Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Medien & TV Zuckerberg will Facebook zur Unterhaltungsplattform umbauen
Nachrichten Medien & TV Zuckerberg will Facebook zur Unterhaltungsplattform umbauen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:14 18.09.2011
Von Frerk Schenker
Rund 750 Millionen Mitglieder hat Facebook weltweit. Ihnen will Mark Zuckerberg, Gründer des Onlinenetzwerks, künftig mehr bieten, als mit Freunden Nachrichten auszutauschen, Bilder hochzuladen oder Links zu teilen. Quelle: dpa
Anzeige

Den Durchblick zu behalten, ist für Facebook-Nutzer in diesen Tagen nicht einfach. Beinahe im Wochenrhythmus überrascht das Onlinenetzwerk seine Mitglieder mit neuen Funktionen, und kaum ist die eine vom Nutzer nachvollzogen, wird die nächste geschaltet. In der vergangenen Woche waren es sogar nur 24 Stunden, die zwischen zwei gewichtigen Neuerungen lagen. Erst stellten die Softwareentwickler automatische Freundeslisten vor, die ohne großes Zutun der Nutzer Ordnung in die mitunter Hunderte Kontakte bringen sollen. Tagsdrauf verkündete Facebook dann, dass sich künftig Nachrichten anderer Mitglieder abonnieren lassen, ohne mit diesen befreundet zu sein. Freundeslisten? Nachrichten-Abos? Klingt irgendwie bekannt. Und so fragte nicht nur das einflussreiche Technikblog „TechCrunch“ provokativ: „Kopiert Facebook jetzt Google+ und Twitter?“

Zumindest ein bisschen, müsste die Antwort lauten. Einträge von anderen Nutzern abonnieren, ohne mit ihnen ausdrücklich in Kontakt stehen zu müssen – das ist das Grundprinzip des Kurznachrichtendienstes Twitter. Automatische Freundeslisten und damit verbunden das Versprechen an den Nutzer, mehr Kontrolle über die eigene Privatsphäre zu bekommen – so lautete auch die Kernbotschaft des neuen sozialen Netzwerks Google+, das mit mittlerweile mehreren Dutzend Millionen Nutzern ein ernst zu nehmender Rivale geworden ist. Ist die simple Kopie also das neue Erfolgsrezept von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg?

Anzeige

Wohl kaum. Zwar kann die jüngste Offensive auch als direkte Reaktion auf den Rivalen Google+ verstanden werden, der mit einem neuartigen Konzept, frischer Optik und einer klaren Struktur neuen Wind in den Wettstreit der Onlinenetzwerke gebracht hat. Sie ist aber zugleich Teil einer umfassenden Weiterentwicklung der eigenen Plattform. Facebook-Chef Zuckerberg lässt seine Programmierer nämlich nicht nur ständig an neuen Funktionen basteln – mit einer gut gefüllten Kasse befindet er sich auch auf Einkaufstour. Beides mit dem Ziel, Facebook vom reinen Onlinenetzwerk zur Unterhaltungsplattform Nummer eins im Netz zu machen. Wer einmal in die Facebook-Welt eintaucht, soll sie nicht mehr verlassen müssen, so lautet die unausgesprochene Philosophie.

Schon jetzt ist Facebook dank „Farmville“ und „The Sims“ eines der größten Spieleportale im Internet, auf keiner anderen Seite speichern Internetnutzer so viele Bilder wie bei Facebook, und bei den Klickzahlen von Internetvideos ist Facebook hinter YouTube und dem Sony-Angebot Vevo unlängst die Nummer drei geworden. Doch das ist nicht alles: Auch bei Musik sollen Facebook-Nutzer künftig auf ihre Kosten kommen. So halten sich seit Monaten hartnäckig Gerüchte um eine Integration des Musik-Streamingdienstes Spotify. Glaubt man dem üblicherweise gut informierten Blog „Mashable“, könnte Zuckerberg die Kooperation an diesem Donnerstag auf der Facebook-Entwicklerkonferenz „f8“ in San Francisco verkünden.

Bei Kinofilmen gibt es Kooperationen bereits seit Anfang des Jahres. So nutzen die US-Kinoriesen Warner Brothers, Universal und Paramount das Netzwerk, um ihre neuesten Filme kostenpflichtig im Internet anzubieten – aktuell auch die deutsche Produktion „Kokowääh“ von Til Schweiger. Vor anderthalb Monaten kaufte Zuckerberg schließlich ein Startup-Unternehmen, dass die Idee von der Unterhaltungsplattform abrunden könnte. Mit Push Pop Press gehört Facebook jetzt eine Firma, die sich mit der Entwicklung von digitalen Büchern für Apples iPads und iPhones einen Namen gemacht hat.

Macht Facebook jetzt also auch in E-Books? Zuckerbergs Sprecher dementierten erwartungsgemäß – Szenekenner und Blogger vermuten aber ohnehin einen anderen Beweggrund für den Kauf. Mit dem Know-how von Push Pop Press könnte Facebook neue Türen aufstoßen bei der optischen Umsetzung und digitalen Vernetzung seiner eigenen Plattform. Nick Bilton, IT-Blogger der „New York Times“, glaubt, dass sich Facebook durch die Übernahme die dringend benötigte Hilfe bei seiner Strategie für iPhones und iPads gesichert habe. Hochkarätige Software-Entwickler der Firma, hieß es im August aus dem Umfeld von Push Pop Press, sollen bereits für Facebook arbeiten. Vielleicht aber überrascht Zuckerberg seine Konkurrenten Apple, Amazon und Google auch und verkauft irgendwann doch digitale Bücher – trotz aller Dementis.

Der Umbau zur Unterhaltungsplattform soll Facebook jedenfalls vor einem Schicksal bewahren, das anderen Platzhirschen im Netz widerfahren ist: der jähe Absturz nach dem steilen Aufstieg. Der Netzwerkpionier Myspace oder die beiden Internetriesen AOL und Lycos galten über Jahre hinweg als nahezu unantastbar, bis die eigenen Erfolge die Innovationskraft und Neuausrichtung lähmten. Heute spricht kaum noch einer über sie. Das will Zuckerberg unbedingt verhindern – ob nun mit oder ohne E-Books.