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Medien Sie wollte den Krieg zeigen
Nachrichten Medien Sie wollte den Krieg zeigen
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00:16 07.04.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Anja Niedringhaus wurde am 4. April 2014 in Afghanistan von einem Polizisten erschossen. Quelle: dpa
Hannover

Sie hat im Irak fotografiert, in Bosnien, in Libyen, in Pakistan und in Afghanistan. Sie hat den Pulitzerpreis für Fotografie erhalten.

Ihre Bilder wurden in Ausstellungen gezeigt. Es sind Bücher mit ihren Fotos erschienen. Eigentlich hätte sie es nicht mehr nötig gehabt, dorthin zu gehen, wo der Krieg ist. Zwischen ihren Kriegseinsätzen für die Agentur ap hat sie immer auch Sportfotos gemacht. Sie liebte diesen Kontrast: kaum aus Afghanistan zurück, schon im Wimbledon am Tennisplatz. Sie hätte auch als Sportfotografin weitermachen können. Aber das wollte sie nicht. Sie wollte den Krieg zeigen.

Wenn man sie gefragt hat, warum sie sich immer wieder der Gefahr aussetzt, gab sie die Antwort, die Kriegsfotografen auf diese Frage eben geben: dass man es tun müsse. Dass man zeigen müsse, wie es ist. Dass es Kriegsreporter sind, die das wahre Gesicht des Krieges zu zeigen vermögen. Dass man die Opfer nicht allein lassen dürfe. Nun ist sie selbst zum Opfer des Krieges geworden. In Afghanistan. Erschossen von einem Polizisten. Keine Stunde nachdem die Agentur die Angehörigen informiert hatte, ging die Nachricht von ihrem Tod durch die Medien.

Anja Niedringhaus ist in Höxter aufgewachsen. Dort erscheint die Neue Westfälische. Deren Mitarbeiter mussten immer alles machen: recherchieren, schreiben, fotografieren. Anja, die schon als Schülerin dort anfing, konnte das alles. Aber sie liebte das Fotografieren. Zum Studium wechselte sie nach Göttingen und arbeitete für das Göttinger Tageblatt.

Sie war schnell und sie war gut und sie hatte viel zu tun. Damals wurde den Fotografen beim Göttinger Tageblatt Zettel in die Hand gedrückt, auf denen die Adresse und das gewünschte Motiv handschriftlich eingetragen war. Auf einem ihrer Zettel stand als Adresse ein Parkplatz am Wald und das Wort „Hirche“.

Sie hatte das in der Eile nicht richtig gelesen und fragte einen der herumstehenden Herren, wo denn die Hirsche seien, die hier fotografiert werden sollen. Der Mann war Walter Hirche, damaliger Wirtschaftsminister Niedersachsen. Es gab eine kurze Verwirrung, aber keinen Ärger. Denn Anja Niedringhaus verfügte über eine geheimnisvolle Ärgervermeidungkraft.

Die deutsche Kriegsfotografin Anja Niedringhaus war bekannt für ihre Berichterstattung im Irak und gewann den Pulitzer-Preis.

Sie ging dem Ärger nicht aus dem Weg, sie lächelte ihn einfach weg. Sie hatte eine unglaublich burschikose Art. Wohl fast jeden, der mit ihr sprach, brachte sie dazu, mit ihr in einen leicht albernen Tonfall der Kumpeligkeit zu fallen. Für eine Fotografin in der Männerkriegswelt war das ein entscheidender Vorteil. Sie konnte mit jedem. Diese Offenheit, diese Lust am Witz, mit der sie das Grauen, das sie kannte, kurz mal zur Seite schieben konnte, verliehen ihr auch die Aura der Unverwundbarkeit.

Ihre Erzählungen von ihren Kriegseinsätzen waren immer Erzählungen von Gemeinschaft. Ob sie von den jungen amerikanischen Soldaten berichtete, halben Kindern noch, mit denen sie im Mannschaftswagen unterwegs war, oder von der Besatzung eines Hubschraubers, der verwundete Soldaten aus dem Schlachtfeld flog, immer war schnell vom Gemeinschaftsgefühl die Rede.

Manchmal erzählte sie von zerschossenen Hotelzimmern, wo sie die Nacht mit den anderen Kriegsreportern verbrachte. Von den „alten Hasen“ sprach sie, vom Lachen und Trinken, von Whisky und Benzin, von Wurst und Schokolade, den wichtigen Währungen in Krisengebieten. Ihre Geschichten aus dem Krieg waren nicht frei von Romantik.

Aber wie hätten sie das auch sein können? Anja Niedringhaus war schließlich mit dem Herzen bei der Sache. Sie wollte Bilder aus dem Krieg, die den Schrecken des Krieges zeigen, aber nicht wie alle anderen Kriegsbilder aussehen. Also fotografierte sie anders. Einige ihrer Bilder werden für immer im Gedächtnis bleiben: der Soldat mit der Puppe, die hinten aus dem Rucksack ragt. Die amerikanischen Soldaten, die im Kreis sitzen und alle ganz grau aussehen und in ihrer Mitte ein roter Nikolaus.

Der Panzer am Strand, hinter dem die Kinder im Wasser spielen. Überhaupt Kinder: Sie sind die Hauptleidtragenden aller Kriege und ihnen galt das besondere Augenmerk der Fotografin: ein Junge in einem verlassenen albanischen Flüchtlingscamp, der sich zum Schutz vor dem Regen den zerschlissenen Pullover über den Kopf gezogen hat, ein Mädchen in Bosnien mit einer Puppe in der Hand – hinter ihm ein Berg von zerstörtem Hausrat. Eine tote junge Frau auf einer Trage, neben ihr kniet eine ältere Frau, die ihr mit alten Händen die Augen schließt.

Ein paar Mal wäre es beinahe passiert: in Sarajewo wurde sie von einem Heckenschützen getroffen – dank der kugelsicheren Weste, die sie trug, ist ihr nichts passiert, in Belgrad war sie in einen Unfall verwickelt, in Afghanistan wurde sie 2010 verletzt. Aber: Je länger sie dabei war, umso unverwundbarer schien sie zu sein.

Anja Niedringhaus hat junge Fotografen stets davor gewarnt, unvorbereitet in Krisengebiete zu gehen. Sie kannte das Risiko. Seit mehr als dreißig Jahren hat sie den Krieg fotografiert. Sie kannte sich aus. Sie wusste, was sie schützen würde: ihr Instinkt. Im Krieg konnte sie sich auf ihn verlassen. In Afghanistan wurde sie jetzt von einem Polizisten erschossen. Ihre Kollegin, die kanadische Reporterin Kathy Gannon wurde dabei schwer verletzt. Vielleicht war das eine andere Art von Krieg. 

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