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Medien & TV Yvonne Catterfeld dreht Sat.1-Film „Die Frau des Schläfers“ in Hannover
Nachrichten Medien & TV Yvonne Catterfeld dreht Sat.1-Film „Die Frau des Schläfers“ in Hannover
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15:20 16.11.2010
Von Hannah Suppa
Dreharbeiten für den Film "Die Frau des Schläfers" mit Yvonne Catterfeld im grünen Parka an der Stadtbahnhaltestelle Noltemeyerbrücke in Hannover.
Dreharbeiten für den Film "Die Frau des Schläfers" mit Yvonne Catterfeld an der Stadtbahnhaltestelle Noltemeyerbrücke. Quelle: Rainer Surrey
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Yvonne Catterfeld ist auf der Suche. Ratlos und verzweifelt huscht sie über die Stadtbahngleise an der Noltemeyerbrücke, fragend schaut sich die Schauspielerin als Karla Ben Yaki am Steintor um und kniet dann mitten auf der Georgstraße auf dem Asphalt. Ihr Sohn Hamy ist weg, in den Sudan verschleppt von ihrem arabischen Ehemann Zaid (René Ifrah) – der, so sagt der Bundesnachrichtendienst der Callcenter-Mitarbeiterin später, eigentlich ein islamistischer Terrorist sei, der in der Ferne plant, sich und viele andere in Hannover im Auftrag des gerade verstorbenen Vaters in die Luft zu sprengen.

Catterfeld hat sich mit dem Politthriller „Die Frau des Schläfers“ eine ernsthafte Rolle ausgesucht, abseits all des seichten Tamtams von einst – und ganz anders als die große Rolle, die sie doch eigentlich spielen sollte und wollte: Romy Schneider. Schade, dass daraus nichts geworden ist, mag man während dieses SAT.1-Fernsehfilms manchmal denken, denn: Diese Frau kann wirklich spielen.

Und sie tut dies in Hannover – die Leinestadt ist Kulisse für den von der Nordmedia geförderten Film. Vor einem Jahr drehte das Team in der Landeshauptstadt: am Goetheplatz, auf der Limmerstraße und im Winterzoo. All das ist auch in der Endversion des Films zu sehen. Anders als in den vergangenen „Tatort“-Folgen aus Hannover, in denen die Stadt lediglich als austauschbare Kulisse für Ermittlerin Charlotte Lindholm diente, geht dieser Fernsehfilm offensiv mit dem Drehort um.

Hannover zeigt sich hier zunächst als behagliche Heimat für die Familie Ben Yakin. Da kann Sohn Hamy durch die Altbauwohnung toben, und die Eheleute Karla und Zaid verbringen romantische Stunden im Zoo. Was Karla Ben Yakin aber nicht weiß, als sie mit ihrem Zaid durch den weihnachtlichen Zoo tollt: Das war’s jetzt erst mal mit den guten Momenten. Und so steht Ehefrau Karla am Morgen nach dem romantischen Winterzoobesuch plötzlich alleine in der Wohnung – Mann weg, Sohn weg, und der Bundesnachrichtendienst eröffnet ihr: Entschuldigen Sie die Störung, Ihr Mann ist ein Schläfer, wir beobachten ihn seit Jahren, schönen Tag noch.

Zaid hatte am Steintor gefälschte Pässe besorgt, in der Niki-de-Saint-Phalle-Promenade Passfotos für die heimliche Ausreise gemacht, auf der Limmerstraße falsche Papiere aus einem Kuschelkamel entfernen lassen, unbemerkt von Karla. Und nun? Die Mutter packt ihre Sachen und reist in den Sudan – sie will den gemeinsamen Sohn zurückholen und um ihre Ehe kämpfen. Als Lebensretter steht ihr der verdeckt arbeitende BKA-Ermittler Tarif al-Hiri (Ercan Durmaz) zur Seite. Karla schafft es nicht, mit ihrem Sohn zu fliehen – stattdessen fängt sie an, sich dem Leben als unfreie Frau anzupassen, aus Liebe zu ihrem Mann. Dann bricht Zaid auf, das blutige Versprechen an seinen Vater einzulösen.

„Es ist extrem emotional. Wir achten sehr darauf, nicht in Klischees zu verfallen“, hatte Yvonne Catterfeld vor einem Jahr bei einer Pressekonferenz gesagt. Und hatte Recht: Der Film meidet Stereotypen, bleibt überraschend kultursensibel. Ohne natürlich die unvermeidliche Botschaft zu transportieren: Mit Mutterliebe ist alles zu schaffen, auch über Staats- und Religionsgrenzen hinweg. Und, ganz wichtig, der Zuschauer bekommt auch noch einmal erklärt: Nicht alle Muslime sind Attentäter.

Die Bildungsfunktion übernimmt im Film ein Imam, der Karla erläutert: „Es gibt Menschen, die meine Religion missbrauchen, und vorgeben, danach zu leben.“ Das musste irgendwie kommen, derzeit, wo so viel über Integration und Vorurteile geredet wird – doch nötig war es nicht. Doch die Produzenten Martin Zimmermann und Bettina Brokemper sowie Regisseur Edzard Onneken sind bemüht, zu jeder Zeit politisch korrekt zu sein – Hilfestellung haben sie dabei vom Zentralrat der Muslime erhalten. Deren Generalsekretär Aiman Mazyek spielt gar einen hannoverschen Polizisten, der zu Karla sagt: „Ach, bei den Moslems weiß man ja nie so genau“. Das ist ziemlich selbstironisch für einen SAT.1-Film in der Primetime.

Dass aus dem großen Filmevent keine Kitsch-Veranstaltung geworden ist, ist vor allem Yvonne Catterfeld geschuldet. Sie ist als Neuauflage der Betty Mahmoody („Nicht ohne meine Tochter“) souverän und glaubhaft. Sie spielt gegen all die Naivität der Rolle und den versteckten Kitsch an – da sei auch der Wüsten-Dialog „Das ist das Gesetz meiner Familie“ – „Und was ist mit dem Gesetz unserer Liebe?“ verziehen. Die Handlung ist spannend aufgebaut, der Kameraführung gelingt es, zuweilen Kinoatmosphäre zu suggerieren. Zusammen macht das spannende, kurzweilige Unterhaltung – ohne großen Anspruch, aber auch ohne Patzer.