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09:05 16.07.2013
Aber das Ziel ist doch da hinten... Vox lässt auf der Suche nach Deutschlands schlechtestem Autofahrer kein Klischee aus. Quelle: Handout
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Köln

Nein, die Jury hat heute leider kein Foto für Jacqueline. Die Challenge war einfach zu schwer für die Hamburgerin. Etwas kantig hat sie sich bewegt, dabei völlig das Gleichgewicht verloren, am Ende die Kulissen gerammt. Liebe Jaqueline, würde Heidi Klum sagen, wenn sie es wäre, die da über Jacquelines Zukunft entscheidet, heute haben wir leider kein Foto für dich. Aus der Traum von Germany’s Next Topmodel.

Jacquelines Juror aber ist ein Exrennfahrer, er heißt Manuel. Die Challenge war ein Hütchenparcours, und statt mit dem Foto zum Weiterkommen zu wedeln, kaserniert Manuel die 20-Jährige noch eine Woche länger in einer Art Führerscheinbootcamp am Rande der Eifel. Hier sucht VOX nämlich nicht Deutschlands nächstes Laufstegwunder, sondern den schlechtesten Autofahrer. Und das ist auch für Intellektuelle ein Riesenspaß.

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„Abgewürgt und ausgebremst“ heißt das Casting. Die erfolgreichsten Ballermannhits, die beliebtesten Volksmusikanten, die dicksten Bagger – das Fernsehen sucht unablässig nach dem Superlativ und lässt dabei die Suchkriterien gern links demoskopischer Minimalstandards liegen. Doch wenn Moderatorin Pangiota Petridou sieben Führerscheinbesitzer zum Test bittet, ist man geneigt, einen objektiven Querschnitt des untauglichen Teils heimischer Automobilität zu sehen.

Da wäre besagte Jaqueline, die am Lenkrad so aberwitzig versagt, dass man ihr den Lappen unzerkleinert zum Mittag servieren möchte. Da wäre die graue Tatjana, die ihr Gefährt noch schlechter lenkt als Jacqueline. Die junge Aline, deren Selbstüberschätzung mit ihrer Inkompetenz um Deutungshoheit ringt. Der rasende Steven, für den Formel 1 und Feierabendverkehr die gleiche Fahrdynamik erfordern. Der ängstliche Dogan, der selbst Minimalgeschwindigkeit für einen Suizidversuch hält. Die weißblonde Jill, deren Unfallquote jede Massenkarambolage in den Schatten stellt. Und die ruhrpottrobuste Bine, deren Schimpfwortschatz den des Dudens klar übersteigt.

Diese Prototypen der rollenden Mehrheit machen also der Minderheit sittsamer Verkehrsteilnehmer das Leben von A nach B zur Hölle. Und es besteht nicht der geringste Zweifel, dass die VOX-Regie jeden davon ständig dirigiert, um sämtliche Klischees wirklich dauerhaft zu zelebrieren. Aber mal ehrlich: Unsere Mobilität ist ein einziges Klischee. Wer sich regelmäßig motorbetrieben auf den gut 650.000 Kilometern Straße zwischen Nordseestrand und Alpenrand bewegt, wird vom Verkehrsinfarkt so in den Wahnsinn getrieben, dass ihm Gesetzestreue und Manieren zwangsläufig entgleiten.

So gesehen sind Jaqueline, Tatjana, Aline, Steven, Dogan, Jill und Bine nicht nur Protagonisten der üblichen Scheinrealität des kommerziellen Fernsehens. Es sind Platzhalter für alles Schlechte im „Homo Autobanicus“. Das Schöne, fast Erhabene daran aber ist: So boulevardesk das Ganze inszeniert sein mag, so sehr auf Knalleffekte bedacht und mit Fremdschämpotenzial versehen – wie hier Rollen vertauscht wurden, zeigt, dass VOX unter den privaten Deppensendern noch der klügste ist. Ausgerechnet der Türke ist Angsthase statt Spoilerfreak, die wildeste Sau am Steuer spielt eine Mutter in den besten Jahren, der Bleifuß sieht aus, als fahre er sonst nur am Rechner Rennen, und die Mutter der Kompanie spricht russischen Akzent.

Da ist es zu verkraften, dass Jill in ihren Highheels fährt, wie es das gängige Blondinenbild erfordert. Zumal sie im Septett des Versagens nicht mal die mieseste ist. Noch nicht. Denn nach acht Folgen Regelkunde und Parcourspraxis, Expertenschelte und Laienschauspiel wird irgendwer zu „Deutschlands schlechtestem Autofahrer gekürt“. Preis: eine Bahncard 100. Und es ist durchaus beruhigend, dass dann womöglich ein Wahnsinniger weniger auf hiesigen Straßen sein Unwesen treibt.

Jan Freitag

Ab diesem Dienstag ist die achtteilige Casting-Show „Abgewürgt und ausgebremst“ um 20.15 Uhr auf Vox zu sehen.

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