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Medien & TV Software schnüffelt Schulserver aus
Nachrichten Medien & TV Software schnüffelt Schulserver aus
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17:23 02.11.2011
Von Frerk Schenker
Verlage wollen illegale Buchkopien aufspüren Quelle: dpa
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Hannover

Das sieht ein Vertrag vor, den die Kultusminister der Länder bereits im vergangenen Dezember mit dem VdS Bildungsmedien, der Interessenvertretung der Schulbuchverlage, ausgehandelt hat. Während der VdS die Vereinbarung als „Gewinn für den Urheberrechtsschutz“ sieht, kritisieren Lehrerverbände einen möglichen Einschnitt bei der Qualität des Schulunterrichts. Das Internetblog netzpolitik.org, das den Vertragspassus am Montag publik gemacht hatte, sprach von einem „Schultrojaner“.

Was und wie viel Lehrer für ihren Unterricht kopieren dürfen, ist seit 2008 in einem Vertrag zwischen der Kultusministerkonferenz und der VdS geregelt. Für ein pauschales Vervielfältigungsrecht an den Schulen zahlen die Länder in diesem Jahr 7,3 Millionen Euro an die Verlage. Erlaubt sind jedoch nur analoge Kopien im einem festgelegten Umfang – das Einscannen von Texten oder Bildern hingegen ist wegen des Urheberrechts untersagt.Eben diese digitalen Kopien wollen die Verlage künftig aufspüren. Genaue Zahlen zu den vermuteten Urheberrechtsverstößen an Schulen gebe es zwar nicht, der Umfang dürfte aber „nicht unerheblich“ sein, schätzt VdS-Sprecher Christoph Bornhorn.

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Laut der Vereinbarung soll ab 2012 auf einem Prozent aller deutschen Schulserver die Software installiert werden, um dort abgelegte öffentliche Dokumente automatisch prüfen zu lassen – zum Beispiel Arbeitsblätter, die Lehrer gespeichert haben, um sie Kollegen oder Schülern zugänglich zu machen. „Privat- oder Arbeitsrechner von Lehrern sind nicht betroffen“, sagt Bornhorn. Es gehe nicht um eine heimliche Durchsuchung, von einem „Trojaner“ könne deshalb keine Rede sein. „Die Daten verbleiben bei den Schulträgern, wir bekommen lediglich eine jährliche anonymisierte Statistik übermittelt“, sagt Bornhorn. Offen bestätigen wollte dies am Dienstag zwar keine der beteiligten Parteien, hinter vorgehaltener Hand hieß es aber, dass mithilfe der Statistiken auch das pauschale Vergütungssystem überprüft werden solle.

Die Software, die sich noch in der Entwicklung befindet, soll nach VdS-Angaben allen datenschutzrechtlichen Anforderungen entsprechen. Bei den Lehrerverbänden stoßen die Pläne dennoch auf Unmut. „Die Schulen werden praktisch aufgefordert, Lehrkräfte zu überwachen“, sagt der Vorsitzende des Philologenverbandes Niedersachsen, Horst Audritz. Er habe Verständnis für das Anliegen der Verlage, Urheberrechtsverletzungen zu unterbinden. „Da ist aber schon viel Misstrauen dabei.“

Auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) übte Kritik. „Die Vereinbarung geht an der Realität einer modernen Schule vorbei“, sagt GEW-Landesvorsitzender Eberhard Brandt. Es sei „tägliche Praxis“, dass Lehrer ihren Schülern Unterrichtsmaterial in digitaler Form zur Verfügung stellten, entweder per E-Mail oder über den Schulserver. „Wo früher kopiert und zusammengeschnipselt wurde, wird heute eben eingescannt.“ Wer einen guten Unterricht machen wolle, benötige entsprechende Unterlagen. „Viele Lehrer geben schon jetzt viel Geld aus für Material und Kopierberechtigungen.“ Anstatt Lehrer rechtlichen Risiken auszusetzen, sollten die Schulen mehr Mittel für Kopierlizenzen bekommen.

Ob Verstöße gegen das Urheberrechtsgesetz für Lehrer automatisch Konsequenzen haben werden, ist unklar. Im Vertragstext heißt es nur sehr vage, gegen Schulleiter und Lehrkräfte seien „disziplinarische Maßnahmen einzuleiten“.

Kopierregeln

Lehrkräfte dürfen bis zu zwölf Prozent eines Werkes kopieren, maximal aber 20 Seiten – das gilt für alle Bücher und Arbeitshefte. Werke von geringem Umfang dürfen vollständig kopiert werden, ebenso Bilder, Fotos und Abbildungen. Auf jeder Kopie müssen Buchtitel, Verlag und Autor genannt sein. Zulässig sind nur analoge Kopien, digitales Kopieren untersagt das Urheberrecht. Wird eine Tabelle aus einem Schulbuch eingescannt und über einen Beamer gezeigt, ist dies ein Verstoß gegen das Urheberrecht. Die Kopierregeln im Überblick.

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