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Medien & TV „Spieglein“ an der Wand
Nachrichten Medien & TV „Spieglein“ an der Wand
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10:08 31.08.2013
Von Imre Grimm
Wolfgang Büchner (47) hat die Deutsche Presse-Agentur erfolgreich modernisiert. Nun will er das Gleiche mit dem „Spiegel“ versuchen. Dass dabei ausgerechnet „Bild“-Mann Nikolaus Blome helfen soll, empört die traditionell sensible Redaktion. Quelle: dpa
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Hannover

Der Mann ist noch keinen Tag im Amt, da brennt bereits der Busch. Da will Wolfgang Büchner, designierter „Spiegel“-Chefredakteur, also ausgerechnet einen „Bild“-Mann zu seinem Vize machen: Nikolaus Blome, Springers Mann fürs Seriöse. Wenn aber sämtliche Ressortleiter den ersten Personalcoup eines neuen Chefs gleich mal ablehnen, wenn „Spiegel“-Gesellschafter von einer „Katastrophe“ sprechen, wenn Redakteure zürnen, jetzt sei „Feuer unterm Dach“, wenn harter Widerstand der Truppe den Neuen zum wachsweichen Kompromiss zwingt – dann könnte man getrost von einem Fehlstart sprechen.

Es sei denn, man ist Wolfgang Büchner, bislang Chef der Deutschen Presse-Agentur (dpa), Berufsoptimist, Pragmatiker, Enthusiast in eigener Sache. Sagen die, die ihn kennen. Büchner sei kein Mann, der Niederlagen als solche annehme, heißt es. Bei Apple hat man für Steve Jobs eigens den Begriff „Reality Distortion Field“ erfunden – eine Art charismabefeuertes Feld, das unbequeme Wahrheiten einfach wegfiltert.

Niederlage? Nur weil ein paar alte Kämpen den Zwergenaufstand wagen? Gut, es ist Büchner nicht gelungen, Blome als Vollwert-Vize durchzudrücken, sondern nur als „Mitglied der Chefredaktion“. Gut, seine Amtszeit beginnt mit einem Sommertheater, das die feixende Branche mit Vergnügen verfolgt. Gut, Büchner hat die fragile Struktur des „Spiegel“-Verlags ins Wanken gebracht. Aber dafür hat er doch einen Pflock eingerammt. Hat Härte gezeigt und einen Machtkampf gewonnen. Blome wird, wie es aussieht, am 1. Dezember seinen Job als Leiter des Berlin-Büros antreten.

Es hätte besser beginnen können für Büchner. Aber kaum lauter. Zwar sind Führungswechsel beim „Spiegel“ traditionell von Getöse begleitet – 1994 drohte Rudolf Augstein hinzuschmeißen, wenn sein Schützling Stefan Aust den Spitzenjob nicht bekäme, woraufhin die Spitze der Mitarbeiter-KG erst zähneknirschend zustimmte und dann zurücktrat –, diesmal aber ist das Spektakel besonders schrill. Das liegt nicht allein daran, dass Blome aus Springer-„Feindesland“ zum „Spiegel“ wechselt. Auch nicht daran, dass die Anteilseigner Jakob Augstein (der Blome seit einer gemeinsamen Phoenix-Talkshow schätzt) und seine Halbschwester Franziska Augstein („Das Festhalten an Blome ist eine Katastrophe“) sich so herrlich uneins sind. Das liegt vor allem daran, dass der Zwist um Büchners Coup symptomatisch für interne Kämpfe steht, die über die Zukunft des „Spiegel“ und die Strahlkraft der Marke entscheiden werden.

Denn der Rückkehrer Büchner, bis zum dpa-Job acht Jahre lang Führungskraft bei „Spiegel Online“, kommt nicht bloß als Chefredakteur. Man erwartet nicht nur kluge Titel-Entscheidungen, stabile Zahlen, wirkungsvolle Verkaufe und seriöse Repräsentanz nach innen und außen. Man erwartet die Versöhnung von Print und Online (Büchner: „von Nord- und Südkorea“) und die Wiedergeburt der taumelnden Marke.

Das wird erschwert durch die einzigartige Eigentümerstruktur, bei der die Mitarbeiter gleichzeitig die Chefs der leitenden Angestellten sind. 1974 schenkte Augstein seinen Mitarbeitern knapp die Hälfte des Magazins, je ein Viertel gehörten seinen Erben und dem Verlag Gruner+Jahr. In seinem Testament verfügte er, dass die Erben nach seinem Tod ein Prozent ihres Anteils an die beiden anderen Gesellschafter verkaufen mussten. Damit besitzen sie nur noch 24 Prozent – und verloren ihre Sperrminorität. Die Macht liegt nun bei der Mitarbeiter KG (50,5 Prozent). Deren fünfköpfige Spitze wiederum soll die Personalie Blome schon im Juni akzeptiert haben, was wiederum die 800 stillen Gesellschafter der KG auf die Palme brachte, die sich von ihren Interessenvertretern mehrheitlich verraten fühlen.

