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Medien & TV Kekse, Kohle, Kakerlaken
Nachrichten Medien & TV Kekse, Kohle, Kakerlaken
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00:15 30.01.2015
Von Imre Grimm
Eine Kiste mit – Tadah! – Keksen: Tanja Tischewitsch und Benjamin Boyce bei der „Schatzsuche“. Quelle: RTL
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Hannover

Und dann kam der Tag, als es Manna vom Himmel regnete. Schreie des Entzückens hallten durch den westaustralischen Dschungel, denn die seelische Spannkraft der Kandidaten war nach einer Woche Reis und Bohnen schlaffer als das Bindegewebe von Walter Freiwald. Schokolade! Her damit! „Dieses Gefühl, in ein Pickup reinzubeißen!“, schwärmt Maren Gilzer. „Pickup ist super, Pickup ist hmm ...!“ - „Ein magic moment!“, jubelt Rebecca Siemoneit-Barum. Bilder überirdischen Glücks gelangen in die Heimat: ausgehungerte Hominiden beim ekstatischen Verzehr von Schokoriegeln aus einer Schatzkiste. „Eine Geschmacksbombe!“ Zeitlupe. Weichzeichner. Geigen. Das volle Programm.

Nirgends sind Menschen empfänglicher für Schokolade als nach einer Woche ohne feste Nahrung in der Schwüle des Dschungels von Murwillumbah. Und nirgends sind Menschen empfänglicher für werbliche Einflüsterungen als im dämmrigen Halbkoma auf dem Sofa spätabends vor dem Fernseher. Nach Jahren des Ekels hat die deutsche Werbeindustrie alle Hemmung fahren lassen und sich auf das RTL-Dschungelcamp gestürzt wie eine Springspinne auf Tanja Tischewitsch. Vorbei die Zeiten, als es Markenartikler noch schüttelte bei Kamelpenissen, Känguruhoden und ungeschminkter Trash-Prominenz in Muskelshirts. „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ ist für RTL inzwischen ein Bombengeschäft. „Wir haben den höchsten Buchungsstand seit 2004“, sagt Nils Daniel vom RTL-Vermarkter IP Deutschland. Werbeboom in der Schmuddelecke - die enorme Reichweite von 40 Prozent macht‘s möglich.

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Plump – aber legal

RTL hat eine Flut von Sonderwerbeformen entwickelt („Pre-Roll“, „Break Ad“, „Pre-Split Online“ ...). Und nie spielte Product-Placement eine größere Rolle als in der aktuellen neunten Staffel. Ziemlich plump das Ganze, aber erfolgreich und absolut legal, so wie die Show selbst. Was früher Schleichwerbung hieß, ist seit der Neuordnung vom April 2010 - bei korrekter Kennzeichnung - kein Fall mehr für die Medienaufsicht. „Wir wünschen uns einen Burger!“, barmte die Dschungeltruppe vor wenigen Tagen. Der Schnarchitaliener Aurelio Savina bot gar an blankzuziehen, wenn es dafür bitte Fast Food gäbe, bitte, bitte. Und Kandidat Benjamin Boyce, frisch aus dem Camp gewählt, rief laut „Stopp!“, als sein Fahrer eine McDonald‘s-Filiale passierte, und biss dann genüsslich in einen Big Mac. „Hmm, das schmeckt super!“, freute er sich wohlig schnurrend in die Kamera. Das schmeckte auch McDonald‘s - in diesem Jahr erstmals RTL-Werbepartner im Dschungel. Während Bahlsen mit vier Dschungel-Teilnahmen ja schon ein alter Hase ist. Auch Müllermilch aus Bayern ist im Boot.

Pommes und Penis? Kekse und Kakerlaken? Lebensmittelmultis als Werbekunden einer Ekelshow? „Der Inhalt der Sendung strahlt kaum auf die Marken ab“, sagte Anja Stockhausen von der Media-Agentur Zenith Optima der „FAZ“. McDonald‘s hat sogenannte „Cut-ins“ gebucht, also Werbebanner, die zehn Sekunden durchs Bild wandern. Bahlsen feiert sich dafür, täglich mittags in Köln einen kurzen Clip drehen zu lassen, der Aktuelles aus dem Camp aufgreift, um „noch näher an den Content zu kommen“. Die massiven Twitter-Lästereien über die Schoko-Taktik mit dem Vorschlaghammer schaden dem Image kaum. Für Bahlsen lohnt sich die Sache: „Im „Pre-Post-Vergleich steigerte Pickup die Awareness deutlich“, heißt es in einer Analyse. Bedeutet: Es geht - wie bei den Kandidaten - allein um die Bekanntheit.

Was Kulturpessimisten verwirrt: Bei Werbern gilt das Dschungelcamp inzwischen tatsächlich als „Premiumumfeld“. Wofür wiederum Feuilletonisten mitverantwortlich sind, die das Camp mit einem analytischen Metaansatz ironisierten und auf diese Weise als cartoonhafte Sozialstudie mit eingebauter Medienkritik auch dem besser verdienenden Bildungsbürgertum schmackhaft machten. Ein Viertel aller Dschungel-Zuschauer hat Abitur. Das sind 1,5 Millionen für die Werbung ansonsten schwer erreichbare Menschen.

Wenn der Werbekundenansturm so weitergeht, dann ist im Camp bald Schluss mit Reispampe und pürierten Kakerlaken. Dann gibt‘s alle naselang Essen satt für die Kameras. Und die armen Hascherl kommen mopsiger zurück als beim Abflug.

Dschungel-Werbung boomt

Die Werbeinseln sind prallvoll gefüllt, die Sonderwerbeformen gar ausverkauft: Für RTL ist der Dschungel ein gutes Geschäft. Die Produktionskosten der Dschungelsause liegen angeblich bei 30 Millionen Euro pro Staffel und zwei Millionen Euro pro Folge. 400 Mitarbeiter hat RTL am Ende der Welt im Einsatz. Da kann der Sender jeden Cent gebrauchen. 30 Sekunden Werbung bei „Ich bin ein Star ...“ kosteten 2013 noch zwischen 57 000 und 72 000 Euro, 2014 waren es schon 74 000 bis 88 000 Euro. Diesmal sind pro Spot in der höchsten Kategorie sogar bis zu 117 000 Euro fällig. Der Wind hat sich gedreht: Im Jahr 2011 war die fünfte Dschungel-Staffel für RTL trotz Traumquoten noch ein Verlustgeschäft. Im Jahr 2010 hatte der Sender das Dschungelcamp wegen mangelnden Werbeinteresses sogar abgesagt. Das Honorar für die Teilnehmer liegt – je nach erhoffter Zugkraft – angeblich zwischen 30 000 und 70 000 Euro.

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