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Medien & TV „Wir produzieren keine Einheitssoße“
Nachrichten Medien & TV „Wir produzieren keine Einheitssoße“
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00:16 29.09.2013
Der TV-Produzent Nico Hofmann („Der Rücktritt“) im Interview. Quelle: Julian Stähle
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Herr Hofmann, wann verfilmen Sie Angela Merkels Leben als Event-Zweiteiler?

Klar, dass Sie mich das kurz nach der Wahl fragen. Wenn ich jetzt antworte, dass ich mir ihr Leben als Film vorstellen kann, dann steht das Projekt morgen überall in der Presse. Was ich zu Angela Merkel allerdings sagen kann: Je länger sie regiert, desto spannender wird es, ihr Leben mit zeitlichem Abstand zu verfilmen. Sie hat sich sehr verändert. Ihr Leben kann in ein paar Jahren durchaus ein Thema für einen Filmstoff werden.

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Warum genau?

Es sind die Häutungen. Mich würde bei Angela Merkel vor allem ihre Jugend in der DDR interessieren. Ich suche nach Biografien im Osten. So bin ich auch auf „Der Turm“ von Uwe Tellkamp gestoßen. Ich liebe das Buch, weil es für mich als „Wessi“ eine großartige Möglichkeit war, die bürgerliche DDR von innen kennenzulernen. Merkels Jugend hat zu tun mit Theologie, Naturwissenschaften und ihrer ländlichen Herkunft, mit einer bestimmten Erdung. Sie war im DDR-System zu Hause, gleichzeitig aber auch in ihrem Pastoren-Elternhaus. Immer wenn Brüche entstehen, wird eine Persönlichkeit interessant.

Würden Sie sich als konservativ bezeichnen?

Ich bin wertkonservativer Wechselwähler, ich habe in meinem Leben genau so oft SPD gewählt wie CDU. Politische Heimaten haben bei mir viel mit dem politischen Personal zu tun, mit Glaubwürdigkeit.

Zurzeit drehen Sie „Der Rücktritt“ mit Kai Wiesinger über das Schicksal von Christian Wulff. Worum geht es dabei?

Es geht darum, die Wulff-Geschichte zu kondensieren auf die Tage zwischen dem Besuch im Oman und dem eigentlichen Rücktritt. Das Buch „Affäre Wulff“ von Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch, auf dem der Film basiert, liest sich wie eine tickende Uhr, wie ein Thriller, der ausschließlich auf Fakten basiert. Das schreit geradezu nach einer Verfilmung. Und es ist spannend nachzuerzählen, wie sich das Räderwerk gesellschaftlich und moralisch immer weiter ineinanderdreht.

Ist die moralische Frage denn heute noch von ausreichender Relevanz? Juristisch geht es nur noch um einige Hundert Euro und einen Oktoberfestbesuch.

Das ist genau die spannende Frage. Sie haben eine mehrfache Brechung in dem Film. Es gibt den politisch-moralischen Aspekt, dann den zutiefst persönlich-moralischen Aspekt sowie einen medial-moralischen Aspekt. Zu zeigen, wie diese unterschiedlichen Mechanismen ineinandergreifen, und zu analysieren, wie es zu diesem Rücktritt gekommen ist, mit allen Charakter- und Schachzügen, das ist das Spannende. Häme und Schadenfreude sind mir komplett fremd. Der Film wird eine sehr seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema. Eine Satire bietet sich hier auch nicht an. Denn eigentlich ist es eine Tragödie.

Dennoch produzieren Sie den Film für SAT.1.

Den Wulff-Film haben wir überall angeboten, und SAT.1 war der einzige Sender, der am Ende gesagt hat: Wir machen das in dieser Form.

Regina Ziegler, die Produzentin der ARD-Serie „Weissensee“, sagt, dass das deutsche Fernsehen toll wäre, wenn ein paar Fernsehredakteure mutiger wären. Wie sehen Sie das?

Ich stimme Regina in diesem Punkt zu. Aber deutsches Fernsehen ist in den Spitzenleistungen deutlich besser, als es öffentlich wahrgenommen wird. Es geht vor allem darum, dass wir viel mehr Sendeplätze für qualitativ hochwertige Programme wie zum Beispiel „Weissensee“ bekommen müssen – Sendeplätze, die Miniserien ermöglichen, also acht Slots über Wochen. Wir sind zu sehr im 90-Minuten-Format verhaftet. Das ist der Riesenunterschied zu Amerika. Dort haben sie gar keine 90-Minuten-Formate, sondern nur noch das serielle Produkt, da lässt sich ganz anders episch erzählen.

Nicht jede Serie läuft in Deutschland gut. Wovon hängt der Erfolg denn ab?

Es geht immer um die Machart. Auch der Erfolg von „Weissensee“ erklärt sich so. Ebenso wie der Erfolg von „Unsere Mütter, unsere Väter“. Es gab schon unzählige Projekte zum Dritten Reich, und trotzdem ist es dann der eine Film, der in seiner Modernität, in seiner Heftigkeit und Emotionalität noch einmal generationenübergreifende Diskussionen auslöst.

Sie haben viele historische Projekte in der Planung – von Wulff über den 9. November, Leni Riefenstahl, Hannelore Kohl, die Snowden-Affären bis zu den Schlecker-Frauen. Verfilmen Sie eigentlich alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist?

Es wird ja manchmal so gesehen. Aber das ist Unfug. Wir sind keine Fabrik, die Einheitssoße produziert. Wir haben uns beispielsweise monatelang überlegt, ob man einem Film über die Schlecker-Frauen machen darf. Unser Vorbild war die britische Arbeitslosenkomödie „Ganz oder gar nicht“ von 1998, wo das Thema Arbeit sehr tragikomisch behandelt wird. Hier in Deutschland dagegen hören wir sofort: Das darf man nur todernst verfilmen.

„Unsere Mütter, unsere Väter“ war ein Riesenerfolg – zugleich haben Sie manche dafür kritisiert, konservativen Geschichts-
revisionismus zu betreiben, ebenso mit dem „George“-Film in der ARD. Trifft Sie das?

Ich könnte meinen Gegnern bei „Unsere Mütter, unsere Väter“ bis ins letze Bild hinein beweisen, dass es nicht darum geht, die Deutschen freizusprechen. 27 Millionen Menschen haben diesen Film gesehen, viele Enkel haben ihre Großväter erstmals gefragt: Hast du getötet? In vielen Familien wurde zum ersten Mal nicht nur über Schuld geredet, sondern auch über die Hintergründe des Nationalsozialismus. Auch „George“ ist nicht dazu gemacht worden, einen Künstler reinzuwaschen. Ich muss von einem Publikum im Jahr 2013 erwarten können, mit der Ambivalenz, die hier gezeigt wird, umgehen zu können. Mich interessiert der Blick hinter die Parole: „Das waren alle Nazis!“ Ich will wissen: Warum sind sie das geworden? Ich gieße keine Opfer-Wohlfühlsoße über Deutschland, im Gegenteil: Der Finger liegt tiefer in der Wunde deutscher Schuld denn je.

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