, wie man auch 74 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg an die alte Idee vom Versöhnungsbündnis erinnert. Für Kuscheln ist keine Zeit.

Aber Hauptsache Hoodie.

Natürlich sind schon viele Kleidungsstücke zu politischem Ruhm gekommen. Walter Mompers roter Schal als Kuschelrequisit der Wendezeit. Die unvermeidliche Fliege des ebenso unvermeidlichen SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, die jeden „Tagesschau“-Zuschauer unweigerlich warnt: Jetzt wird’s nasal und nölig. Und selbst die amorphen Hosenanzüge der Kanzlerin haben zwar keinen Hosenanzugboom bei Teenagern ausgelöst, sind aber als Silhouette der Systemerhaltung zum Fashionsymbol für die politisch amorphen Merkeljahre geworden.

Es wäre ein Elend, wenn auf die Hosenanzugjahre jetzt die Hoodiejahre folgen.

Mehr zum Thema Europawahl

Bericht: Paul Ziemiak wirft SPD Europa-Wahlkampf im „Trump-Stil“ vor

Bericht: Kanzlerin Angela Merkel schließt Wechsel nach Brüssel aus

Nahaufnahme: Ex-US-Berater Steve Bannon träumt vom „Erdbeben“ in Brüssel

Service: Briefwahl bei der Europawahl 2019: Diese Fristen müssen Sie einhalten

Feature: Fake-News-Kampagnen: Die Europawahl im Visier der Trolle

Quiz: Wahl-O-Mat: Europawahl 2019 – Welche Partei passt zu Ihnen?

Erklärer: Darum können nur wenige Briten in Berlin ihre Stimme für Deutschland abgeben

Bericht: Europäisches Parlament: Parteien schicken zu zwei Dritteln Männer

Bericht: #myeurope: Martin Schulz startet eigene Europakampagne

Umfrage: Europawahl 2019: Jeder Zweite kennt keinen der Spitzenkandidaten

Von Imre Grimm

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Bran wurde in der letzten Folge von „Game of Thrones“ unerwartet König von Westeros. Ihn hatte niemand auf dem Zettel. Die Entscheidung war aber gut, er wird einen großartigen Herrscher abgeben. Und einige Bilder deuteten an, dass wir ihn eines Tages wiedersehen könnten.

22.05.2019

Schmachtfest in Cornwall: Am Sonntag (26. Mai, 20. 15 Uhr) zeigt das ZDF den 150. „Rosamunde Pilcher“-Film. Die heile Welt der Reihe ist für Krimiverächter das Gegenprogramm zum „Tatort“:

21.05.2019

Schauspielerin Madeleine Krakor wird im Internet und auf der Straße immer wieder wegen ihres Gewichts kritisiert. Jetzt wehrt sich der „Alles was zählt“-Star gegen die Hasskommentare.

21.05.2019