Bei der Personalie Blome geht es also nicht bloß um einen Job. Es geht um die politische Stoßrichtung des „Spiegel“, dessen markenprägende, sezierend-linke Schärfe zuletzt immer öfter einem eher neoliberalen Grundtenor und plauderndem Parlando gewichen war. Die politische Neuausrichtung unter Aust, dem wirtschaftsfreundlichen Windkraftfeind, hat die Stammleserschaft verschreckt. Rückenschmerzen, Psycholeiden, Liebesnöte – auch der Wellnesskurs unter Georg Mascolo und Matthias Müller von Blumencron (dem designierten Online-Chef der „Frankfurter Allgemeinen“) zog nicht immer. Die verkaufte Auflage liegt bei 878.000 pro Woche, vor zehn Jahren waren es weit über eine Million. Währenddessen wurde „Spiegel Online“ mit 173 Millionen Seitenaufrufen (Visits) und mehr als 890 Millionen Klicks auf Seiten (PIs) im Monatsschnitt 2012 zur meistgenutzten deutschen Nachrichtenwebsite.

In der KG jedoch haben nur „Printler“ Sitz und Stimme. Online bleibt außen vor. Printler verdienen ein Vielfaches, ihnen gehört der Laden, Onliner arbeiten härter und schneller. Es gärt. Es gab Tränen. Das Konstrukt gerät an seine Belastungsgrenze. Und die Redaktionen sind sich spinnefeind. „Wenn ,Spiegel Online‘ sich weiter so gut entwickelt, dann sollte man da eine Parität schaffen“, sagte Franziska Augstein in dieser Woche im NDR-Medienmagazin „Zapp“. Im Übrigen gehöre jeder „geteert und gefedert“, der an Blome festhalte. „Herr Blome steht für all das, wogegen der ,Spiegel‘ seit seinem Bestehen eingetreten ist. Mit ihm wurde die NSA-Affäre in ,Bild‘ heruntergespielt. Mein Vater hätte diese Personalie niemals durchgehen lassen.“

Büchner, der Mann mit der Mission, wurde 1966 in Speyer geboren, schrieb seine erste Geschichte mit 16 für die „Speyerer Tagespost“ (über das „Sommerfest der Vogelschutzfreunde in Hanhofen“) und wurde am katholischen Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses in München ausgebildet. Sein Politikstudium brach er ab, um nach der Wende in Halle und Magdeburg den „Express“ mit aufzubauen. Nach Stationen bei „Bild“, Associated Press (ap), Reuters und eben „Spiegel Online“ führte er ab 2009 die dpa ins Digitalzeitalter. Unter Büchner zog die Agentur von Hamburg nach Berlin um – pikanterweise als Untermieter beim Axel-Springer-Verlag.

Er bot allen das Du an und erntete viel Lob für seine Motivationskünste, wenngleich es auch „Wutanfälle“ gegeben habe. Als wirkmächtiger Autor trat er nicht in Erscheinung. Viele wundern sich, dass dieser erfahrene Kommunikator sich der hochnervösen „Spiegel“-Truppe derart offensiv nähert, statt auch dort – wie bei der dpa – für seine Position zu werben. Unsicherheit? Überforderung?

Wofür steht Büchner? Er lehne „Silodenken“ ab, sagte er vor der „Spiegel“-Mannschaft, und auch Blome „könne sich anpassen“. Das schreckte viele auf. Sich anpassen? Wie ein Fähnchen im Wind? Folgt der „Spiegel“ unter Büchner dem Trend zum politisch flexiblen, smarten Mediendienstleister, zum geschmeidigen Wohlfühljournalismus à la „Zeit“ und „stern“? Oder bleibt er das geschwätzfreie Korrektiv, die brummige Bastion von Haltung und Charakter, die er so lange war?

Der „Spiegel“ hat sich verändert, nicht erst, seit er Thilo Sarrazin zum „Volkshelden“ erklärte und dessen Buch – Seite an Seite mit „Bild“ – vorab druckte oder die „fabelhaften Guttenbergs“ feierte. Das Magazin habe sich eingerichtet in „Neugemütlichkeit“ und „freundlicher Langeweile“, sagte der Publizist Klaus Harpprecht (86) der „Süddeutschen Zeitung“. Politik? Ach Gott, ja. Ob sich die Haltung des „Spiegel“ unter ihm ändern werde, wollte ein Redakteur von Büchner wissen. Er verstehe die Frage nicht, sagte der.

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